The End of Oak Street Filmplakat

Inhalt: Ein unerklärliches kosmisches Ereignis reißt die Oak Street aus ihrem Vorstadtidyll heraus und befördert die gesamte Nachbarschaft an einen unbekannten Ort. Die Mitglieder der Familie Platt müssen in dieser für sie völlig fremden Umgebung schnell feststellen, dass sie nur dann überleben können, wenn sie eng zusammenstehen.

Mit „The End of Oak Street“ wagt sich David Robert Mitchell nach The Myth of the American Sleepover und It Follows nun erstmals mitten ins Sommer-Blockbuster-Territorium – und gibt sich dabei mit sichtlicher Freude den großen Gesten des Genrekinos hin. Wir befinden uns im Jahr 1982, mitten im vorstädtischen Amerika der Polaroids, Dauerwellen und Lattenzäune an Vorstadtgärten. Hier leben die Platts, eine auf den ersten Blick nahezu perfekte amerikanische Vorzeigefamilie, deren Alltag von Michael Giacchinos unverkennbar an John Williams erinnernder Filmmusik begleitet wird.

Doch hinter der sorgfältig gepflegten Fassade stimmt längst nicht mehr alles. Vater Greg (Ewan McGregor) hat seinen Job verloren und angefangen zu trinken. Mutter Denise (Anne Hathaway) ist eine frustrierte Schriftstellerin, Sohn Brian (Christian Convery) raucht heimlich und Tochter Audrey (Maisy Stella) fürchtet, dass sich ihre Eltern scheiden lassen könnten – während sie nebenbei bemerkenswert treffend Carl Sagan zitiert.

Wer bei dieser Konstellation bereits an Steven Spielberg denkt, liegt keineswegs falsch. Mitchell macht aus seinen Einflüssen keinen Hehl. Radfahrende Kinder, eine auseinanderzubrechen drohende Familie, geheimnisvolle Lichtquellen und schließlich ein T-Rex: „The End of Oak Street“ greift die Bildsprache und erzählerischen Motive des Spielberg-Kinos der 1980er und frühen 1990er Jahre mit großer Begeisterung auf. Selbst ein gigantischer Haufen Dinosaurierkot darf nicht fehlen.

THE END OF OAK STREET
© Warner Bros. DE

Willkommen im Jurassic Park der amerikanischen Vorstadt

Mitchell begnügt sich nicht damit, bekannte Bilder einfach nachzustellen. Fast hinterhältig entwickelt sich „The End of Oak Street“ zu einem waschechten Dinosaurierfilm, der mit „Jurassic“-Anspielungen spielt und seine prähistorischen Kreaturen wirkungsvoller einzusetzen weiß als so mancher jüngere Beitrag des berühmten Franchise. Vor allem die Begegnungen zwischen Menschen und Dinosauriern funktionieren, weil Mitchell nicht permanent auf maximale Lautstärke setzt.

Er baut Situationen auf, lässt Figuren beobachten und reagieren und nutzt Räume, Sichtachsen und Geräusche, bevor die eigentliche Gefahr sichtbar wird. Dadurch entstehen einige herrlich spannungsgeladene Sequenzen. Auch handwerklich besitzt der Film deutlich mehr Eigenständigkeit, als seine zahlreichen Referenzen zunächst vermuten lassen. Die Kamera setzt auf sorgfältig komponierte Einstellungen und auffällige Split-Diopter-Aufnahmen, die Vorder- und Hintergrund gleichzeitig scharf halten und damit eine Bildgestaltung aufgreifen, wie sie vor allem das amerikanische Kino der 1970er und frühen 1980er Jahre geprägt hat.

Mitchell nähert sich damit weniger der heutigen digital geglätteten Retro-Ästhetik als vielmehr den Autorenfilmern des New Hollywood. Ohne die hervorragend integrierten CGI-Effekte könnte man stellenweise tatsächlich glauben, einen aufwendig produzierten Genrefilm aus jener Zeit vor sich zu haben.

Zwischen Familienkrise und Dinosaurier-Terror

Bei aller stilistischen Sorgfalt darf man allerdings nicht den Fehler machen, „The End of Oak Street“ zu ernst zu nehmen. Der Film ist stellenweise geradezu hemmungslos albern. Woher die Dinosaurier kommen, warum sie plötzlich auftauchen und welche Regeln hinter dem Phänomen stehen, interessiert Mitchell erstaunlich wenig. Eine ausführliche wissenschaftliche Erklärung gibt es nicht. Die Dinosaurier sind da – und das muss reichen. Damit verlangt der Film vom Publikum allerdings eine gewisse Bereitschaft, seine innere Logik nicht allzu gründlich zu hinterfragen. Das gilt insbesondere für einige Entscheidungen der Familie.

