Inhalt: England um 1800: Nach dem Tod ihres Vaters müssen die beiden Schwestern Elinor (Daisy Edgar-Jones) und Marianne Dashwood (Esmé Creed-Miles, Sandman) ihr Zuhause verlassen und blicken einer ungewissen Zukunft entgegen. Die besonnene Elinor hält ihre Gefühle für Edward Ferrars (George MacKay) geheim, da eine gemeinsame Zukunft aufgrund gesellschaftlicher und familiärer Hindernisse aussichtslos erscheint. Die jüngere Marianne hingegen folgt offen ihrem Herzen und verliebt sich Hals über Kopf in den charismatischen John Willoughby (Frank Dillane). Zwischen Hoffnung, Enttäuschung und den Zwängen ihrer Zeit müssen beide Schwestern ihren eigenen Weg finden und erkennen, dass weder kühle Vernunft noch leidenschaftliche Gefühle allein zum Glück führen.
Hinter der romantischen Sehnsucht steht wirtschaftliche Not
Bevor eine neue Netflix-Miniserie „Stolz und Vorurteil“ wiederbelebt, kehrt mit „Sinn und Sinnlichkeit“ zunächst Jane Austens anderer großer Roman ins Kino zurück. Es ist die erste Spielfilmadaption seit Ang Lees Verfilmung von 1995, deren Drehbuch Emma Thompson einen Oscar einbrachte. Regisseurin Georgia Oakley, die mit dem Drama „Blue Jean“ ihren Durchbruch feierte, und Debüt-Drehbuchautorin Diana Reid übernehmen damit einen Stoff, der längst eine filmische Referenz besitzt. Ihre Neuinterpretation findet einzelne zeitgemäße Akzente, entwickelt insgesamt aber zu selten eine unverwechselbare Identität.
Klugerweise beginnt Oakley nicht mit der Liebe, sondern mit der finanziellen Unsicherheit der Dashwood-Frauen. Nach dem Tod des Familienvaters verlieren die Schwestern Elinor, Marianne und Margaret ihr Zuhause, weil das Erbrecht männliche Nachkommen bevorzugt. Der gesellschaftliche Abstieg ist deshalb keine beiläufige Voraussetzung für die Romanzen, sondern bestimmt jede Entscheidung der Frauen. Daisy Edgar-Jones spielt Elinor als zurückhaltende junge Frau, die ihre eigenen Gefühle kontrolliert, weil sie Verantwortung für die Familie übernehmen muss.
Esmé Creed-Miles bildet als leidenschaftliche Marianne den temperamentvollen Gegenpol, während Bodhi Rae Breathnach der jüngsten Schwester Margaret eine angenehm burschikose Direktheit verleiht. Durch diesen Einstieg gewinnt Austens Geschichte eine weiterhin aktuelle Schärfe. Ehe und Liebe erscheinen nicht nur als persönliche Entscheidungen, sondern als Fragen wirtschaftlicher Absicherung. Leider tritt dieser soziale Kern zunehmend in den Hintergrund, sobald die romantischen Verwicklungen die Erzählung übernehmen.

Elinor und Edward tragen die stärksten Momente
Die ersten Begegnungen zwischen Elinor und Edward Ferrars gehören zu den besten Szenen des Films. Daisy Edgar-Jones und George MacKay entwickeln eine warme, zurückhaltende Chemie, die nicht auf großen Gesten beruht. MacKay spielt Edward nicht als farblosen Spielverderber, sondern als schüchternen und prinzipientreuen Menschen, dessen Loyalität zugleich seine größte Stärke und sein größtes Hindernis ist. Nach dem Umzug der Dashwoods in ein bescheidenes Haus in Devon richtet sich der Blick stärker auf Marianne.
Sie verliebt sich in den charmanten John Willoughby, den Frank Dillane mit genau jener Mischung aus Anziehungskraft und Unzuverlässigkeit ausstattet, die seine Wirkung erklärt. Herbert Nordrum bleibt als schweigsamer Colonel Brandon zunächst am Rand dieser Beziehung. Die Ausweitung der Liebesgeschichten fordert jedoch ihren Preis. Ausgerechnet das Verhältnis zwischen Elinor und Marianne bleibt unterentwickelt. Ihre gegensätzlichen Auffassungen von Vernunft, Leidenschaft und emotionaler Selbstbeherrschung müssten das Zentrum des Films bilden. Stattdessen werden die Schwestern zunehmend voneinander getrennt, damit ihre jeweiligen Romanzen mehr Raum erhalten.
Damit verliert die Adaption einen wesentlichen Teil ihrer inneren Spannung. Auch Austens Witz kommt zu kurz. Die gesellschaftlichen Beobachtungen, familiären Kränkungen und romantischen Missverständnisse werden stärker auf Gefühl als auf Ironie ausgerichtet. So entsteht eine aufrichtige Liebesgeschichte, aber keine besonders scharfsinnige Komödie über die Regeln, nach denen diese Liebe überhaupt möglich wird.
Edle Bilder ersetzen keine eigene Perspektive
Handwerklich besitzt „Sinn und Sinnlichkeit“ große Qualitäten. Das 35-mm-Material verleiht Landschaften, Stoffen und Gesichtern eine warme, greifbare Textur. Die Natur ist nicht bloß Hintergrund, sondern ein Raum, in dem Marianne ihre Emotionen ungefilterter ausleben kann als innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung. Kostüme, Ausstattung und Kameraführung sind sorgfältig gestaltet, wirken jedoch auffällig vertraut. Georgia Oakleys Film orientiert sich sichtbar an Joe Wrights „Stolz und Vorurteil“ von 2005 und greift zugleich Bildwelten auf, die an „Sturmhöhe“ und „Am grünen Rand der Welt“ erinnern.
Das Ergebnis sieht hinreißend aus, besitzt aber selten eine eigene visuelle Sprache. Gerade darin liegt das zentrale Problem dieser Neuverfilmung. Oakley versteht Austens Themen und findet eine starke Besetzung, doch ihre Inszenierung setzt die bekannten Bestandteile vor allem geschmackvoll neu zusammen. Wo Ang Lees Version gesellschaftliche Ironie, familiäre Nähe und romantische Sehnsucht miteinander verband, bevorzugt diese Fassung eine glattere und romantischere Form.
Fazit
„Sinn und Sinnlichkeit“ ist eine ansprechende, gut gespielte und visuell reizvolle Literaturverfilmung. Daisy Edgar-Jones und George MacKay verleihen der Geschichte glaubhafte Sinnlichkeit, während die wirtschaftliche Abhängigkeit der Dashwood-Frauen zunächst überzeugend herausgearbeitet wird. Dass Austens Humor abgeschliffen und die Beziehung zwischen den Schwestern zugunsten der Romanzen vernachlässigt wird, verhindert jedoch eine wirklich eigenständige Neuinterpretation.
Film Bewertung 7 / 10





