Inhalt: Schuhverkäufer Marty (Timothée Chalamet) hat nur ein Ziel im Leben: die Tischtennis-Weltmeisterschaft zu gewinnen und somit in den Olymp der gefeierten Athleten aufzusteigen, zu denen er sich selbst ohnehin schon zählt. Für die Teilnahme an den britischen Meisterschaften im fernen London setzt der junge Gauner alles auf eine Karte, muss sich im nervenaufreibenden Finale aber dem japanischen Sportstar Endo geschlagen geben. Doch das ist erst der Anfang einer Odyssee, die den ewig klammen Marty weit über seine Grenzen hinausführt. Denn für den kleinen Schuhladen seines Onkels ist sein Traum ein paar Nummern zu groß.
Ein Sportfilm nur dem Namen nach
„Marty Supreme: Made in America“ prangt auf den orangefarbenen Tischtennis-Bällen, mit denen der angehende Sportheld Marty Mauser den Tischtennissport revolutionieren will. Es ist mehr als ein Marketinggag, es ist ein Statement. Josh Safdie, der den Film gemeinsam mit Ronald Bronstein schrieb, liefert mit Marty Supreme einen zutiefst amerikanischen Film ab, der weit über das Genre des Sportfilms hinausgeht. Lose inspiriert vom realen Tischtennisspieler Marty Reisman, angesiedelt in den frühen 1950er-Jahren, entfaltet sich hier ein fiebriges Panorama aus Ehrgeiz, Identität, Klassenunterschieden, Ethnizität, Macht und dem Mythos vom amerikanischen Traum.
Zweieinhalb Stunden vergehen wie im Rausch. Safdie inszeniert mit hohem Tempo, überlappenden Dialogen, harten Schnitten und schweißnassen Nahaufnahmen. Marty arbeitet sich von den British Open bis zur Weltmeisterschaft in Tokio vor, doch der sportliche Wettbewerb ist letztlich nur ein Spielfeld für größere Fragen. Marty Supreme ist ein Sportfilm nur in dem Sinne, wie Raging Bull oder Die Farbe des Geldes Sportfilme sind. Es geht um Charakter, um Gier, um Selbstinszenierung und um Amerika als Zustand. Der von Darius Khondji auf körnigem, entsättigtem 35-mm-Film gedrehte Film wirkt roh, lebendig und greifbar.
Ergänzt wird dies durch einen bewusst anachronistischen Soundtrack aus 80er-Jahre-Pop und ausgelassener elektronischer Filmmusik von Daniel Lopatin, der gleichermaßen an die Nostalgie von John Hughes, die Weite des Weltalls und die bedrohliche Kälte einer Filmmusik von John Carpenter erinnert. Dies ist kein historischer Film im klassischen Sinne. Das ist pulsierendes, kraftvolles Kino.

Ein Unsympath als Sogfigur
Die Handlung taumelt bewusst durch moralische Grauzonen. Marty ist Gauner, Betrüger, Lügner. Er bestiehlt einen Mann, der von Abel Ferrara gespielt wird, erpresst mit einem entführten Hund Lösegeld, verleugnet eine Schwangerschaft und betrügt nahezu jede Frau in seinem Umfeld. Odessa A’zion spielt Rachel, seine Jugendliebe, die er ebenso skrupellos behandelt wie Kay, die gescheiterte Hollywood-Schauspielerin von Gwyneth Paltrow.
Deren Ehemann, der Tycoon Milton Rockwell, verkörpert von Kevin O’Leary, soll zugleich Martys Geschäftsideen finanzieren. Ja, Marty ist ein Arschloch. Aber eines, dem man sich nicht entziehen kann. Timothée Chalamet trägt diesen Film mit einer überlebensgroßen, aber kontrollierten Performance. Er ist magnetisch, egoman, verletzlich und immer in Bewegung. Selbst wenn Marty moralisch abstürzt, verliert Chalamet nie die Bindung zum Publikum. In einem Ensemble voller intensiver Darbietungen, bis hinein in die Reihen grauhaariger New Yorker Nicht-Schauspieler, bleibt er der Fixpunkt.
Wenn „Everybody Wants To Rule The World“ erklingt, wirkt es wie ein Kommentar zu Chalamets offen formuliertem Anspruch, nach Größe zu streben. Marty Supreme könnte genau dieser Moment sein: mit Top-Spin und einem krachenden Schmetterball in die Preisverleihungssaison.
Fazit: Marty Supreme ist kein klassisches Biopic und kein Wohlfühl-Sportfilm. Josh Safdie folgt auf Bennys The Smashing Machine mit einem ungeschliffenen, elektrisierenden Porträt eines Getriebenen. Mit entfesselter Energie, handwerklichen Mut und einem düsteren Blick auf den amerikanischen Traum wird aus Tischtennis großes Kino. Spiel. Satz. Supreme!
Film Bewertung 10 / 10





