IN THE HAND OF DANTE

Inhalt: Auf zwei Zeitebenen erzählt „In the Hand of Dante“ von Kunst, Besessenheit und Dantes „Göttlicher Komödie“. In der Gegenwart erhält der New Yorker Schriftsteller Nick Tosches (Oscar Isaac) den Auftrag, ein seltenes Exemplar des Werkes zu stehlen und gerät dadurch in die Fänge der Mafia. Jahrhunderte zuvor ringt Dante Alighieri, ebenfalls gespielt von Isaac, mit seinem Glauben, seiner Kunst und der Entstehung seines berühmtesten Werkes. Mehrere Darsteller übernehmen dabei Rollen in beiden Zeitebenen.

Zwischen großer Kunst und großer Selbstüberschätzung

Julian Schnabel hat bereits bewiesen, dass er außergewöhnliche Künstlerfiguren und schwierige Stoffe ins Kino übertragen kann. „ Schmetterling und Taucherglocke“ fand für die Wahrnehmung eines am Locked-in-Syndrom leidenden Mannes eine eindringliche filmische Sprache, während „At Eternity’s Gate“ Vincent van Gogh nicht einfach zur historischen Figur erstarren ließ. Umso erstaunlicher ist, wie gründlich sich „In the Hand of Dante“ in seinem eigenen Kunstanspruch verliert. Oscar Isaac spielt dabei gleich zwei Männer: den mittelalterlichen Dante Alighieri und den Schriftsteller Nick Tosches, der sich in seinem Roman von 2002 selbst zum halb-fiktionalen Protagonisten machte.

Schnabel trennt beide Ebenen auch visuell. Tosches’ Gegenwart erscheint in klarem Schwarz-Weiß, während Dantes Welt in kräftigen Farben ausgestellt wird. Das sorgt zumindest für Orientierung, denn erzählerisch verlangt der Film seinem Publikum einiges ab. In der Gegenwart wird die Suche nach einem seltenen Manuskript zum Mafia-Plot, während Dante Jahrhunderte zuvor mit seiner spirituellen und künstlerischen Berufung ringt. Beides soll sich gegenseitig spiegeln und zu einer größeren Reflexion über Kunst, Schöpfung und Besessenheit verdichten. Doch je stärker Schnabel die Bedeutung dieser Verbindung herausstellt, desto schwerer fällt es, sie tatsächlich zu spüren.

Zusätzlich übernimmt „In the Hand of Dante“ ein Prinzip, das an „Cloud Atlas“ erinnert: Mehrere Schauspieler tauchen in unterschiedlichen Rollen auf beiden Zeitebenen auf. Gal Gadot und Louis Cancelmi gehören ebenso dazu wie Gerard Butler, der sowohl einen mörderischen Mafia-Handlanger als auch einen Papst verkörpert. Martin Scorsese erscheint mit gewaltigem Bart als Dantes Mentor. Auf dem Papier klingt das nach einer herrlich exzentrischen Mischung. Im Film entwickelt sich daraus jedoch kaum spielerische Energie.

Oscar Isaac in In the Hand of Dante (2025)
Oscar Isaac in In the Hand of Dante (2025) © Netflix. Inc. © 2026 ITHOD Productions Ltd.

Wenn Bedeutung zur Belastung wird

Die Doppelbesetzungen wirken weniger wie eine erkenntnisreiche Verbindung der Epochen als wie ein weiterer Kunstgriff, der Aufmerksamkeit auf die Konstruktion des Films lenkt. Selbst das namhafte Ensemble findet nur selten einen überzeugenden Zugang zu Schnabels überhöhter Tonlage. Oscar Isaac trägt dabei die größte Last. Er muss zwei Welten zusammenhalten, die der Film permanent mit Bedeutung auflädt. Doch auch sein engagiertes Spiel kann nicht verhindern, dass insbesondere Dantes existenzielle und künstlerische Qualen gelegentlich unfreiwillig komisch geraten.

Das eigentliche Problem liegt jedoch tiefer. „In the Hand of Dante“ möchte nicht einfach eine Geschichte erzählen. Schnabel zielt auf ein großes metafiktionales Werk über Künstler und ihre Kunst, über Original und Kopie, Glauben, Tod und schöpferische Besessenheit. Der Film trägt diesen Anspruch in nahezu jeder Szene vor sich her. Gerade dadurch entsteht eine eigentümliche Leere. Statt seine Themen aus Figuren und Bildern wachsen zu lassen, scheint „In the Hand of Dante“ ständig darauf hinzuweisen, wie bedeutsam das alles sein soll. Die Inszenierung wird zunehmend selbstherrlich, der Ton schwerfällig und die Verbindung der beiden Erzählstränge unnötig verworren.

Dabei kann Schnabel weiterhin starke Bilder schaffen. Einzelne Einstellungen besitzen jene malerische Qualität, die man von ihm erwartet. Doch schöne Bilder allein können einen zweieinhalbstündigen Film nicht tragen, dessen intellektuelle Ambitionen seine dramaturgische Zugkraft zunehmend ersticken. Ausgerechnet ein Satz Tosches’ bringt das Problem unfreiwillig auf den Punkt: Seine Bücher ließen sich ebenso wenig redigieren, wie man einem Leoparden die Krallen schneiden könne. Etwas weniger Ehrfurcht vor dem Material und deutlich mehr Mut zum Rotstift hätten „In the Hand of Dante“ allerdings gutgetan.

Fazit: Eine Geduldsprobe in Überlänge

In the Hand of Dante“ will Mafiafilm, Künstlerporträt, historische Meditation und metafiktionales Epos zugleich sein. Julian Schnabel türmt Ideen, Zeitebenen, Doppelrollen und philosophische Fragen übereinander, findet aber keinen erzählerischen Zugriff, der daraus ein überzeugendes Ganzes entstehen lässt. Was als monumentale Auseinandersetzung mit Kunst und Schöpfung gedacht ist, wird zur zweieinhalbstündigen Geduldsprobe: gelegentlich bildgewaltig, häufig verwirrend und vor allem erstaunlich langweilig. Ganz der siebte Kreis der Hölle ist „In the Hand of Dante“ noch nicht. Gefährlich nahe kommt er ihm allerdings.

Film Bewertung 3 / 10