Ein Fernrohr wird zum Werkzeug für einen neuen Roman
Wie weit darf eine Schriftstellerin gehen, wenn sie das Leben anderer zu ihrem Stoff macht? Und was passiert, wenn ihre erfundene Version der Ereignisse schließlich auf die Wirklichkeit zurückwirkt? In „Parallele Leben“ beschäftigt sich Asghar Farhadi mit der Grenze zwischen Beobachtung, Interpretation und Wahrheit – und versammelt dafür ein französisches Star-Ensemble um Isabelle Huppert, Virginie Efira, Vincent Cassel, Pierre Niney und Catherine Deneuve.
Im Zentrum steht die Pariser Schriftstellerin Sylvie, gespielt von Isabelle Huppert. Sie lebt zurückgezogen zwischen ihren Büchern und steckt in einer hartnäckigen Schreibblockade. Inspiration findet sie schließlich nicht auf dem Papier, sondern auf der anderen Straßenseite. Durch ein altes Fernrohr beobachtet Sylvie eine gegenüberliegende Wohnung. Dort arbeiten die Brüder Nicolas und Théo (Vincent Cassel) und Pierre Niney, gemeinsam mit ihrer Kollegin Nita an der Vertonung von Filmen. Für Sylvie wird ihr Alltag zum Rohmaterial für eine Geschichte. Doch ihre Beobachtungen haben eine entscheidende Lücke: Sie kann sehen, was in der Wohnung geschieht, aber nicht hören, worüber die drei Menschen sprechen. Also beginnt sie, die fehlenden Teile selbst zu ergänzen.
Aus Gesten und Situationen entstehen Dialoge, Zusammenhänge und Motive, deren Wahrheitsgehalt zunehmend zweitrangig wird. Was Sylvie nicht wissen kann, erfindet sie. Damit stellt Farhadi eine Frage ins Zentrum, die über die Geschichte einer Schriftstellerin hinausgeht: Wie zuverlässig ist eine Wahrheit, die allein aus dem Beobachteten konstruiert wird? Sylvie macht aus realen Menschen Figuren und aus Ausschnitten ihres Lebens eine Erzählung, ohne zu wissen, wie viel davon tatsächlich stimmt.

Als die erfundene Geschichte auf die Wirklichkeit trifft
Eine weitere Ebene kommt hinzu, als Sylvie den jungen Adam engagiert, um sie in ihrem Alltag zu unterstützen. Adam Bessa übernimmt die Rolle des jungen Mannes, dessen Anwesenheit dazu beiträgt, die vermeintlich klaren Grenzen zwischen Sylvies literarischer Konstruktion und der realen Welt aufzulösen. Was zunächst als distanzierte Beobachtung beginnt, bleibt nicht auf den Seiten ihres Romans.
Sylvies Geschichten entwickeln Konsequenzen außerhalb ihrer Wohnung. Realität und Fiktion greifen zunehmend ineinander, bis nicht mehr eindeutig ist, welche Version der Ereignisse noch als verlässlich gelten kann. Aus dieser Verschiebung entwickelt Farhadi sein Drama allmählich in Richtung Thriller. Das Alltägliche wird dabei zum Ausgangspunkt einer Geschichte über Wahrnehmung, Verantwortung und die Folgen einer Erzählung, die sich von ihrer Urheberin zu lösen beginnt.

Asghar Farhadi versammelt französisches Star-Ensemble
Für „Parallele Leben“ konnte der iranische Regisseur eine prominente Besetzung zusammenbringen. Neben Isabelle Huppert als Sylvie spielen Virginie Efira als Nita, Vincent Cassel als Nicolas und Pierre Niney als Théo. Adam Bessa verkörpert Adam. Catherine Deneuve übernimmt eine Nebenrolle. Farhadi gewann bereits zweimal den Oscar für den besten internationalen Film: für „Nader und Simin – Eine Trennung“ sowie „The Salesman“.
Seine Filme kreisen immer wieder um unterschiedliche Wahrnehmungen derselben Ereignisse, moralische Konflikte und Situationen, in denen vermeintliche Gewissheiten durch neue Informationen ins Wanken geraten. Das Drehbuch zu „Parallele Leben“ schrieb Asghar Farhadi gemeinsam mit seinem Bruder Saeed Farhadi. Der Film feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes.





