„Als sich Oasis trennten, ging alles den Bach runter.“ Mit diesem gewohnt trockenen Kommentar blickt Liam Gallagher auf die Zeit nach dem Zerwürfnis mit seinem Bruder Noel zurück. Dazu zeigt „Don’t Look Back In Anger“ Bilder von Donald Trump, Elon Musk, Theresa May und anderen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre. Natürlich hat die Trennung einer Britpop-Band im Jahr 2009 nicht die Welt aus den Fugen geraten lassen.
Doch nach diesem Film könnte man beinahe glauben, dass ihre Rückkehr im Sommer 2025 zumindest für einen Moment alles wieder ein bisschen besser gemacht hat. Die Dokumentarfilmer Dylan Southern und Will Lovelace begleiten die Wiedervereinigung der Gallagher-Brüder und ihre gefeierte „Live ’25“-Tour. Unterstützt von Drehbuchautor Steven Knight („Peaky Blinders“) entsteht eine Mischung aus persönlicher Musikdokumentation und großem Konzertfilm.
Jetzt im Streaming verfügbar, erzählt der Film nicht nur von einer Versöhnung, die lange unmöglich schien, sondern untersucht auch, warum Oasis für Millionen Menschen bis heute eine besondere Bedeutung haben. 16 Jahre lang schien eine Rückkehr von Oasis ausgeschlossen. Seit dem heftigen Streit zwischen Liam und Noel Gallagher im Jahr 2009 gingen beide musikalisch getrennte Wege. Umso größer war die Begeisterung, als sie 2024 ihre Wiedervereinigung ankündigten.
Zwei Brüder, eine Bühne und ein unvergesslicher Sommer
Was folgte, war ein gewaltiger Ansturm auf die Konzertkarten und schließlich eine Tournee, die für viele Fans zum musikalischen Höhepunkt des Sommers 2025 wurde. „Don’t Look Back In Anger“ beginnt dort, wo die Öffentlichkeit normalerweise keinen Zutritt hat: in den Proberäumen. Die ersten gemeinsamen Schritte der Brüder nach all den Jahren besitzen eine besondere Spannung. Wenn Liam zur ersten Probe erscheint, braucht es keine großen Erklärungen, um zu verstehen, wie außergewöhnlich dieser Moment ist. Kleine Gesten, beiläufige Bemerkungen und die vertraute Art, wie sich die beiden begegnen, erzählen mehr als jede ausführliche Rückschau auf ihre Streitigkeiten.
Southern und Lovelace verzichten weitgehend darauf, die Geschichte von Oasis noch einmal chronologisch aufzurollen. Stattdessen konzentrieren sie sich auf das Comeback selbst. Das ist eine bewusste Entscheidung, die dem Film Tempo verleiht, zugleich aber auch Grenzen setzt. Wer eine ausführliche Aufarbeitung der Trennung oder tiefere Einblicke in das Verhältnis der Brüder erwartet, bekommt nur einen Teil davon. Man interessiert sich stärker für das gemeinsame Erlebnis als für die Ursachen der alten Konflikte. Dabei sind die Fans weit mehr als eine jubelnde Kulisse.
Begegnungen mit Menschen aus Manchester, Brasilien und anderen Teilen der Welt zeigen, wie unterschiedlich die persönlichen Geschichten hinter dieser Begeisterung sind. Für manche ist Oasis eine Erinnerung an ihre Jugend, für andere die erste Gelegenheit, Songs wie „Wonderwall“, „Live Forever“ oder „Champagne Supernova“ endlich gemeinsam mit Tausenden Menschen zu erleben. Gerade diese Perspektiven machen deutlich, dass die Bedeutung einer Band nicht allein an Plattenverkäufen oder ausverkauften Stadien gemessen werden kann.
„Eigentlich hätte man diesen Film im Kino erleben müssen, auf einer riesigen Leinwand und mit entsprechendem Sound. Noch glücklicher durfte sich schätzen, wer bei einem der Konzerte selbst dabei war.“
Kinomeister
Zwischen intimen Momenten und gewaltigen Stadionbildern
Die größte Stärke des Films liegt in der Verbindung aus persönlicher Beobachtung und mitreißendem Konzertkino. Southern und Lovelace haben bereits mit Dokumentationen über LCD Soundsystem und Blur bewiesen, dass sie Musik nicht nur als Auftritt, sondern als Teil einer größeren Kultur verstehen. Auch hier betrachten sie die Bühne nicht isoliert, sondern als Mittelpunkt eines Ereignisses, das Musiker, Fans und ganze Städte miteinander verbindet. Unterstützt werden sie von Kameraleuten wie Lol Crawley („The Brutalist“) und James Laxton („Moonlight“). Ihre Bildgestaltung setzt auf den Kontrast zwischen Nähe und Größe.
Gewaltige Totalen zeigen die dicht gefüllten Stadien und die fast endlosen Menschenmassen, während Nahaufnahmen die Gesichter der Musiker und Zuschauer in den Mittelpunkt rücken. Besonders interessant ist, wie häufig die Kamera bei den Fans bleibt, anstatt sofort zur Bühne zurückzukehren. Dadurch wird sichtbar, was die Songs bei den Menschen auslösen, ohne dass es jemand erklären muss. Wenn Zehntausende gemeinsam „Cigarettes & Alcohol“ singen, beim sogenannten „Poznań“ hüpfen oder „Champagne Supernova“ anstimmen, entsteht eine besondere Form von Nähe.
