Das Plakat zur Berlinale 2024

Berlinale: Sektion Berlinale Special – Weltpremiere

Inhalt: Die zurückhaltende Fitnessstudio-Managerin Lou verliebt sich in Jackie, eine ehrgeizige Bodybuilderin, die auf der Durchreise nach Vegas ist, um ihren Traum zu verwirklichen. Doch ihre Liebe führt zu Gewalt und reißt sie tief in die Machenschaften von Lous krimineller Familie hinein.

© A24

FILM KRITIK

Die Fitnessstudio-Mitarbeiterin Lou beobachtet Tag und Nacht, wie die Leute ihre Körper stählen, während sie die verstopften Toiletten putzt oder eine Reihe von Fragen beantworten muss. Eines Tages taucht die Bodybuilderin Jackie im Fitnessstudio auf. Lou findet sie sofort interessant. Sie beginnen eine lockere Beziehung, bis zu dem Moment, in dem beide merken, dass sich etwas mehr zwischen ihnen entwickelt hat.

Lou will Jackie helfen, sich auf einen Bodybuilding-Wettbewerb vorzubereiten. Dann landet Lous Schwester wieder einmal im Krankenhaus, da sie von ihrem eigenen Mann verprügelt wurde, den Lou am liebsten umbringen würde. Aus Wut übernimmt Jackie diese Aufgabe für sie. Doch die Probleme des Liebespaars fangen gerade erst an.

Berlinale 2024 „Young Hearts“

Rose Glass bringt einen sehr experimentellen Thriller zur diesjährigen Berlinale. Der Thriller enthält auch eine süß-salzige Liebesgeschichte, die gleichermaßen tragisch wie sinnlich ist. Wenn es um Selbstliebe, Körperideale und Gewalt geht, ist Amerika häufig Schauplatz solcher Themen. Auch wenn das kleine Städtchen, in dem der Film spielt, für jeden Ort der Welt stehen könnte, an dem der Waffenbesitz legalisiert wurde.

Wirklich toll sind die Aufnahmen eines Fitnessstudios, in dem wir schwitzende Männer und Frauen sehen, die an ihren Muskelbergen arbeiten, während Schilder an den Wänden das Bodybuilding anpreisen. Hier spiegelt sich auf großartige Weise ein Teil der Gesellschaft wider, die sich über ihren Körperbau definiert und deren Kapital ihr Körper ist.

Katy O’Brian, Kristen Stewart in Love Lies Bleeding
Katy O’Brian, Kristen Stewart in Love Lies Bleeding © A24 / Foto-Credit: © Anna Kooris

Katy O’Brien spielt hingebungsvoll mit einer starken Figurenwandlung

Und mittendrin die im Gegensatz dazu dürre, am Anfang recht mürrische und rebellische Lou, die an der Seite von Jackie immer mehr aufblüht, bis sie am Ende selbst das Ruder in die Hand nimmt. Dabei ist die Rolle von Stewart nicht die stärkste in dieser verrückten Achterbahnfahrt von einem Film. Katy O’Brien ist als Jackie so fantastisch, dass sie Stewart die Show stiehlt.

Hier muss auch betont werden, dass Stewart leider immer wieder in alte Muster verfällt. Vor allem wenn sie nervös ist und ihre Augenlider zucken, oder ihre Atmung ziemlich unecht wirkt. Sie errinert leider stark an ihre Spielweise der Twilight-Filme, von denen sie sich dank einiger anderer toller Filme längst gelöst hatte.

Berlinale 2024 „My Summer With Iréne“

O’Brien hingegen spielt mit Hingabe den Drogen- und Rauschwahn bis hin zum Gewaltrausch und der Verherrlichung extremer Körperbilder. Ihre Verwandlung im Film ist so ausgeprägt, dass sie am Ende des Films eine völlig andere Figur darstellt. Aber auch kleinere Auftritte von Dave Franco oder Ed Harris sind gut gezeichnet und grandios gespielt.

Vor allem Ed Harris, der den eiskalten Mafioso rigoros mimt, vor Wut einer Kakerlake den Kopf abbeißt oder ausdruckslos seine Tochter töten will. Als wäre ihm diese Rolle auf den Leib geschneidert, nimmt er sie an und liefert sich ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen mit Stewart.

BERLINALE 2024
© Internationale Filmfestspiele Berlin

Der Film spricht die verschiedenen Formen von Liebe gekonnt an

Es scheint das Jahr des guten Tons zu sein, denn auch hier macht das Sounddesign den Unterschied. Wir sehen zum Beispiel, wie Jackies Muskeln wachsen, wenn sie wütend ist, und das Geräusch fährt dem Zuschauer direkt durch Mark und Bein.

Das Sound-Design erzeugt einerseits eine fast romantische Stille und andererseits durch das Fehlen jeglicher Geräusche grandiose Momente der Spannung. Der Film ist generell sehr unaufgeregt, aber wenn Musik eingesetzt wird, harmoniert das Ganze miteinander. Als Zuschauer erlebt man in diesem Film Momente, die man einfach nicht so schnell vergisst. Im Kern geht es um die Liebe und wie wahnsinnig sie einen machen kann.

Berlinale 2024 „Sieger Sein“

Ob es die Liebe zur eigenen Schwester ist, die an ihrem gewalttätigen Ehemann hängt, die Liebe zu einem Vater, der krumme Geschäfte macht, oder die Liebe zu einem Menschen, der gerade erst ins eigene Leben getreten ist. Der Film spricht all diese Formen der Liebe an, und wir können uns mit ihnen identifizieren. Auch wenn der Satz von Lou an ihre Schwester, „Du bist ein Vollidiot“, sehr befreiend wirkt.

Die Figuren finden alle ihren Platz, jedenfalls kurz. Und so ist der Film ein gutes Beispiel dafür, wie man etwas unsinnige Charaktere gekonnt in Szene setzt, ohne sie dumm erscheinen zu lassen.

Love Lies Bleeding
© A24

Der Film findet viele Wege, den Zuschauer zu verstören

Ob verstopfte Toiletten in Großaufnahme, gebrochene und ausgerenkte Kiefer oder enormer Muskelzuwachs: Der Film findet viele Wege, den Zuschauer zu verstören. Eine Szene ist dabei völlig überflüssig: Als Jackie inmitten des ganzen Wahnsinns plötzlich zu einer überdimensionalen Frau wird, trifft das den Humor nur bedingt.

Berlinale 2024 „My New Friends“

Letztlich ist Glass‘ Werk ein gelungener Film, der über seine 100 Minuten Laufzeit die Spannung aufrechterhält und eine Sogwirkung entwickelt. Und das sowohl durch seine Erzählweise als auch durch seine großartigen schauspielerischen Leistungen.

Fazit: Inmitten einer wirklich tollen Kulisse und gelungenen Set-Designs ist der Film blutig und gewalttätig, ohne dabei Gewalt zu verherrlichen. Er bietet erfrischend schöne Sexszenen zweier Frauen und wird im Verlauf immer abgedrehter, auch wenn er relativ harmlos anfängt. Genau so sollte Kino sein und „Love Lies Bleeding“ macht als romantischer Thriller einfach Spaß.

Film Bewertung 9 / 10