Inhalt: In dem Psychothriller „The Runner“ wird das Leben von Maia Marten (Gal Gadot), einer Londoner Anwältin, durch einen Anruf während ihres morgendlichen Laufs aus den Fugen gerissen: Ihr Sohn wurde entführt. Um ihn zurückzubekommen, muss sie weiterlaufen, jeden skrupellosen Befehl befolgen und niemandem vertrauen. Jede Sekunde ist eine Prüfung dafür, wie weit eine Mutter für ihr Kind gehen würde.
Wenn die Kamera schneller läuft als die Spannung
Ein Thriller in Echtzeit, eine Frau unter permanenter Beobachtung und London als riesiger urbaner Hindernisparcours: Auf dem Papier besitzt „The Runner“ alle Zutaten für einen ebenso simplen wie effektiven Hochspannungsthriller. Gal Gadot spielt eine Frau, deren Alltag innerhalb weniger Augenblicke aus den Fugen gerät. Eine Stimme am Telefon übernimmt die Kontrolle, stellt Forderungen und zwingt sie dazu, in Bewegung zu bleiben. Stehenbleiben ist keine Option. Nachdenken eigentlich auch nicht.
Das ist eine dankbare Ausgangslage für einen Film, der sein Publikum gemeinsam mit seiner Hauptfigur durch die Straßen Londons treiben könnte. Zeitdruck, Kontrollverlust und die Frage, wer am anderen Ende der Leitung sitzt, müssten vollkommen ausreichen, um die Spannungsschraube kontinuierlich anzuziehen. Doch genau hier liegt das zentrale Problem von „The Runner“: Der Film ist fast ununterbrochen in Bewegung, entwickelt daraus aber erstaunlich wenig Suspense. Kevin Macdonald setzt konsequent auf körperliche Unmittelbarkeit. Die Kamera bleibt nah an Gal Gadot, bewegt sich mit ihr durch Straßen und Menschenmengen und versucht, ihre zunehmende Ausweglosigkeit unmittelbar erfahrbar zu machen. Unterstützt wird das von einem Schnitt, der kaum Ruhe zulässt. Alles soll drängen, alles soll nach vorne. Anfangs funktioniert dieser Ansatz durchaus.
Die Nähe erzeugt Nervosität, und das Echtzeitkonzept gibt dem Film einen klar definierten Rhythmus. Doch je länger „The Runner“ dauert, desto deutlicher nutzt sich dieses Stilmittel ab. Permanente Bewegung wird zum Selbstzweck. Wo die Kamera eigentlich Bedrohung und Orientierung gleichzeitig vermitteln müsste, entsteht zunehmend der Eindruck, als wolle die Inszenierung fehlende Spannung durch zusätzliche Dynamik kompensieren.

London bleibt erstaunlich wenig bedrohlich
Gerade ein Echtzeitthriller braucht jedoch mehr als Geschwindigkeit. Er benötigt Ruhepunkte, Veränderungen des Rhythmus und Momente, in denen eine Situation eskalieren kann. Wenn alles permanent auf Anschlag inszeniert wird, verliert die nächste Steigerung zwangsläufig an Wirkung. „The Runner“ rennt seinem Publikum davon, ohne ihm genügend Gründe zu geben, emotional hinterherzulaufen.
Besonders schade ist die nur begrenzt ausgespielte räumliche Nutzung Londons. Eine Metropole wie diese wäre für das Konzept geradezu ideal. Menschenmengen können Schutz und Gefahr zugleich bedeuten, Überwachungskameras könnten zum Instrument des Gegenspielers werden, Verkehr könnte Fluchtwege abschneiden und die permanente Öffentlichkeit einen faszinierenden Gegensatz zur vollkommen privaten Bedrohung der Hauptfigur schaffen. Davon nutzt der Film einiges als Oberfläche, aber zu wenig als dramaturgisches Werkzeug. London wird durchquert, statt wirklich bespielt zu werden.
Die Stadt liefert Bewegung und Kulisse, entwickelt aber kaum eine eigene Persönlichkeit innerhalb des Thrillers. Dabei hätte gerade die räumliche Beschränkung der Protagonistin dafür sorgen können, dass sich die vermeintliche Freiheit einer Millionenstadt zunehmend wie ein Gefängnis anfühlt. So bleibt das Echtzeitkonzept ebenfalls hinter seinen Möglichkeiten zurück. Die Uhr läuft, Gadot läuft, die Handlung läuft – aber das Gefühl einer sich immer enger um die Hauptfigur schließenden Schlinge stellt sich nur selten ein.

