Ab heute, den 12. Dezember startet in der ARD Mediathek eine Serie, die sich bewusst nicht mit klassischer Historienkost zufriedengibt. „Mozart/Mozart“ versteht sich als moderne, visuell opulente Neuinterpretation des musikalischen Ausnahmetalents – mit einem entscheidenden Perspektivwechsel: Erstmals steht nicht Wolfgang Amadeus Mozart im Rampenlicht, sondern seine oft vergessene Schwester Maria Anna Mozart, ein Wunderkind, dessen Talent in den Strukturen des 18. Jahrhunderts verschüttet wurde.
Die sechsteilige Eventproduktion hebt damit eine Geschwisterbeziehung ins Zentrum, die von Nähe, Rivalität, Sehnsucht nach Freiheit und einem tiefen, unausgesprochenen Verständnis geprägt ist. Die ARD präsentiert diese Geschichte nicht als klassisches Kostümdrama, sondern als energiegeladenes, farbintensives Serienerlebnis – emotional, poppig, rebellisch.
Zwei Wunderkinder zwischen Pflicht, Kunst und Selbstbestimmung
Die Serie folgt Maria Anna, gespielt von Havana Joy, die ihre Figur als „zerrissen zwischen Begabung und gesellschaftlicher Erwartung“ beschreibt. In ihrer musikalischen Brillanz ebenbürtig mit dem Bruder, kämpft sie gegen Rollenbilder und familiären Druck, der ihr Talent in den Hintergrund drängt. Eren M. Güvercin verkörpert Wolfgang Amadeus Mozart als begabten Freigeist, dessen Genie zugleich Ansporn und Schatten für seine Schwester ist. Die Serie zeichnet die Beziehung der beiden nicht romantisierend, sondern komplex, fordernd und modern und zeigt, wie sehr beide um ihren Platz in der Welt ringen.
Showrunner Andreas Gutzeit betont diesen Ansatz: Der Mythos Mozart werde entstaubt und durch Maria Annas Perspektive zeitgemäß neu interpretiert. Das Ergebnis ist ein Serienereignis, das bewusst nah an heutigen Seh- und Hörgewohnheiten bleibt.
Historisches Setting, moderne Haltung – ein Stil, der überrascht
Regisseurin Clara Zoë My-Linh von Arnim inszeniert „Mozart/Mozart“ als Hybrid aus Historiendrama und Popkultur. Barocke Kostüme und prunkvolle Sets stehen atmosphärisch neben klaren, intimen Schauspielmomenten. Der Fokus bleibt stets auf den Figuren, ihren Wünschen, Verletzungen und Entscheidungen.
Die Musik verstärkt diesen Bruch bewusst: Jessica De Rooij und das Electronica-Duo ÄTNA verweben Mozarts Kompositionen mit modernen Beats, Synth-Texturen und experimentellen Klangräumen. Die Serie fragt: Wie würde Mozart heute komponieren, wenn er dieselbe Lust auf Innovation hätte wie damals? Das Ergebnis ist ein akustisches Erlebnis, das klassische Motive neu atmen lässt.
„In der Inszenierung war mir wichtig, dass wir trotz der historischen Kulisse – mit ihren beeindruckenden Sets und pompösen Kostümen – immer nahbar bleiben. Die visuelle Pracht sollte nie vom Spiel ablenken. Auch die großen Sätze eines Historiendramas sollten fühlbar und authentisch werden.“
Regisseurin Clara Zoë My-Linh von Arnim
Starkes Ensemble für eine mutige Neuinterpretation
Neben den beiden jungen Hauptdarsteller*innen setzt die Serie auf ein hochkarätiges Ensemble, das die historische Welt mit Leben und Reibungsenergie füllt.
Unter anderem mit dabei:
Peter Kurth als Patriarch Leopold Mozart,
Sonja Weißer als Constanze Weber,
Eidin Jalali als Antonio Salieri,
Philipp Hochmair als Kaiser Joseph II.,
Verena Altenberger als Marie Antoinette
und Lisa Vicari als Gräfin von Greiner.
Sie alle formen ein Panorama der Epoche, das stets im Dienst der Kernerzählung steht: dem Kampf zweier Geschwister um Selbstbestimmung in einer Welt, die ihren Takt vorgibt.






Mutige Annäherung an ein (vermeintliches) Mythos
Wie schön, dass die Mozart-Familie auch weiblich gelesen werden kann. Alles an dieser Annäherung ist stimmig: Die Konstellation, völlig unabhängig davon, was historisch genau oder verbürgt ist; immerhin haben wir es mit Film und somit mit Fiktion zu tun – und die gelingt. Konstanze und Maria Anna als Freundinnen, die sich in moderner Lesart gegenseitig empowern, Mozart als egozentrisches Genie, das bedenkenlos – in dem Fall dem Plot zuliebe nicht – alle Chancen nutzt, Leopold als zerrissener Charakter (endlich mal ein alter weißer Mann, der nicht ständig recht hat). Die schöne Idee, Kunst über die Künste der Saltimbanques und Straßenmusiker zu transportieren. Die mehr oder weniger dezenten Hinweise auf Zeitumstände über Kostüm oder Mozarts ständig verbundene Hand. Und, und, und. Danke an die Macherin und alle Beteiligten für diese neue Perspektive, denn langweilige Biopics und kitschige Mozart-Biografien gibt es schon genug.