Die Kamera hält nicht nur die Größe dieser Momente fest, sondern auch die kleinen Reaktionen einzelner Menschen. Ein Blick, ein Lächeln oder Tränen in den Augen erzählen oft mehr als die gewaltigen Stadionbilder. Der Film macht daraus keine bloße Aneinanderreihung bekannter Hits, sondern zeigt, wie Musik persönliche Erinnerungen und gemeinschaftliche Erlebnisse miteinander verbindet. Der Schnitt spielt dabei eine entscheidende Rolle. Southern und Lovelace wechseln zwischen den Proben, den Auftritten und den Geschichten der Fans, ohne die Konzertsequenzen ständig zu unterbrechen.
Ruhige Momente hinter den Kulissen schaffen einen Gegenpol zur Energie auf der Bühne. Humorvolle Polizeibesprechungen und die gewohnt trockenen Kommentare der Gallaghers lockern das Geschehen auf, während die großen Songs genügend Raum bekommen, ihre Wirkung zu entfalten. Allerdings sorgt die Vielzahl an Schauplätzen und Begegnungen gelegentlich dafür, dass einzelne Geschichten nur angerissen werden. Auch der Sound ist mehr als eine Begleitung der Bilder.
Liams unverwechselbarer Gesang, die markanten Gitarren und vor allem die Stimmen des Publikums stehen gleichberechtigt nebeneinander. Besonders eindrucksvoll sind jene Passagen, in denen die Band beinahe im gemeinsamen Gesang der Zuschauer untergeht. Die Tonmischung macht damit hörbar, was die Kamera zeigt: Oasis stehen zwar auf der Bühne, doch das eigentliche Ereignis entsteht erst durch die Menschen davor. Gerade auf einer großen Leinwand mit entsprechendem Soundsystem dürfte diese Wirkung noch deutlich stärker ausfallen.

Eine Versöhnung, die nicht alle Fragen beantwortet
Bei aller Begeisterung bleibt die Dokumentation in ihrer Haltung gegenüber den Gallagher-Brüdern auffallend wohlwollend. Die schwierige Vergangenheit wird zwar angesprochen, doch die Filmemacher vermeiden eine tiefere Auseinandersetzung mit den Gründen für die jahrelange Feindschaft. Stattdessen steht die Freude über das Wiedersehen im Vordergrund. Das passt zum ausgelassenen Charakter der Tournee, nimmt dem Film aber gelegentlich die Möglichkeit, hinter die bekannten Persönlichkeiten zu blicken.
Besonders deutlich wird das beim ersten gemeinsamen Interview von Liam und Noel seit vielen Jahren. Ihre direkten, oft derben Kommentare gehören zu den unterhaltsamsten Momenten, doch gerade hier hätte man gerne länger zugehört. Wie haben sich die beiden tatsächlich wieder angenähert? Was hat sich in ihrem Verhältnis verändert? Und wie funktioniert ihre Zusammenarbeit nach so langer Zeit? Solche Fragen bleiben weitgehend offen. Gelegentlich versucht der Film zudem, seine Botschaft von Vergebung und Zusammenhalt stärker zu betonen, als es nötig wäre.
Eine ausführliche Metapher rund um das Tiefseetauchen in Südkorea wirkt dabei besonders bemüht. Sie erklärt etwas, das die Bilder längst viel überzeugender vermitteln. Wenn Liam und Noel wieder gemeinsam proben oder Tausende Menschen ihre Songs singen, braucht es keine großen Worte über die heilende Kraft der Musik. Gerade darin liegt allerdings auch die Stärke von „Don’t Look Back In Anger“. Die Dokumentation will keine schonungslose Abrechnung mit der Vergangenheit sein.
Der Film hält einen außergewöhnlichen Moment fest und zeigt, wie sich eine Band nach 16 Jahren Pause wieder mit ihrem Publikum verbindet. Southern und Lovelace gelingt es, die Begeisterung nicht nur abzubilden, sondern ihre Ursachen sichtbar zu machen. Oasis brauchen dafür weder aufwendige Bühnenshows noch große Inszenierungen. Ihre Songs und die unverwechselbare Haltung der Gallagher-Brüder reichen aus, um ganze Stadien in Bewegung zu versetzen.

Fazit: Ein unvergesslicher Sommer für die Ewigkeit
„Don’t Look Back In Anger“ hält das große Oasis-Comeback in eindrucksvollen Bildern fest und verbindet mitreißende Konzertmomente mit seltenen Einblicken hinter die Kulissen. Die Kamera findet auch inmitten riesiger Menschenmassen persönliche Geschichten, während der Schnitt die Energie der Auftritte geschickt mit ruhigeren Beobachtungen verbindet. Dass die Dokumentation ihre Protagonisten kaum kritisch hinterfragt und manche Gespräche zu kurz ausfallen, verhindert eine noch tiefere Auseinandersetzung mit der Wiedervereinigung.
Eigentlich hätte man diesen Film im Kino erleben müssen, auf einer riesigen Leinwand und mit entsprechendem Sound. Noch glücklicher durfte sich schätzen, wer bei einem der Konzerte selbst dabei war. Für alle anderen bietet die Streaming-Veröffentlichung nun die Gelegenheit, diesen außergewöhnlichen Sommer zumindest ein Stück weit nachzuerleben. Eine ebenso unterhaltsame wie berührende Musikdokumentation, die zeigt, warum Oasis auch nach 16 Jahren Pause nichts von ihrer Anziehungskraft verloren haben.
Film Bewertung 8 / 10