Die Platts starten eine beinahe selbstmörderische Rettungsaktion für einen Hund, springen von einem Dach und kommen irgendwann sogar auf die Idee, einen T-Rex mit einem kleinen Hammer zu attackieren. Realistisch ist davon wenig, unterhaltsam dagegen erstaunlich viel. Entscheidend ist, dass Mitchell diese Absurditäten nicht zum eigentlichen Mittelpunkt macht. Unter dem Dinosaurier-Spektakel steckt ein Familiendrama über vier Menschen, deren scheinbar geordnetes Leben bereits vor dem Auftauchen prähistorischer Raubtiere auseinanderzufallen droht.

Der äußere Ausnahmezustand zwingt sie lediglich dazu, jene Probleme nicht länger zu verdrängen, die ohnehin vorhanden waren. Gregs beruflicher Absturz und sein zunehmender Alkoholkonsum, Denises Frustration über ihr eigenes Leben sowie die Ängste der Kinder erhalten dadurch mehr Gewicht, als man von einem derart bewusst verspielten Dinosaurierfilm zunächst erwarten würde. Gerade diese Verbindung aus emotional glaubwürdigen Figuren und vollkommen abwegigem Genrechaos macht „The End of Oak Street“ letztlich so unterhaltsam.

Ewan McGregor und Anne Hathaway spielen Greg und Denise nicht wie bloße Figuren zwischen den nächsten Dinosaurierattacken, sondern wie zwei Menschen, deren Beziehung bereits vor der Katastrophe an einem kritischen Punkt angekommen ist. Christian Convery und Maisy Stella ergänzen das Familiengefüge überzeugend und sorgen dafür, dass die Kinder nicht lediglich als Auslöser für Rettungsaktionen funktionieren.

Ewan McGregor and Anne Hathaway in The End of Oak Street (2026)
Ewan McGregor und Anne Hathaway in The End of Oak Street (2026) Foto Courtesy of Warner Bros. Pictures – © 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.

Vorstadtangst trifft auf Kreidezeit

Damit erreicht Mitchell etwas, das auch die besten Spielberg-Abenteuer ausgezeichnet hat: Das Spektakel funktioniert deshalb, weil die Menschen innerhalb des Spektakels eine Bedeutung besitzen. Der T-Rex ist nicht interessant, weil er groß ist und überzeugend animiert wurde. Er ist interessant, weil Figuren vor ihm davonlaufen, deren Schicksal uns inzwischen nicht mehr gleichgültig ist. Natürlich steht „The End of Oak Street“ tief in der Tradition seiner Vorbilder. „E.T.“, „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ und insbesondere „Jurassic Park“ werfen lange Schatten über Mitchells Film.

Doch statt seine Referenzen zu verstecken, macht er sie zum Bestandteil seines Konzepts und verbindet sie mit jener unterschwelligen Vorstadtunruhe, die bereits in „It Follows“ eine wichtige Rolle spielte. Nur dass diesmal hinter dem nächsten Gartenzaun kein übernatürlicher Verfolger wartet, sondern möglicherweise ein Dinosaurier. So entsteht eine eigentümliche Mischung aus Familienkrise, 80er-Jahre-Nostalgie, Abenteuerfilm und prähistorischem Monsterkino: Vorstadtangst, ausgespielt in der Kreidezeit.

Nicht jede Wendung ergibt Sinn und nicht jede Entscheidung der Figuren sollte einer genaueren Plausibilitätsprüfung unterzogen werden. Doch Mitchell versteht, welche Art Film er drehen möchte – ein großes, verspieltes Kinoabenteuer, das seine cineastischen Vorbilder liebt, ohne vollständig von ihnen erdrückt zu werden.

Fazit: „The End of Oak Street“ gehört zu den besseren Spielberg-Hommagen der vergangenen Jahre. David Robert Mitchell verbindet ein glaubwürdiges Familiendrama mit 80er-Jahre-Nostalgie, sorgfältiger Bildgestaltung und überraschend wirkungsvollem Dinosaurier-Terror. Die Handlung nimmt es mit ihrer eigenen Logik nicht immer besonders genau, doch gerade die Mischung aus aufrichtigem Charakterdrama und hemmungslosem Genrevergnügen entwickelt einen beträchtlichen Unterhaltungswert. Wer beim Anblick eines T-Rex noch immer für einen Moment wieder sieben Jahre alt werden kann, dürfte hier ziemlich viel Spaß haben.

Film Bewertung 7 / 10