Das Plakat zur Berlinale 2024

Inhalt: So unbeschwert wie sich die Ferienauszeit zunächst anfühlt, ist sie es eigentlich nicht. Denn diese wird von dem Krankenhaus organisiert, indem Iréne und Clara in Behandlung sind. Als Iréne erfährt, dass ihre Mutter im Anschluss nicht mit ihr in den Urlaub fahren wird, schnappt sie sich Kurzerhand Clara und fährt mit ihr ans Meer.

Dort versuchen die beiden gegensätzlichen Mädchen die Augen vor der Vergangenheit zu verschließen und einen ungezwungenen Sommer zu erleben, mit allem, was in ihrem Alter dazugehört. Während sie die Sonne konstant versuchen zu vermeiden, sagen sie zu einer Bootsfahrt mit einer Gruppe von Jungen nicht „nein“.

© IONCINEMA

FILM KRITIK

„No coffee no poetry.“ (“Kein Kaffee, keine Poesie.”)

Sphärische Musik, 90er Jahre Feeling und das sommerliche Italien am Meer. Das sind die drei Zutaten für Carlo Sironis Film „My Summer with Iréne“. Gerade dieser andere Charme, welchen sommerlich angehauchte Filme immer transportieren, lässt sich auch hier wiederfinden.

Dabei tappt der Zuschauer, was die Richtung des Filmes angeht, vor allem in den ersten 20 Minuten, ordentlich im Nebel. Sironi lässt sich Zeit und Ruhe seine Geschichte zu erzählen, was zwar zu den ruhigen sommerlichen Bildern passt, den Zuschauer aber gleichzeitig fast zu verlieren droht.
Dennoch schafft es der Film, einen starken Sog zu entwickeln.

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Beide Hauptfiguren sind sehr schlanke, fast ikonische Schönheiten der damaligen Zeit, die viele Fragen aufwerfen, die leider weitgehend unbeantwortet bleiben: Es gibt keinen Hinweis, woher sie kommen, keinen Background, abgesehen von einem Telefonat zwischen Iréne und ihrer Mutter.

Das hindert den Zuschauer daran, ein Verständnis für ihre Situation zu entwickeln. Das ist ein bisschen schade, weil es viel mehr Tiefe gebracht hätte, sie in den Kontext der Ereignisse zu stellen.

Noée Abita, Maria Camilla Brandenburg
in My Summer With Irene - Berlinale 2024
Noée Abita, Maria Camilla Brandenburg in My Summer With Irene – © Internationale Filmfestspiele Berlin / Berlinale 2024

Die Leichtigkeit der Jugend

Dadurch beginnt der Zuschauer jedoch, seine eigenen Vermutungen darüber anzustellen, welche Krankheit die beiden Mädchen plagt. Durch kleine Details und Randbemerkungen erhält man zwar ein paar Hinweise, aber Sironi macht auch schnell klar, dass es hier gar nicht darum geht. Denn das „Leiden“, das mit der Krankheit verbunden ist, wird hier fast vollständig ausgeblendet.

Und das ist es auch, was die beiden Mädchen sich wünschen: Sie wollen nicht leiden. Sie wollen weg, weg von allem, was sie an die Vergangenheit erinnert, hin zu der Leichtigkeit, die andere in ihrem Alter spüren dürfen. Und genau das gelingt ihnen in den 90 Minuten und das ist es auch, was Sironi hier einzufangen versucht.

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Stattdessen findet Sironi mehr Raum für andere Themen, wie die erste Liebe, die hier so leicht und wunderschön erzählt wird, dass man vergessen könnte, warum die Mädchen überhaupt weggelaufen sind. Und das ist auch die Botschaft von Sironi: das Leben wirklich zu genießen, vor allem, wenn die Zeit knapp zu werden scheint.

Aber Sironi vergisst nicht, warum seine Hauptfiguren auf der Flucht sind: Wir sind Vampire, sagt Irene an einer Stelle auf die Frage, ob ihr die langen Kleider in der Sonne nichts ausmachen. Die unterschwellige Spannung, die im Laufe der 90 Minuten immer stärker zu brodeln beginnt, wird spannend erzählt.

Immer wieder wird dem Zuschauer bewusst, dass es kein gewöhnlicher Sommer für die beiden Mädchen ist. Vor allem Irene versucht, dem nachzujagen, von dem sie offenbar weiß, dass sie es sonst nie bekommen wird.

Noée Abita, Maria Camilla Brandenburg in My Summer With Irene - Berlinale 2024
Noée Abita, Maria Camilla Brandenburg in My Summer With Irene © Internationale Filmfestspiele Berlin / Berlinale 2024

Der Zuschauer wird zu sehr auf Distanz gehalten

Aber selbst wenn Sironi schöne Bilder findet, wird der Zuschauer manchmal auf Distanz zu den Mädchen gehalten. Man bekommt nur geringe Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt, zu wenig, um wirklich eine Verbindung zu den Figuren aufzubauen.

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Es sind mehr oder weniger nur Momentaufnahmen, eingefangen wie ein besonders schöner Urlaubsfilm. Ohne die dunkle Vorahnung, dass mit der Idylle des italienischen Meeres irgendetwas nicht stimmt, wäre der Film nur eines: Sonne, Meer, Strand und ein paar junge Leute, die ein bisschen rebellisch sind.

Zu wenig, um wirklich etwas zu bewirken. Aber vielleicht ist das auch nicht das, was der Film will. Spannend ist jedoch die Wendung in der Geschichte der Hauptfiguren: Iréne, die immer stiller wird, und Clara, die mehr und mehr zum Leben erwacht.

Maria Camilla Brandenburg, Claudio Segaluscio - Berlinale 2024
Maria Camilla Brandenburg, Claudio Segaluscio © Internationale Filmfestspiele Berlin / Berlinale 2024

Das Schauspiel von Noée Abita und Maria Camilla Brandenburg entwickelt sich auf eine wunderbar unkomplizierte und leichte Weise. Es ist schön zu sehen, wie die beiden Hauptdarstellerinnen eine so natürliche und sympathische Chemie auf der Leinwand erzeugen. Die Freundschaft, die sich dabei entwickelt, bildet den Kern der Geschichte von Sironi.

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Man spürt das sommerliche Italien, das Meer, die Wärme der Sonne, man kann es förmlich riechen. Die Verbindung, die sich zwischen den Mädchen entwickelt, ist zwar liebevoll erzählt, aber es fehlt ihr an Tiefe. Das Ende lässt auch viele Dinge ungeklärt, was vielleicht nicht so sehr ins Gewicht fällt, da wir ohnehin nur sehr wenig über die Mädchen erfahren. Schade es ist trotzdem.

Fazit: Bedauerlicherweise ist das Konstrukt des Films aufgrund seiner Schwächen ein wenig wackelig. Und auch der beste Urlaubsfilm kann nicht nur von Luft und Liebe leben.

Film Bewertung 5 / 10