SEND HELP

Inhalt: In SEND HELP finden sich die beiden Kollegen Linda Liddle (Rachel McAdams) und Bradley Preston (Dylan O’Brien) nach einem Flugzeugabsturz als einzige Überlebende auf einer einsamen Insel wieder. Um zu überleben, müssen sie ihre alten Konflikte überwinden und sich als Team zusammentun. Doch letztendlich ist es ein nervenaufreibender, düster-humorvoller Kampf des Willens und des Verstandes, um lebend davonzukommen.

©️ 20th Century Studios

Überleben als Machtkampf

Sam Raimis neuester Film, eine bissige Bürosatire, die passenderweise auf einer paradiesischen Tropeninsel spielt, bewegt sich souverän zwischen Horrorkomödie und Thriller. In dieser ungewöhnlichen Genre-Mischung findet Raimi etwas verblüffend Zutreffendes zum Thema Macht, Hierarchien und menschliche Abgründe.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Linda Liddle, gespielt von Rachel McAdams. Linda ist eine brillante Strategin, arbeitet akribisch und ist für den Erfolg des Unternehmens von unschätzbarem Wert. Gleichzeitig gilt sie intern als Außenseiterin: unscheinbar, unbeholfen, sozial unverträglich, was dazu führt, dass sie in einer von Männern dominierten Unternehmensleitung kaum wahrgenommen wird. Ihr direkter Vorgesetzter erntet die Lorbeeren, und eine versprochene Beförderung wird ihr vom Sohn des Firmenchefs, Bradley Preston, in letzter Sekunde verweigert.

Doch Linda setzt sich pflichtbewusst in den Firmenjet, um ein weiteres geschäftliches Problem zu lösen, bis ein Flugzeugabsturz alles verändert. Linda und Bradley (Dylan O`Brien) stranden verletzt auf einer einsamen Insel. Was zunächst nach einem klassischen Überlebens-Thriller klingt, artet schnell in ein Machtspiel aus. Wie es der Zufall will, oder vielleicht auch das Drehbuch logisch nachschiebt, war Linda zuvor eine ambitionierte Kandidatin bei der TV-Show „Survivor“ und hat genau solch ein Szenario trainiert. Bradley ist allerdings nicht bereit, ihre neue Rolle zu akzeptieren.

So wird ihr gemeinsamer Überlebenskampf zu einem permanenten Kampf um Kontrolle, Dominanz und den Anspruch, das Sagen zu haben. Raimi verfolgt diese Eskalation mit großem Spaß. Obwohl die Kamera weniger auf Spielereien setzt als in früheren Werken, ist der Einfluss von Drag Me To Hell doch deutlich spürbar. Der sozialkritische Horror entsteht durch Lindas langjährige Schikanen im Büro, die körperliche Abneigung durch Szenen, die zwischen Groteskem und Absurdem pendeln. So endet beispielsweise eine Mund-zu-Mund-Beatmung in einer Kotz-Orgie. Das ist sowohl provokativ als auch pointiert in seiner Bösartigkeit.

Rachel McAdams and Dylan O'Brien in Send Help (2026)
Rachel McAdams and Dylan O’Brien in Send Help (2026) © 20th Century Studios

Niemand ist unschuldig

Der Film ist besonders stark darin, dass er uns nicht einfach mit einem der Charaktere mitfühlen lässt. McAdams spielt Linda bewusst gegen ihr übliches Image. Ihr sonst so charismatisches Auftreten verwandelt sich in ungeschickte, unbeholfene Sprache, während ihre Ansprüche langsam ins Groteske abdriften. Als Zuschauer fragt man sich, ob Lindas Figur hier wirklich die moralische Instanz darstellt, oder ob sie selbst zum Monster wird, sobald sie Macht erlangt.

Bradley hingegen ist trotz all seiner Privilegien nicht nur Klischeefigur. Wenn man hinter seine arrogante Fassade, seine Selbstherrlichkeit und Ignoranz blickt, entdeckt man seine verletzliche Seite. Raimi verlagert die Machtverhältnisse fast minütlich und zwingt damit die Zuschauer, sich immer wieder zu fragen, auf welcher Seite man eigentlich steht. Es könnte gut sein, lautet die unterschwellige Botschaft, dass es am besten für alle Beteiligten wäre, wenn sie einfach auf dieser Insel bleiben würden. Schließlich sind sie dort auch weit weg von den Machtstrukturen, die sie eh nur verderben.

Der Film erinnert stellenweise an „Warum eigentlich… bringen wir den Chef nicht um?“, nur düsterer und deutlich ambivalenter. Raimi lehnt eine kathartische Auflösung ab, wählt keine Abkürzung und lässt das Ende bewusst offen. Das erzeugt einen Spannungsbogen, den man gerne verfolgt. Bis zum Finale weiß man nämlich nicht so recht, wie die Geschichte ausgehen wird und was man davon halten soll.

Fazit: „Send Help“ ist grotesk und unkonventionell und hätte stellenweise von einem etwas schnelleren Erzählrhythmus profitiert. Sam Raimi liefert hier eine bissige, schwarzhumorige Geschichte mit einer Prise Horror, getragen von einer kompromisslosen und beeindruckenden Rachel McAdams.

Film Bewertung 7 / 10