Martin McDonagh bleibt seiner Vorliebe für ungewöhnliche Schauplätze und schwierige Männerfreundschaften treu. Nach Brügge, Los Angeles, Missouri und Inisherin führt ihn „Wild Horse Nine“ auf die Osterinsel, wo zwei CIA-Agenten zwischen politischen Intrigen, bissigen Wortgefechten und persönlichen Lebenskrisen aufeinandertreffen. Was zunächst wie eine weitere rabenschwarze Komödie des irisch-britischen Filmemachers beginnt, entwickelt sich zu einer überraschend berührenden Geschichte über Freundschaft, Reue und das Älterwerden. John Malkovich und Sam Rockwell liefern dabei ein Zusammenspiel, das allein schon den Kinobesuch wert ist.
Zwei Agenten zwischen Weltpolitik und Lebenskrise
Chile, Anfang der 1970er-Jahre. Der erfahrene CIA-Agent Chris Carlisle (John Malkovich) und sein jüngerer Kollege Lee Chesterfield (Sam Rockwell) arbeiten im Auftrag der Nixon-Regierung daran, den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende zu destabilisieren. Beide haben im Laufe ihrer Karriere reichlich schmutzige Arbeit erledigt. Besonders Carlisle blickt auf eine Vergangenheit zurück, in der politische Überzeugungen und moralische Grenzen kaum eine Rolle spielten. Als CIA-Chef MJ (Steve Buscemi) die beiden auf die Osterinsel schickt, scheint eine Pause vom Agentenalltag bevorzustehen. Doch hinter der Reise steckt mehr, als zunächst erkennbar ist.
Carlisle arbeitet mit seinen 72 Jahren an seinen Memoiren, und seine Vorgesetzten interessieren sich brennend dafür, welche Geheimnisse darin ans Licht kommen könnten. McDonagh interessiert sich allerdings weniger für klassische Spionage als für die Menschen hinter den politischen Machenschaften. Statt Verfolgungsjagden und komplizierter Geheimdienstoperationen gibt es ausufernde Gespräche über Käse, Beziehungen, Motten und die Frage, ob Dinosaurier im Himmel existieren. Das klingt herrlich belanglos, ist aber genau jene Art von Dialogkunst, mit der McDonagh seit „In Bruges“ sein Publikum begeistert.
Malkovich und Rockwell in Bestform
Das Herzstück des Films ist die Beziehung zwischen Carlisle und Chesterfield. Beide kennen sich seit Jahren, haben gemeinsam getötet und Dinge erlebt, über die andere Menschen lieber schweigen würden. Dennoch könnten ihre Persönlichkeiten unterschiedlicher kaum sein. Carlisle ist verbittert, zunehmend vergesslich und überzeugt davon, die Welt längst durchschaut zu haben. Chesterfield nimmt vieles gelassener, auch wenn hinter seiner lässigen Fassade eigene Enttäuschungen lauern.
John Malkovich darf sich hier endlich wieder in einer Rolle austoben, die seinem Talent gerecht wird. Seine trockenen Kommentare, plötzlichen Wutausbrüche und die beinahe beiläufig vorgetragenen Bosheiten sind ein Vergnügen. Gleichzeitig lässt er hinter Carlisles zynischer Haltung einen Mann erkennen, dem langsam bewusst wird, dass seine verbleibende Lebenszeit überschaubar ist. Sam Rockwell steht ihm in nichts nach. Sein Chesterfield besitzt jene Mischung aus Charme, Verschrobenheit und unterschwelliger Verzweiflung, die Rockwell besonders gut beherrscht. Manchmal genügt ein Blick oder eine kleine Pause, um deutlich zu machen, wie viel ihm sein älterer Freund tatsächlich bedeutet.
Die Chemie zwischen beiden ist großartig, und ihre Gespräche gehören zu den besten Momenten des Films. Für zusätzliche Unterhaltung sorgt Parker Posey als Chesterfields Ehefrau Marge. Ihre Telefonate mit Lee sind herrlich absurd und zeigen, dass McDonagh selbst aus einer ziemlich kaputten Ehe noch jede Menge schwarzen Humor herausholen kann. Steve Buscemi wiederum gibt dem undurchsichtigen CIA-Chef MJ eine Mischung aus bürokratischer Kälte und unterschwelliger Bedrohlichkeit.
