(l) Maria Schrader ©Christine Fenzl (r) Sandra Hüller ©Victoria Stevens

Sandra Hüller verkörpert einen Autor, der gegen das Verschwinden anschreibt

Eines der persönlichsten Werke der deutschen Gegenwartsliteratur kommt ins Kino. Maria Schrader verfilmt Wolfgang Herrndorfs autobiografisches „Arbeit und Struktur“, und die Besetzung der Hauptrolle fällt ebenso prominent wie ungewöhnlich aus: Sandra Hüller spielt Wolfgang Herrndorf. Die Dreharbeiten sind für Anfang und Sommer 2027 vorgesehen. STUDIOCANAL plant die Kinoauswertung für 2028 in Deutschland, Frankreich und Italien und übernimmt zugleich den Weltvertrieb.

Das Drehbuch stammt von Maria Schrader und Jan Schomburg. Inhaltlich konzentriert sich der Film auf die letzten Jahre Herrndorfs, nachdem bei dem Schriftsteller ein unheilbarer Gehirntumor diagnostiziert wurde. Aus dieser existenziellen Situation entstand ein außergewöhnliches autobiografisches Protokoll, in dem Herrndorf Krankheit, Schreiben, Freundschaft, Angst, Euphorie und den eigenen nahenden Tod festhielt. „Arbeit und Struktur“ soll nicht als klassische Literaturverfilmung funktionieren.

Das Ausgangsmaterial besitzt keine lineare Romanhandlung, sondern entstand aus Tagebucheinträgen, die Herrndorf ab 2010 in einem öffentlich zugänglichen Blog veröffentlichte. Der geplante Film konzentriert sich entsprechend auf einen Mann, der weiß, dass ihm nur noch begrenzte Zeit bleibt. Zwischen Krankenhausaufenthalten, intensiven Schreibphasen und persönlichen Begegnungen entsteht das Porträt eines Menschen, dessen Lebensrhythmus vollständig durch die Diagnose verändert wird. Gleichzeitig erlebt Herrndorf gerade in dieser Phase eine enorme kreative Produktivität.

Er arbeitet parallel an drei Romanen und protokolliert die emotionalen Extreme seines Alltags: Panik und Ruhe, Glück und Schlaflosigkeit, Euphorie und Nihilismus wechseln einander ab. Bemerkenswert ist dabei die zentrale Ambivalenz seines eigenen Rückblicks. Herrndorf schrieb, die Jahre nach seiner Diagnose seien trotz allem die besten drei Jahre seines Lebens gewesen. Genau dieser Widerspruch bildet einen wesentlichen Kern des Filmprojekts.

Maria Schrader und Jan Schomburg entwickeln das Drehbuch

Maria Schrader führt nicht nur Regie, sondern schrieb gemeinsam mit Jan Schomburg auch das Drehbuch. Für Schrader steht dabei die Frage im Zentrum, wie sich Herrndorfs radikal subjektive und literarisch präzise Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod filmisch übersetzen lässt. Das Material lebt weniger von äußeren Wendungen als von Wahrnehmung, Sprache und der Veränderung eines Menschen angesichts einer endgültigen Diagnose. Schrader beschreibt Herrndorfs Aufzeichnungen als ein intimes Protokoll darüber, was es bedeutet, am Leben zu sein. Für die Verfilmung bedeutet das eine besondere dramaturgische Aufgabe: Die inneren Zustände des Autors müssen in Bilder, Situationen und Beziehungen übersetzt werden, ohne die sprachliche Eigenart des Ausgangswerks zu verlieren.

Mit Sandra Hüller besetzt die Produktion Wolfgang Herrndorf bewusst nicht mit einem männlichen Schauspieler. Hüller übernimmt damit eine der ungewöhnlichsten Rollen ihrer bisherigen Karriere. Die Schauspielerin hat sich bereits intensiv mit Herrndorfs Werk auseinandergesetzt und beschreibt dessen Texte als gleichzeitig überraschend, verunsichernd und tröstlich. Im Film interessiert sie insbesondere der Moment, in dem sich Herrndorfs bisheriges Leben durch die Diagnose abrupt verändert und zugleich seine Stimme als Autor eine neue Intensität entwickelt.

Hüller ist zusätzlich als Executive Producerin am Projekt beteiligt. Gemeinsam mit Maria Schrader und Jan Schomburg übernimmt sie damit auch Verantwortung auf Produktionsebene. Der Film soll Herrndorf nicht isoliert als Schriftsteller zeigen. Neben den Phasen intensiver Arbeit spielen auch seine Beziehungen eine zentrale Rolle. Zwischen Klinikaufenthalten und manischen Schaffensphasen entstehen Momente mit Freunden und seiner Partnerin Carola. Gerade diese persönlichen Begegnungen bilden einen Gegenpol zur ständigen Präsenz des Todes.

Vom Blog zum posthum veröffentlichten Buch

Dadurch entsteht eine Geschichte, die weniger ausschließlich von Krankheit handelt als von der Frage, wie intensiv ein Leben werden kann, wenn seine zeitliche Begrenzung nicht mehr abstrakt ist. Herrndorf richtet seinen Blick in den Aufzeichnungen immer wieder radikal nach innen, nur um anschließend erneut die Welt und die Menschen um sich herum zu beobachten. Diese Bewegung zwischen Selbstbeobachtung und Außenwelt soll auch den Film prägen.

Wolfgang Herrndorf begann die Arbeit an seinem Blog nach seiner Diagnose im Jahr 2010. Die Texte erschienen zunächst fortlaufend im Internet. Nach seinem Tod wurde „Arbeit und Struktur“ am 6. Dezember 2013 im Rowohlt Berlin Verlag als Buch veröffentlicht. Das Werk gehört inzwischen zu den zentralen autobiografischen Texten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Herrndorf war zugleich Autor von Romanen wie „Tschick“, der bereits erfolgreich fürs Kino adaptiert wurde.

Während „Tschick“ jedoch eine klar fiktionale Coming-of-Age-Geschichte erzählt, stellt „Arbeit und Struktur“ aufgrund seiner autobiografischen Form und sprachlichen Struktur erheblich andere Anforderungen an eine Verfilmung. Die Dreharbeiten sollen in zwei Phasen Anfang und im Sommer 2027 stattfinden. Einen konkreten deutschen Starttermin gibt es noch nicht. „Arbeit und Struktur“ soll 2028 in Deutschland, Frankreich und Italien ins Kino kommen.