Film Kritik | Black Widow hat mehr Filme verdient

Story: Auf der Flucht vor den Behörden nach den Ereignissen von Captain America: Civil War, erhält Natasha Romanoff (Johansson) ein Päckchen von ihrer Adoptivschwester Yelena (Pugh). Dieses führt sie zurück zu ihrer alten Familie sowie zu einem alten Feind, Dreykov (Winstone), dem Architekten von Russlands gefürchtetem Red-Room-Programm.

Film Kritik:

von Ilija Glavas

Marvels Phase 4 beginnt mit einer Charakterstudie

Nach einigen Verzögerungen hat Marvels Phase 4 endlich begonnen. Es wird Kung-Fu, Ameisenwahnsinn und Multiversen bis zum Abwinken geben. Doch statt sich direkt ins Getümmel zu stürzen, beginnt dieser besondere Abschnitt erfreulicherweise mit einer relativ beschaulichen Charakterstudie.

Es ist seltsam, einen Film, in dem ein Megapanzer -gesteuert von einem verrückten mit Totenkopfgesicht- halb Budapest auslöscht, als die Ruhe vor dem Sturm zu bezeichnen. Cate Shortlands Black Widow hingegen ist zwar ein Film, der technisch gesehen unwesentlich ist. Aber wenn man an den Anfang von Phase 3 zurück spult, füllt er eine Lücke in der MCU-Erzählung, anstatt sie voranzutreiben -und gerade weil er unwesentlich ist, ist er ein Genuss.

Er nimmt eine Figur ohne Zukunft und gibt ihr eine Vergangenheit, indem er einen der ersten Avengers mit einem gefühlvollen, lustigen Talent versieht: Scarlett Johanssons Natasha Romanoff kann offenbar die Dialoge eines der schlechtesten Bond-Filme, Moonraker, auswendig.

Yelena (Florence Pugh) in Marvel Studios' BLACK WIDOW
Yelena (Florence Pugh) in Marvel Studios’ BLACK WIDOW, in den Kinos and auf Disney+ mit Premier Access. Photo von Kevin Baker. ©Marvel Studios 2021. All Rights Reserved.

Aber hauptsächlich geht es darum Black Widow zu vermenschlichen, die in den acht bisherigen MCU-Filmen, in denen sie auftrat, nicht immer gut bedient wurde. Ihre Einführung in Iron Man 2 bleibt ein Tiefpunkt der Reihe. Der Film beginnt mit einer süßen, von Glühwürmchen beleuchteten Rückblende auf das Jahr 1995 und ihre Kindheit, die sich vor unseren Augen in eine zackige Actionsequenz verwandelt.

Im Kern der Geschichte geht es darum, dass sie ihre Beziehungen zu ihrer alten russischen Schläferzellen-Familie wieder aufnimmt: “Schwester” Yelena (Florence Pugh), “Vater” Alexei (David Harbour) und “Mutter” Melina (Rachel Weisz). Es mag nicht die nuancenreichste Darstellung des russischen Lebens sein, denn der Wodka hört selten auf zu fließen und ein Männerchor singt mit Begeisterung.

Aber das Quartett funktioniert hervorragend, vor allem Pughs fluchende, die eigene Schwester verspottende Assassine, ausgebildet im gefürchteten Red Room -und Harbours unbeholfener Supersoldat, eine grausame Mischung aus Shakespeares Falstaff und Street Fighter IIs Zangief.

Der Taskmaster in Black Widow
Taskmaster in Marvel Studios’ BLACK WIDOW, in Kinos und auf Disney+ mit Premier Access. Photo courtesy der Marvel Studios. ©Marvel Studios 2021. All Rights Reserved.

Johansson zeigt seltene Nuancen von Natasha Romanoff

Und trotz all dieser Szenen und Charaktere, vergisst der Film nicht, dass Natasha das Hauptereignis ist, stellt sie in den Mittelpunkt der Szenen und erlaubt Johansson, Nuancen von Romanoff zu zeigen, zu denen sie bisher nur selten in der Lage war.

Die Handlung selbst ist wie eine tödliche Variante von Charlie’s Angels und dreht sich um ein paar leuchtend rote Fläschchen und eine Armee von Frauen, die einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, angeführt von Ray Winstone, dessen russischer Akzent gelegentlich mitten im Satz zwischen Ost und West hin und her wechselt.

Und die Dinge verkommen ein wenig zu einem vertrauten Marvel-Höhepunkt – ein riesiges Objekt stürzt auf die Erde, während die Superhelden in der Luft Superhelden-Dinge tun, mit ein paar Moonraker-Anspielungen (jemand in diesem Film mag Roger Moore wirklich).

Alexei (David Harbour) in Marvel Studios' BLACK WIDOW
Alexei (David Harbour) in Marvel Studios’ BLACK WIDOW, in Kinos und auf Disney+ mit Premier Access. Photo courtesy of Marvel Studios. ©Marvel Studios 2021. All Rights Reserved.

Aber der Spaß bleibt erhalten, und es gibt jede Menge kreative Action: eine wilde Schlägerei in Ungarn, eine Befreiungsaktion während einer Lawine, ein Showdown auf einer Brücke mit dem zentralen Bösewicht des Films, dem gesichtslosen Taskmaster.

Ein gewaltiger Brocken von Bösewicht, der Richard Kiel ( Der Beißer aus Moonraker) des Films, wenn man so will -der den Zweck des Films enthüllt, wenn seine Identität letztendlich enttarnt wird. Natashas Tagebucheinträge sind rot vor Blut (“sprudelnd”, um Alexejs Wort zu benutzen) und Black Widow ist die Putzkolonne-aber für ein Aufräumkommando ist das verdammt viel Spaß.

Scarlett Johansson als Black Widow/Natasha Romanoff and Florence Pugh als Yelena in Marvel Studios' BLACK WIDOW
Scarlett Johansson als Black Widow/Natasha Romanoff and Florence Pugh als Yelena in Marvel Studios’ BLACK WIDOW, in den Kinos and auf Disney+ mit Premier Access. Photo von Kevin Baker. ©Marvel Studios 2021. All Rights Reserved.

Fazit: Die Action reißt mit, die Emotionen bewegen und die neuen Charaktere, die dem MCU beitreten, sind herausragend. Es hätte wirklich nicht 11 Jahre dauern sollen, bis Black Widow ihr eigenes, eigenständiges Abenteuer bekommt. Doch dank einiger peppiger neuer Charakterdynamiken und cleverer Wendungen hat es Marvel endlich geschafft, ihr gerecht zu werden. Wir würden gerne mehr Film zu Black Widow sehen.

Wertung: 7,5 / 10


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