Schwarzer Humor trifft auf echte Melancholie
Natürlich dürfen auch die typischen McDonagh-Eigenheiten nicht fehlen. Die beiden Agenten begegnen auf der Insel zwei chilenischen Studentinnen (Mariana di Girolamo und Ailín Salas), deren Ansichten mit denen der älteren Männer regelmäßig kollidieren. Schon die Diskussion darüber, dass die Osterinsel eigentlich Rapa Nui heißt, entwickelt sich zu einem jener herrlich unangenehmen Wortgefechte, bei denen niemand besonders gut davonkommt. Hinzu gesellen sich Begegnungen mit einem Pferd, das für Carlisle eine zunehmend spirituelle Bedeutung bekommt. Nach dem Esel aus „The Banshees of Inisherin“ beweist McDonagh damit erneut sein Faible für Tiere, die mehr über seine Figuren erzählen, als diese selbst zugeben möchten.
Unter all den schrägen Einfällen steckt allerdings eine ernsthafte Geschichte. Carlisle beginnt zu begreifen, dass ein Leben voller Gewalt und politischer Manipulation Spuren hinterlässt, die sich nicht einfach abschütteln lassen. Seine Memoiren werden zum Versuch, die eigene Vergangenheit zu ordnen, während Chesterfield mit der Vorstellung konfrontiert wird, seinen vielleicht einzigen wirklichen Freund zu verlieren. Gerade dieser melancholische Unterton verleiht „Wild Horse Nine“ seine besondere Qualität. McDonagh muss seine Figuren nicht plötzlich sentimental werden lassen, um ihre Verletzlichkeit sichtbar zu machen. Oft genügt ein beiläufiger Satz, der zunächst wie ein weiterer böser Witz klingt und erst einen Moment später seine traurige Bedeutung entfaltet.
Ein Western ohne Cowboys
Auch visuell schlägt McDonagh einen etwas anderen Weg ein. Die karge Landschaft der Osterinsel, ihre monumentalen Moai-Statuen und die weiten Horizonte verleihen dem Film stellenweise den Charakter eines Spätwesterns. Carlisle erinnert an einen alternden Revolverhelden, der zu viele Menschen getötet hat und nun mit den Folgen seiner Vergangenheit leben muss. Die Parallelen zu Clint Eastwoods „Erbarmungslos“ sind durchaus erkennbar, nur dass hier weniger geschossen und dafür umso mehr geredet wird. Carter Burwells melancholische Filmmusik unterstreicht diesen Eindruck und gibt den ruhigeren Momenten eine zusätzliche emotionale Tiefe.
Ganz ohne Einschränkungen funktioniert diese Mischung nicht. McDonaghs Bildsprache besitzt nicht immer dieselbe Originalität wie seine Dialoge, und gelegentlich nimmt sich der Film etwas viel Zeit für seine gedanklichen Abschweifungen. Doch gerade diese Umwege gehören zum Reiz seiner Erzählweise. Aus scheinbar nebensächlichen Gesprächen entstehen plötzlich Erkenntnisse über Freundschaft, Schuld und die eigene Sterblichkeit. „Wild Horse Nine“ zeigt Martin McDonagh in Bestform. Seine Mischung aus schwarzer Komödie, politischem Thriller, Western und melancholischem Freundschaftsdrama könnte leicht auseinanderfallen, findet aber immer wieder zu einem erstaunlich stimmigen Ganzen zusammen.
Fazit: Großes Schauspielkino mit schwarzem Humor und viel Herz
Die Dialoge sind bissig, die Figuren herrlich widersprüchlich und hinter dem oftmals bitterbösen Humor steckt mehr Menschlichkeit, als man zunächst vermutet. Vor allem John Malkovich und Sam Rockwell machen den Film zu einem besonderen Erlebnis. Ihre gemeinsame Spielfreude, das perfekte Timing und die leisen Momente zwischen all den verbalen Gemeinheiten verleihen dieser ungewöhnlichen Männerfreundschaft eine emotionale Tiefe, die lange nachwirkt. McDonagh erfindet seinen Stil nicht neu, entwickelt ihn aber um eine nachdenkliche Perspektive auf das Älterwerden weiter. „Wild Horse Nine“ ist urkomisch, manchmal grausam und am Ende überraschend traurig. Ein Film über zwei Männer, die gelernt haben, mit dem Tod anderer umzugehen, aber kaum wissen, wie sie ihrer eigenen Vergänglichkeit begegnen sollen. Großes Schauspielkino, das zum Lachen bringt und ganz nebenbei mitten ins Herz trifft.
Film Bewertung 9 / 10





