Inhalt: Kara Zor-El – alias Supergirl – sieht sich mit einem unerwarteten und skrupellosen Gegner konfrontiert. Widerwillig tut sie sich mit einem ungewöhnlichen Verbündeten zusammen und begibt sich auf eine spektakuläre Reise durch das Universum, um Gerechtigkeit zu erlangen und Vergeltung zu üben.
Eine Heldin zwischen Trauma, Rache und Selbstfindung
Nach dem gelungenen Neustart von Superman steht das junge DC-Universum vor seiner nächsten Bewährungsprobe. James Gunn verfolgt dabei weiterhin seine Vision eines abwechslungsreichen Comic-Universums mit eigenständigen Figuren, ungewöhnlichen Tonlagen und einer klaren stilistischen Handschrift. Während Serien wie „Peacemaker“ und der neue „Superman“ bereits gezeigt haben, welches Potenzial in dieser Ausrichtung steckt, soll nun Supergirl ihren Platz im neuen DC-Kosmos finden.
Das Ergebnis ist ein unterhaltsames, aber erstaunlich zahmes Weltraumabenteuer, das vor allem von seiner Hauptdarstellerin lebt, ohne die eigenen Stärken konsequent auszuspielen. Alcock übernimmt die Rolle von Kara Zor-El, die bereits im Finale von „Superman“ einen bleibenden Eindruck hinterließ. Anders als ihr berühmter Cousin ist Kara impulsiv, unangepasst und alles andere als eine klassische Vorzeigeheldin. Sie verbringt ihre Zeit am liebsten auf Planeten mit einer roten Sonne, wo selbst Kryptonier die Wirkung von Alkohol spüren können – oder, in ihrem Fall, spüren wollen.
Als sie der jungen Ruthye begegnet, die nach dem Mord an ihrer Familie den skrupellosen Söldner Krem aufspüren will, beginnt eine Reise quer durch die Galaxis. Gemeinsam verfolgen sie ihren Gegner durch zwielichtige Außenposten, heruntergekommene Raumstationen und gefährliche Welten, während gleichzeitig ein Gegengift für den vergifteten Krypto gefunden werden muss. Die Geschichte setzt dabei auf das bekannte „Odd Couple“-Prinzip. Die ungestüme Kara und die von Trauer gezeichnete Ruthye ergänzen sich zwar gut, doch das Drehbuch entwickelt ihre Dynamik nie mit der Konsequenz, die sie verdient hätte.

Warner Bros. Pictures – © Courtesy of Warner Bros. Pictures
Milly Alcock trägt den gesamten Film
Der größte Pluspunkt des Films ist ohne Zweifel Milly Alcock. Sie verleiht Supergirl eine rebellische Punk-Attitüde, ohne ihre Verletzlichkeit zu verlieren. Gerade die Mischung aus Überheblichkeit, Unsicherheit und emotionalen Narben macht ihre Interpretation deutlich interessanter als viele klassische Superheldenfiguren. Auch die Rückblenden nach Krypton gehören zu den stärksten Szenen des Films. Hier erzählt Regisseur Craig Gillespie überraschend einfühlsam von Karas Herkunft und den traumatischen Erlebnissen, die ihre Persönlichkeit geprägt haben.
David Krumholtz und Emily Beecham überzeugen als ihre Eltern, während die kurzen gemeinsamen Szenen zwischen Alcock und David Corenswets Superman sofort erkennen lassen, wie viel Potenzial in ihrer familiären Beziehung steckt. Genau hier offenbart sich allerdings auch das größte Problem der gesamten Verfilmung. Immer dann, wenn der Film beginnt, seine Figuren wirklich zu vertiefen und emotionale Bindung aufzubauen, springt die Handlung bereits zum nächsten Planeten, zur nächsten Actionszene oder zum nächsten Handlungsstrang. Statt Karas Vergangenheit, ihre Traumata und ihre Beziehung zu Ruthye konsequent auszubauen, wird alles nur in einzelnen Fragmenten angerissen.
Die Geschichte wirkt dadurch zersplittert und verliert ihren erzählerischen Fokus. Gerade die emotional stärksten Momente bleiben Skizzen, obwohl sie das Potenzial hätten, den gesamten Film zu tragen. Dadurch rückt das eigentliche Weltraumabenteuer zunehmend in den Vordergrund, während die Charakterentwicklung immer wieder unterbrochen wird – und genau das verhindert, dass Supergirl die emotionale Wucht erreicht, die in der Figur eigentlich angelegt ist.

Zu viele gute Ideen bleiben ungenutzt
So sympathisch die Hauptfigur auch ist, der Film findet nie wirklich seinen eigenen Rhythmus. Craig Gillespie übernimmt zwar viele stilistische Elemente von James Gunn, erreicht jedoch weder dessen erzählerische Leichtigkeit noch dessen Gespür für exzentrische Figuren. Auch der Antagonist bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Matthias Schoenaerts erhält als Krem kaum Gelegenheit, seiner Figur Profil zu verleihen. Jason Momoa sorgt als Lobo zwar für einige der unterhaltsamsten Momente, doch letztlich bleibt sein Auftritt nicht mehr als ein ausgedehnter Gastauftritt in einem fragwürdigen Kostüm mit einer noch fragwürdigeren E-Zigarre. Das könnte allerdings auch an den schlechten CGI-Effekten liegen.
Darüber hinaus belasten einige Szenen den ansonsten lockeren Abenteuercharakter unnötig. In diesem Kontext wirken Anspielungen auf sexuelle Gewalt äußerst deplatziert. Sie passen weder zur Grundstimmung noch zur Entwicklung der Hauptfigur. Vielmehr wirken sie wie eine erzwungene Plot-Idee, um die Welt ohne Moral und Regeln, die allem Anschein nach ausschließlich aus gesetzlosen Piraten zu bestehen scheint, noch weiter zu erläutern. Der Film besitzt alle Zutaten für ein außergewöhnliches Comic-Abenteuer. Eine unkonventionelle Heldin, emotionale Hintergrundgeschichten und ein spannendes Science-Fiction-Setting. Doch anstatt diese Elemente mutig auszureizen, entscheidet sich Supergirl immer wieder für den sicheren Weg. Dadurch bleibt vieles erstaunlich harmlos und vorhersehbar.
Fazit: Supergirl lebt fast ausschließlich von Milly Alcocks charismatischer Hauptfigur. Sie verleiht Kara Zor-El genau die Mischung aus Rebellion, Humor und Verletzlichkeit, die das neue DC-Universum gut gebrauchen kann. Der Film selbst bleibt jedoch deutlich zu vorsichtig. Statt seine ungewöhnlichen Figuren wirklich von der Leine zu lassen, begnügt er sich mit solider Unterhaltung. Die Hoffnung bleibt, dass Supergirl in zukünftigen Filmen deutlich mehr Raum erhält, ihr anarchisches Potenzial voll auszuspielen.
Film Bewertung 5 / 10





