THE LAST HOUSE

Inhalt: Eine vierköpfige Familie wird plötzlich in ihrem Haus eingesperrt und muss zusammenarbeiten, um einen Ausweg zu finden. Dabei schwinden ihre Vorräte und sie müssen einer mysteriösen, drohenden Gefahr standhalten, die sie nicht entkommen lässt.

Eingesperrt im eigenen Zuhause

„Wie unpassend, diesen Planeten Erde zu nennen, wo er doch eindeutig ein Ozean ist.“ Mit diesem Zitat von Arthur C. Clarke beginnt THE LAST HOUSE. Mit den philosophischen Dimensionen von 2001: Odyssee im Weltraum hat Louis Leterriers Science-Fiction-Thriller wenig gemein. Stattdessen erwartet uns eine vergleichsweise kompakte Netflix-Produktion, die aus einem einfachen Szenario möglichst viel Spannung gewinnen möchte.

Eine etwas schwerfällige Off-Stimme führt in die Katastrophe ein. Nach einem unnatürlichen Niederschlag sitzen die Delgados plötzlich in ihrem Vorstadthaus fest. Mutter Ann (Greta Lee), Vater Jason (Wagner Moura), Tochter Ruth (Riley Chung) und Sohn Graham (Noah Alexander Sosnowski) stellen fest, dass Türen und Fenster hermetisch verschlossen sind. Niemand kann hinaus. Auch die Nachbarn scheinen dasselbe Schicksal zu teilen. Was geschehen ist, bleibt zunächst unklar. Gerade daraus entwickelt THE LAST HOUSE seine stärkste Phase. Statt die Katastrophe sofort zu erklären, konzentriert sich der Film darauf, wie eine Familie mit einer Situation umgeht, für die es keine Regeln gibt.

In dieser erzwungenen Isolation findet sich unübersehbar ein Nachhall der Corona-Pandemie. Während außerhalb der eigenen vier Wände eine kaum greifbare Bedrohung lauert, versuchen die Delgados, innerhalb ihres Hauses eine Form von Normalität aufrechtzuerhalten. Sie schauen DVDs, hören Schallplatten, spielen Brettspiele und suchen nach kleinen Ritualen, die verhindern sollen, dass Angst und Ungewissheit vollständig die Kontrolle übernehmen. Damit entwickelt THE LAST HOUSE eine interessante Parallele zu Leave the World Behind.

The Last House. (L-R) Greta Lee als Ann, Riley Chung als Ruth and Wagner Moura als Jason in The Last House
The Last House. (L-R) Greta Lee als Ann, Riley Chung als Ruth and Wagner Moura als Jason in The Last House. Cr. Courtesy Netflix © 2026 Netflix, Inc.

Zwischen Weltuntergang und Familienalltag

Ausgerechnet ein Streamingfilm wird stellenweise zu einer kleinen Liebeserklärung an physische Medien und analoge Beschäftigungen. Wenn Internet, Kommunikation und gewohnte gesellschaftliche Strukturen ihre Bedeutung verlieren, werden DVDs, Vinylplatten und Brettspiele plötzlich wieder zu wertvollen Bestandteilen des Alltags. Gleichzeitig muss die Familie immer pragmatischer mit ihren begrenzten Ressourcen umgehen. Nahrung, Wasser und sämtliche Gegenstände des Hauses bekommen einen neuen Stellenwert.

Gerade diese kleinen Probleme funktionieren erstaunlich gut, weil sie das apokalyptische Szenario auf eine nachvollziehbare Ebene herunterbrechen. Mit Greta Lee und Wagner Moura stehen dafür zwei Schauspieler zur Verfügung, die wesentlich komplexeres Material gewohnt sind. Lee bewies spätestens mit Past Lives, wie viel sie über minimale Gesten und Blicke erzählen kann, während Moura mit The Secret Agent eine ähnlich differenzierte Seite seines Spiels gezeigt hat. THE LAST HOUSE gibt beiden allerdings nur begrenzt Gelegenheit, diese Qualitäten auszuspielen. Das Drehbuch bleibt häufig funktional, manche Dialogzeile bewegt sich auf dem vertrauten Niveau eines „Was zum Teufel ist hier los?“.

Dennoch verleihen Lee und Moura der Familie genügend Glaubwürdigkeit, um die reduzierte Versuchsanordnung über längere Strecken zu tragen. Für Louis Leterrier ist diese Beschränkung durchaus interessant. Der französische Regisseur ist mit der Transporter-Reihe groß geworden und inszenierte zuletzt mit Fast X jenes Actionkino, in dem ein Auto problemlos zwei Hubschrauber gleichzeitig aus der Luft holen darf.

The Last House. Emma Ho als Ruth in The Last House
The Last House. Emma Ho als Ruth in The Last House. Foto Credit Chris Baker / Netflix © 2026 Netflix, Inc.

Louis Leterrier tauscht Spektakel gegen klaustrophobische Enge

THE LAST HOUSE bildet dazu beinahe das Gegenprogramm. Statt ständig neue Schauplätze und größere Actionsequenzen aufzubieten, bleibt Leterrier innerhalb der vier Wände des Familienhauses. Aus dieser räumlichen Begrenzung entwickelt der Film einige einfallsreiche Situationen. Die Frage lautet nicht, wie sich die Menschheit retten lässt, sondern zunächst ganz banal, wie lange vier Menschen mit dem überleben können, was sich zufällig in Kühlschrank, Speisekammer und Schränken befindet. Gerade diese Konzentration ist wesentlich reizvoller als das, was später folgt.

Im dritten Akt verliert THE LAST HOUSE einen Teil seiner zuvor aufgebauten Wirkung. Die menschliche Ausnahmesituation weicht zunehmend computergenerierten Tentakelmonstern und einer deutlich konventionelleren Science-Fiction-Auflösung. Wo die Unsicherheit zuvor Raum für eigene Vorstellungen ließ, versucht der Film plötzlich, seine Bedrohung sichtbar und größer zu machen. Ausgerechnet dadurch wird sie weniger interessant.

Die klaustrophobische Vorstellung, im eigenen Zuhause eingeschlossen zu sein und nicht zu wissen, was draußen geschieht, besitzt mehr Kraft als das digitale Spektakel des Finales. Leterrier beherrscht große Effekte zweifellos, doch THE LAST HOUSE funktioniert am besten, wenn er sie gerade nicht einsetzt. THE LAST HOUSE ist kein großer Science-Fiction-Entwurf und schöpft insbesondere das Potenzial von Greta Lee und Wagner Moura nicht vollständig aus. Als kompakter apokalyptischer Thriller funktioniert die Grundidee dennoch erstaunlich gut.

Fazit: Die Beschränkung auf das Familienhaus, der Umgang mit knapper werdenden Ressourcen und die Erinnerungen an die Isolation der Pandemie geben dem Film eine interessante Grundlage. Erst als im letzten Drittel digitale Monster das zuvor wesentlich spannendere Unbekannte ersetzen, verliert die Geschichte an Wirkung. Arthur C. Clarke ist das nicht. Für einen unterhaltsamen Netflix-Abend reicht es aber durchaus: eher ein paar ordentliche Regenschauer als der perfekte Sturm.

Film Bewertung 6 / 10