Inhalt: Brasilien, 1977: Marcelo (Wagner Moura), ein Mann Anfang 40, versucht in Recife einen Neustart. Inmitten der ausgelassenen Karnevalsfeiern zieht er in die malerische Hafenstadt, sieht seinen kleinen Sohn wieder und hofft, den Schatten seiner Vergangenheit hinter sich lassen zu können. Doch die Idylle trügt. Marcelo erhält Morddrohungen und fühlt sich von seinen Nachbarn beobachtet. Die angespannte Situation lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Als dann noch Agenten auftauchen, die ihn wegen „subversiver Aktivitäten“ verfolgen, erkennt er, dass auch Recife kein sicherer Ort für ihn ist. Die Gewalt des Militärregimes reicht weiter, als er je gedacht hätte.

Ein politischer Thriller in Moll
Mit „The Secret Agent“ kehrt Regisseur Kleber Mendonça Filho in seine Heimatstadt Recife zurück und legt ein Werk vor, das ebenso persönlich wie politisch ist. Der Film entfaltet sich über 161 Minuten mit kontrollierter Zurückhaltung. Informationen werden nicht preisgegeben, sie werden dosiert. Die eigentliche Prämisse wird erst nach etwa einer Stunde sichtbar. Bis dahin entsteht Spannung aus Andeutungen, Gerüchten und dem Gefühl, dass jede Szene unter Beobachtung steht.
Im Zentrum steht Armando, der unter dem Namen Marcelo lebt, verkörpert von Wagner Moura. Er spielt einen politischen Flüchtling mit stiller Intensität. Marcelo ist Witwer und Vater. Er steht vor der Entscheidung, mit seinem kleinen Sohn aus Brasilien zu fliehen oder sich der Vergangenheit zu stellen. Gleichzeitig sucht er nach verdrängten Wahrheiten über seine verstorbene Mutter. Diese innere Zerrissenheit macht ihn zur Projektionsfläche eines ganzen Landes im Ausnahmezustand.
Die Handlung spielt während der Militärdiktatur der 1970er Jahre. Kamerafrau Evgenia Alexandrova taucht die Bilder in eine sinnliche, zugleich raue Ästhetik. Schweiß glänzt auf der Haut, Stoffe wirken abgetragen, Räume atmen Geschichte. Recife erscheint als lebendiger Organismus, in dem Schönheit und Brutalität nebeneinander existieren.

Recife in den 1970er Jahren: Erinnerung als Widerstand
Marcelo begegnet auf seiner Flucht einer Vielzahl von Figuren, die wie Fragmente kollektiver Erinnerung wirken. Besonders eindrucksvoll ist Dona Sebastiana, gespielt von Tânia Maria. Als Matriarchin eines Verstecks für Regimegegner vereint sie Weisheit, Ironie und stille Entschlossenheit. Ebenso prägnant ist der Auftritt von Udo Kier als Schneider, dessen eigene Vergangenheit ein weiteres Schlaglicht auf die historische Schuld und Verdrängung wirft.
Strukturell wird der Film von einem Rahmen getragen, der ihn als akademische Recherche von Studierenden der Gegenwart ausweist. Dieser Kunstgriff verbindet die 1970er Jahre mit dem Heute und macht deutlich, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist. Mendonça Filho inszenierte den Film während der Präsidentschaft Jair Bolsonaros. Die politische Dimension ist unübersehbar. „The Secret Agent“ wird so auch zu einem Werk des künstlerischen Widerstands.
Trotz seiner düsteren Thematik arbeitet der Film mit überraschenden Tonwechseln. Eine Nebenhandlung beginnt mit einem makabren Fund. Ein menschliches Bein wird im Bauch eines Hais entdeckt. Die absurde Untersuchung durch lokale Behörden entwickelt sich zu einer Mischung aus schwarzem Humor und gesellschaftlicher Allegorie. Das vermeintlich „haarige Bein“ wird zur urbanen Legende. Gleichzeitig verweist der Begriff historisch auf einen geheimen Warncode vor Militärpatrouillen.

Chiffren, Absurdität und das Leben im Ausnahmezustand
Mendonça Filho erzählt konsequent in Chiffren. Surrealistische Einschübe und groteske Momente wirken zunächst wie Stilbrüche, fügen sich jedoch zu einem präzisen Bild eines Landes, das unter permanenter Bedrohung lebt. Gewalt wird nicht effekthascherisch inszeniert, sondern als alltägliche Realität gezeigt. Die Tonspur pendelt zwischen beschwingten Rhythmen und Momenten beklemmender Stille.
So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Lebenslust und existenzieller Angst. Wagner Moura trägt den Film mit minimalistischem Spiel. Sein Marcelo spricht wenig, doch in seinen Blicken liegt ein ganzes Archiv aus Verlust, Zorn und Hoffnung. „The Secret Agent“ ist ein Film über Erinnerung als politische Tat. Er zeigt, wie autoritäre Systeme ihre Spuren in Biografien hinterlassen und wie diese Spuren Generationen überdauern.
Fazit: Mit kontrollierter Wucht und Präzision, und einem herausragenden Wagner Moura verbindet Kleber Mendonça Filho Historie und Gegenwart zu einem eindringlichen Kinoerlebnis.
Film Bewertung 8 / 10





