KLARA UND DIE SONNE

Eine künstliche Freundin auf der Suche nach ihrem Platz

Künstliche Intelligenz gehört längst zum Alltag, doch Taika Waititis „Klara und die Sonne“ interessiert sich weniger für technologische Entwicklungen als für menschliche Sehnsüchte und Verlustängste. Die Verfilmung des Romans von Kazuo Ishiguro verbindet Science-Fiction mit einer melancholischen Familiengeschichte. Trotz einer überzeugenden Jenna Ortega leidet der Film unter einer unausgewogenen Inszenierung.

Klara (Jenna Ortega) ist eine künstliche Freundin, die in einem Geschäft darauf wartet, von einem Menschen ausgewählt zu werden. Durch das Schaufenster beobachtet sie die Welt und entwickelt einen beinahe religiösen Glauben an die heilenden Kräfte der Sonne. Als die kranke Josie (Mia Tharia) sie zu sich holt, findet Klara ein Zuhause bei dem Mädchen und dessen Mutter Chrissie (Amy Adams). Doch die Familie ist von Verlustängsten geprägt, und Klara erkennt zunehmend, dass ihre bedingungslose Hingabe und ihr Vertrauen in die Sonne nicht jedes menschliche Problem lösen können.

KLARA UND DIE SONNE
© Sony Pictures Germany

Zwischen Science-Fiction-Märchen und Familiendrama

Kazuo Ishiguros Auseinandersetzung mit Erinnerung, Vergänglichkeit und Identität bildet das Fundament der Geschichte. Wie bereits in „Alles, was wir geben mussten“ beschäftigt ihn die Frage nach dem Wert menschlichen Lebens. Klaras bedingungslose Loyalität erinnert zudem an die gesellschaftlichen Abhängigkeiten aus „Was vom Tage übrig blieb“. Waititi entscheidet sich für eine märchenhafte Inszenierung, die Klaras unschuldige Wahrnehmung in den Mittelpunkt stellt. Das abgeschiedene Anwesen mit seinen goldenen Weizenfeldern wirkt wie eine künstliche Idylle, während vereinzelte Einblicke in eine dystopische Großstadt eine bedrohlichere Realität andeuten.

Dieser Gegensatz besitzt visuelle Kraft, bleibt erzählerisch jedoch weitgehend ungenutzt. Die Kamera arbeitet mit warmen Lichtstimmungen, großzügigen Landschaftsansichten und einer bewusst entrückten Atmosphäre. Sonnenlicht wird zum wiederkehrenden Symbol für Hoffnung und Erlösung. Besonders in den ruhigeren Passagen gelingt es, Klaras Perspektive erfahrbar zu machen. Jenna Ortega trägt den Film mit einer kontrollierten Darstellung. Ihre Klara besitzt kindliche Neugier, ohne zur Karikatur eines Roboters zu werden. Kleine Veränderungen in Blicken, Bewegungen und Reaktionen vermitteln ein Wesen, das menschliche Emotionen erkennt, deren Widersprüche aber erst begreifen muss.

Gerade diese Zurückhaltung verleiht der Figur Glaubwürdigkeit. Amy Adams setzt dazu einen wirkungsvollen Kontrast. Ihre Chrissie ist eine Mutter, deren Fürsorge zunehmend von Verzweiflung bestimmt wird. Der Wunsch, das eigene Kind zu beschützen, entwickelt sich zu einer moralisch fragwürdigen Erwartung an Klara. Mia Tharia vermittelt Josies Verletzlichkeit, ohne ihre Figur ausschließlich über Krankheit und familiäre Belastungen zu definieren.

KLARA UND DIE SONNE
© Sony Pictures Germany

Eine Dramaturgie zwischen leiser Tragik und abrupten Brüchen

Mit „Boy“, „Wo die wilden Menschen wohnen“ und „Thor: Ragnarok“ hat Waititi bewiesen, wie geschickt er Außenseiterfiguren zwischen Komik und Melancholie inszenieren kann. Hier gelingt ihm diese Verbindung nur bedingt. Der Film beginnt als behutsame Beobachtungsgeschichte, in der Klaras Blick auf die Menschen den erzählerischen Rhythmus bestimmt. Mit ihrem Einzug bei Josie verschiebt sich der Schwerpunkt zum Familiendrama, dessen unterschwellige Konflikte jedoch immer wieder von komödiantischen Episoden unterbrochen werden.

Besonders die Begegnungen mit Josies überzeichneten Klassenkameraden wirken wie Fremdkörper. Auch Chrissies Entwicklung von mütterlicher Fürsorge zu moralischer Grenzüberschreitung hätte eine sorgfältigere Vorbereitung verdient. Eine spätere Szene, in der es zu einem kurzen Moment der Spannung zwischen den Protagonisten kommt, unterstreicht den Bruch mit der zuvor geschaffenen märchenhaften Atmosphäre. Hinzu kommt, dass Klaras Entwicklung vergleichsweise statisch bleibt. Ihre Loyalität wird zwar durch äußere Ereignisse auf die Probe gestellt, führt aber kaum zu einer erkennbaren inneren Veränderung.

Dadurch wirkt ihre Geschichte eher wie eine Abfolge einzelner Prüfungen als ein kontinuierlicher Entwicklungsbogen. Das größte Konfliktpotenzial liegt in Klaras Funktion innerhalb der Familie: Sie soll menschliche Nähe ermöglichen, wird zugleich jedoch auf ihren Nutzen reduziert. Die daraus entstehenden Fragen nach Selbstbestimmung und Austauschbarkeit hätten eine konsequentere dramaturgische Vertiefung verdient.

Fazit: Eine berührende KI-Fabel mit erzählerischen Schwächen

„Klara und die Sonne“ überzeugt vor allem durch Jenna Ortega, deren feinfühlige Darstellung der künstlichen Protagonistin eine bemerkenswerte Menschlichkeit verleiht. Die atmosphärische Bildgestaltung und die moralischen Konflikte bieten eine interessante Grundlage. Taika Waititis sprunghafte Inszenierung verhindert jedoch, dass daraus ein rundum überzeugender Film entsteht. So bleibt eine charmante, stellenweise bewegende Science-Fiction-Fabel, die ihr Potenzial nur teilweise ausschöpft.

Film Bewertung 6 / 10