Inhalt: 1987 strandet US-Pilot Troy Kelly (Ryan Reynolds) nach einer Notlandung auf sowjetischem Gebiet. Dort trifft er auf Nikolai Ustinov (Kenneth Branagh), einen ehemaligen KGB-Agenten, der zurückgezogen lebt und einer ausgesprochen idealisierten Vorstellung von Amerika anhängt. Aus dem vermeintlichen Gegner wird Troys einzige Chance, wieder nach Hause zu kommen – und der Beginn einer turbulenten Reise quer durch die Sowjetunion.
Wenn Ryan Reynolds einmal nicht jeden Spruch haben muss
Ryan Reynolds als großmäuliger amerikanischer Pilot und Kenneth Branagh als ehemaliger KGB-Agent: „Mayday“ braucht nicht viel mehr, um seine zentrale Konstellation auszuspielen. John Francis Daley und Jonathan Goldstein machen daraus eine schnörkellose Buddy-Actionkomödie, die sich mit sichtlichem Vergnügen am Kino der Achtziger bedient. Dass ausgerechnet Branagh seinem prominenten Co-Star beinahe den Film stiehlt, gehört dabei zu den angenehmen Überraschungen.
Schon der Einstieg könnte direkt aus einem „Deadpool“-Film stammen. Troy erwacht nach einer Bruchlandung, ein gewaltiges Stück seines Flugzeugs steckt in seinem Bein und eine unbekannte Gestalt nähert sich, bevor ihm erneut die Sinne schwinden. Es fehlt eigentlich nur noch das Kratzen einer Schallplatte und die Frage, wie er bloß in diese Situation geraten konnte. Doch Daley und Goldstein lassen Reynolds nicht permanent im ironischen Dauerfeuer laufen.
Hinter der großen Klappe kommt ein erstaunlich aufrichtiger Charakter zum Vorschein: Troy liebt das Fliegen, hängt an seinem Vater und besitzt ein ziemlich festes Bild von seinem Heimatland, das im Verlauf der Geschichte zumindest ein paar Kratzer bekommt. Nicht jede Reynolds-Pointe sitzt, doch mit Branagh bekommt er einen Gegenpart, der diese Routine wirkungsvoll ausbalanciert. Branagh spielt Nikolai mit stoischer Ruhe und trockenem Humor. Seine Begeisterung für eine idealisierte amerikanische Popkultur, eine Raubkopie von „Top Gun“ und den Traum, irgendwann einmal bei McDonald’s zu essen, gibt der Figur eine herrlich eigenwillige Seite.
Sobald der ehemalige KGB-Agent zur Tat schreitet, erweist er sich zudem als erstaunlich effizienter Kämpfer. Die Regisseure behandeln diesen Kontrast nicht nur als Gag, sondern geben Branagh tatsächlich Raum, sich als Actiondarsteller auszutoben. Ob im Nahkampf, während einer wilden Verfolgungsjagd samt Atomrakete oder mit Billardkugeln als Waffen – Nikolai bekommt einen beträchtlichen Teil der coolsten Momente des Films.

Die Kamera darf mitspielen
Daley und Goldstein haben bereits mit „Game Night“ und „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“ bewiesen, wie sicher sie Action und Komödie miteinander verbinden können. Auch „Mayday“ lebt von dieser visuellen Spielfreude. Die Kämpfe sind nachvollziehbar choreografiert, die Kamera lässt Bewegungen erkennen und der Schnitt erzeugt Tempo, ohne das Geschehen in hektische Einzelbilder zu zerlegen. Vor allem entsteht die Komik häufig direkt aus der Situation und benötigt deshalb nicht ständig einen zusätzlichen Spruch.
Die Kamera schwenkt mit den Figuren, hängt an Autotüren oder wechselt in die Vogelperspektive. Eine seitliche Fahrt mit Troy und Nikolai vor ständig wechselnden russischen Landschaften und Städten gehört dabei zu den unspektakuläreren, aber schönsten Bildern des Films. Noch eindrucksvoller ist Troys Absturz. Die Kamera verfolgt die Bewegung des Flugzeugs, während Troy die Maschine senkrecht stellt, sich unmittelbar vor einer Kollision per Schleudersitz rettet und anschließend am Fallschirm keineswegs sicher Richtung Erde schwebt.
Die Sequenz besitzt Tempo, Übersicht und genau jene verspielte Inszenierung, mit der Daley und Goldstein auch später ihre Action aufladen. Diese visuellen Einfälle sind umso wichtiger, weil die Buddy-Konstellation bekannten Mustern folgt und die Geschichte nur wenige Überraschungen bereithält. Der Film gewinnt seine Energie weniger aus seinen Wendungen als daraus, wie Daley und Goldstein die einzelnen Stationen inszenieren.

Zwischen Top Gun und amerikanischem Selbstbild
Kampfflugzeuge, Lederjacken, sowjetische Militärkulissen und Nikolais „Top Gun“-Begeisterung machen aus den Achtzigern mehr als nur die zeitliche Verortung der Geschichte. „Mayday“ trägt seine Vorbilder offen vor sich her, ohne sich vollständig auf Nostalgie zu verlassen. Unter dieser Oberfläche lässt der Film zumindest gelegentlich etwas Interessanteres anklingen. Troy und Nikolai tragen jeweils ein Bild des anderen Landes mit sich herum, das mehr mit Erzählungen und Idealen als mit der Wirklichkeit zu tun hat.
Vor allem Troys amerikanisches Selbstverständnis bekommt dabei einige kleine Seitenhiebe ab. „Mayday“ stellt vorsichtig die Frage, wie selbstverständlich sich eine Nation selbst zum Helden ihrer Geschichte erklärt, ohne daraus allerdings eine tiefere politische Auseinandersetzung zu machen. Maria Bakalova bekommt als Nikolais entfremdete Tochter Anna nur wenig Leinwandzeit, schafft es aber dennoch, der Geschichte für einige Momente zusätzliche emotionale Wärme zu verleihen.
Mayday“ verbindet eine mitreißende Bildsprache und einfallsreich inszenierte Kampfszenen mit treffsicherem Humor und einer unverhohlenen Liebe zum Actionkino der Achtziger. John Francis Daley und Jonathan Goldstein nutzen die vertrauten Zutaten dabei vor allem als Spielwiese für eine Inszenierung, die immer dann besonders viel Spaß macht, wenn sie Bewegung und Komik zusammenbringt.
Fazit: Keine Neuerfindung des Genres, sondern ein schnörkelloses Retro-Actionvergnügen, das genau dort zündet, wo Reynolds redet und Branagh lieber handelt.
Film Bewertung 7 / 10





