VIVALDI UND ICH

Im Venedig des 18. Jahrhunderts wächst Cecilia im Ospedale della Pietà auf, einem Heim für verwaiste Mädchen, das seine Schülerinnen in Musik ausbildet. Das dortige Orchester genießt internationales Ansehen. Doch die Anerkennung gilt nicht den jungen Frauen als Individuen. Bei öffentlichen Auftritten bleiben sie hinter Masken verborgen. Sichtbarkeit ist nicht vorgesehen. Talent dient dem Ruhm der Institution, nicht der persönlichen Entfaltung.

Cecilia, eindrucksvoll verkörpert von Tecla Insolia, besitzt außergewöhnliche Begabung an der Violine. Gleichzeitig steht ihr ein Leben innerhalb strenger gesellschaftlicher Grenzen bevor. Eine arrangierte Ehe scheint wahrscheinlicher als künstlerische Autonomie. Die Ankunft eines neuen musikalischen Leiters verändert diese Perspektive.

VIVALDI UND ICH
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Begegnung mit Vivaldi

Antonio Vivaldi übernimmt die Leitung des Orchesters. Michele Riondino spielt den ehrgeizigen Komponisten mit kontrollierter Leidenschaft. Er erkennt Cecilias Potenzial und ermutigt sie, eigene Wege zu gehen. Zwischen beiden entsteht keine romantisierte Erzählung, sondern eine Beziehung, die auf künstlerischer Resonanz basiert. Der Film verbindet das Schicksal der jungen Waise mit der Biografie eines Komponisten, der zu Lebzeiten nicht die Anerkennung erhielt, die ihm heute zuteilwird. Die Musik wird zum dramaturgischen Bindeglied. Sie ist Motor der Selbstbestimmung und Ausdruck innerer Emanzipation.

Damiano Michieletto, bislang als Theater- und Opernregisseur renommiert, inszeniert hier seinen ersten Spielfilm. Seine Erfahrung im Musiktheater prägt die Bildgestaltung. Das barocke Venedig wird nicht nur als Kulisse, sondern als atmendes Milieu erfahrbar. Licht, Stoffe und Räume folgen einem rhythmischen Prinzip, das sich an Vivaldis Kompositionen orientiert. Die Inszenierung bleibt dabei kontrolliert. Sie setzt auf Atmosphäre statt Pathos. Die Musik entfaltet ihre Wirkung nicht als bloße Illustration, sondern als narrative Kraft.

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Eine Geschichte weiblicher Selbstbestimmung

Im Zentrum steht Cecilias Entwicklung. Tecla Insolia, European Shootingstar 2026, verleiht der Figur Intensität und Sensibilität. Ihre Darstellung zeigt eine junge Frau, die zwischen Anpassung und Aufbruch ringt. Die Suche nach Identität wird nicht plakativ, sondern über Blicke, Gesten und musikalische Momente erzählt. „Vivaldi und ich“ basiert lose auf dem Roman „Stabat Mater“ von Tiziano Scarpa, ausgezeichnet mit dem Premio Strega. Die literarische Vorlage liefert den historischen Rahmen, während der Film eine eigenständige emotionale Perspektive entwickelt.

Nach seiner Weltpremiere beim Toronto International Film Festival wurde das Werk mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Audience Award als Best International Feature in Chicago sowie dem Cinéma Paradiso Palmarès in Toulouse. „Vivaldi und ich“ ist ein atmosphärisch dichtes Historiendrama über Kunst, Anerkennung und Selbstbestimmung. Getragen von einer starken Hauptdarstellerin und einer musikalischen Inszenierung, die Vivaldis Werk neu erfahrbar macht, erzählt der Film von einer jungen Frau, die sich weigert, unsichtbar zu bleiben.