Je absurder die Aufgaben, desto größer die Distanz
Noch schwerer wiegt die zunehmende Frage nach der Plausibilität. Natürlich darf ein Thriller sein Szenario zuspitzen. Niemand verlangt von einem Film wie „The Runner“ dokumentarischen Realismus. Entscheidend ist vielmehr, dass innerhalb der etablierten Filmwelt eine nachvollziehbare Logik bestehen bleibt. Genau diese Glaubwürdigkeit gerät zunehmend ins Wanken. Die Aufgaben und Situationen wirken immer häufiger weniger wie organische Konsequenzen der Geschichte als vielmehr wie Konstruktionen, die notwendig sind, damit die nächste Station erreicht werden kann. Figuren treffen Entscheidungen, weil das Drehbuch Bewegung braucht. Situationen eskalieren, weil der Film eine weitere Eskalation benötigt.
Das beschädigt ausgerechnet das wichtigste Kapital eines solchen Konzepts: die Identifikation mit der Hauptfigur. Sobald man nicht mehr darüber nachdenkt, wie sie aus ihrer Situation herauskommen könnte, sondern darüber, warum sie sich überhaupt auf bestimmte Situationen einlässt oder weshalb diese auf genau diese Weise funktionieren sollen, verliert der Thriller seinen Zugriff auf das Publikum. Suspense entsteht schließlich nicht dadurch, dass etwas passiert. Sie entsteht dadurch, dass wir die Konsequenzen dessen fürchten, was als Nächstes passieren könnte. Eine der interessanteren Komponenten bleibt Damian Lewis als Stimme am anderen Ende der Leitung. Gerade weil der Film ihm die unmittelbare körperliche Präsenz verweigert, besitzt seine Stimme zunächst etwas Unberechenbares.
Er kontrolliert die Situation aus der Distanz und kann jederzeit eingreifen, ohne dass die Hauptfigur weiß, woher die nächste Bedrohung kommt. Doch auch dieser Effekt nutzt sich ab. Je mehr Anweisungen folgen und je stärker das Drehbuch seine Konstruktion sichtbar macht, desto schwieriger wird es für die Stimme, ihre ursprüngliche Bedrohlichkeit aufrechtzuerhalten. Lewis kann mit seiner kontrollierten Präsenz einiges auffangen, doch auch er kämpft letztlich gegen einen Film an, der sein wirkungsvollstes Instrument zu häufig benutzt.

Gal Gadot rennt – emotional bleibt sie zurück
Damit landet ein Großteil der Verantwortung zwangsläufig bei Gal Gadot. Sie ist über weite Strecken das Zentrum des Films, und das Konzept verlangt ihr einiges ab. Ihre Figur muss körperliche Erschöpfung, Angst, Kontrollverlust, Verzweiflung und den permanenten Versuch vermitteln, trotz allem handlungsfähig zu bleiben. Gadot bewältigt diese Aufgabe solide, aber selten darüber hinaus. Gerade in den Momenten, in denen die emotionale Eskalation mit der äußeren Bedrohung Schritt halten müsste, bleibt ihre Darstellung erstaunlich durchschnittlich. Die körperliche Anstrengung ist sichtbar, die emotionale Ausnahmesituation dagegen weniger greifbar.
Das wäre in einem Ensemblethriller möglicherweise kein entscheidendes Problem. Bei einem Film, der sich derart konsequent an seine Hauptdarstellerin bindet, wiegt es deutlich schwerer. Wir müssten ihre Panik spüren, bevor sie sie ausspricht. Wir müssten ihre Erschöpfung beinahe selbst empfinden und mit jedem neuen Anruf fürchten, was als Nächstes von ihr verlangt wird. Diese Verbindung stellt „The Runner“ jedoch nur sporadisch her.
„The Runner“ besitzt eine Ausgangsidee, aus der sich ein kompakter und nervenaufreibender Echtzeitthriller hätte entwickeln lassen. Die Reduktion auf eine Frau, eine Stimme, eine Stadt und eine unerbittlich laufende Uhr bietet eigentlich genügend Material. Kevin Macdonald versucht daraus mit beweglicher Kamera, hohem Schnitttempo und permanenter körperlicher Aktivität maximale Dringlichkeit zu erzeugen. Doch irgendwann wird offensichtlich, dass Bewegung hier vor allem Bewegung bleibt.
Fazit: London wird nicht konsequent genug zum Bestandteil der Bedrohung, das Echtzeitkonzept verliert seinen Reiz und die zunehmend konstruiert wirkenden Aufgaben beschädigen die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Damian Lewis sorgt zumindest akustisch für Präsenz, während Gal Gadot die enorme emotionale Last des Films nur durchschnittlich trägt. Am Ende rennt die Hauptfigur, die Kamera rennt mit und auch das Drehbuch hetzt von einer Situation zur nächsten. Nur eines schafft es nicht, dieses Tempo aufzunehmen: die Spannung.
Film Bewertung 3 / 10





