Inhalt: Ridley Scott erzählt die Geschichte von Hig, einem jungen Piloten, der sich gemeinsam mit dem militärischen Überlebensexperten Bangley in einer zerstörten Welt ein abgeschottetes, effizientes Zuhause geschaffen hat. Als ihn eine geheimnisvolle Funkübertragung erreicht, bricht Hig zu einer gefährlichen Reise ins Unbekannte auf – auf der Suche nach der Hoffnung und Menschlichkeit, an die er noch immer glaubt.
Wenn Überleben allein nicht mehr reicht
Postapokalyptische Filme reduzieren den Menschen gerne auf das Wesentliche. Wenn Gesellschaft, Komfort und Sicherheit verschwunden sind, bleibt irgendwann nur noch die Frage, woran wir wirklich festhalten und ohne wen wir eigentlich nicht leben wollen. Auch Ridley Scotts DAS ENDE DER STERNE versucht, hinter den reinen Überlebenskampf zu blicken und davon zu erzählen, was den Unterschied zwischen bloßem Weiterleben und einem Leben ausmacht, für das es sich überhaupt noch zu kämpfen lohnt. Das Problem dabei: Der Film scheint von seinen eigenen Antworten selbst nicht vollständig überzeugt zu sein.
Jacob Elordi spielt Hig, einen ziemlich gewöhnlichen Mann, der in einem weitgehend entvölkerten Amerika versucht, irgendwie über die Runden zu kommen. Gemeinsam mit seinem Hund Jasper fliegt er regelmäßig nach Denver, um dort nach Vorräten zu suchen. Sein Zuhause ist ein Flugplatz, den er sich mit dem kampferprobten Bangley (Josh Brolin) teilt. Während Hig noch nach einem Rest Menschlichkeit sucht, hat Bangley längst akzeptiert, dass in dieser Welt vor allem Wachsamkeit, Waffen und Misstrauen das Überleben sichern.
Doch in der Umgebung mehren sich die Hinweise auf sogenannte „Reapers“, halbwilde Banden, die andere Überlebende überfallen und damit nicht nur Hig und Bangley, sondern auch ihre mennonitischen Nachbarn bedrohen. Gleichzeitig empfängt Hig ein schwaches Funksignal aus Grand Junction. Die Aussicht darauf, dass dort draußen noch jemand sein könnte, lässt ihn schließlich aufbrechen und bringt neue Begegnungen, Freundschaften und Gefahren mit sich.

Ridley Scott findet beeindruckende Bilder für das Ende der Welt
Scott drehte den Film in Italien, und gerade die zerklüfteten Gipfel der Dolomiten geben dieser entvölkerten Welt eine gewaltige Kulisse. Kameramann Erik Messerschmidt findet dafür immer wieder beeindruckende Bilder. Besonders die Luftaufnahmen, in denen Hig mit seinem Flugzeug zwischen menschenleeren Bergketten unterwegs ist, vermitteln gleichzeitig Freiheit und völlige Isolation. Die Welt ist wunderschön, nur scheint kaum noch jemand übrig zu sein, der diese Schönheit genießen könnte.
Auch mit mittlerweile 88 Jahren inszeniert Ridley Scott Actionszenen mit einer Energie, um die ihn deutlich jüngere Regisseure beneiden dürften. Dazu kommt eine Besetzung, die mit Jacob Elordi, Josh Brolin und Margaret Qualley eigentlich genügend Präsenz besitzt, um auch die ruhigeren Passagen zu tragen. Doch genau hier beginnt DAS ENDE DER STERNE zu kämpfen. Die Erzählung kann mit Scotts inszenatorischem Elan nicht mithalten und versinkt zunehmend in derselben Schwermut wie ihre Figuren.
Selbst eine derart starke Besetzung kann nur begrenzt Charisma entwickeln, wenn nahezu jeder Charakter in einem Zustand permanenter Resignation feststeckt. Die erste Hälfte erzeugt noch ein überzeugendes Gefühl der Bedrohung. Das Problem ist allerdings, dass die Reapers als Gegner erstaunlich undefiniert bleiben. Der Film möchte sie als permanente Gefahr etablieren, macht aber nur selten wirklich greifbar, wer diese Menschen sind und wie groß die Bedrohung tatsächlich ist.
Gleichzeitig treffen die Figuren Entscheidungen, die nicht zu ihrer angeblichen Vorsicht passen. Wenn in einer Welt, in der jederzeit feindliche Gruppen auftauchen können, weithin sichtbare Feuer entfacht werden, stellt sich irgendwann die Frage, ob die Charaktere selbst die Gefahr überhaupt so ernst nehmen wie der Film sie seinem Publikum verkaufen möchte.
Wenn die Geschichte plötzlich an Geschwindigkeit verliert
Nach der überzeugenderen ersten Hälfte nimmt DAS ENDE DER STERNE deutlich Tempo heraus. Besonders die Beziehung zwischen Hig und der Überlebenden Cima (Margaret Qualley) soll dem Film eine neue emotionale Ebene geben. Genau hier müsste Scotts Geschichte eigentlich ihre entscheidende Frage beantworten: Reicht es, einfach nur am Leben zu bleiben, oder braucht der Mensch Nähe, Gemeinschaft und eine Perspektive, damit aus Überleben wieder Leben wird?
Doch diese Beziehung entwickelt sich zu halbherzig, um dem Film den emotionalen Schub zu geben, den er an dieser Stelle dringend benötigt. Stattdessen schleichen sich immer wieder abrupte Stimmungswechsel ein. Besonders eine ausgesprochen merkwürdige Sequenz am Flughafen, die im Roman nicht vorkommt, wirkt, als wäre sie aus einem völlig anderen Film hier hineingeraten. Möglicherweise sollte sie die zunehmend schwere Erzählung etwas auflockern. Tatsächlich stört sie eher den Ton des Films.
Überhaupt begleitet DAS ENDE DER STERNE ständig das Gefühl, vieles schon einmal gesehen zu haben. Der Roman von Peter Heller erschien bereits 2012, weshalb einige seiner Motive inzwischen von anderen Filmen und Serien aufgegriffen oder zumindest populärer gemacht wurden. Der treue Hund an der Seite des einsamen Überlebenden erinnert zwangsläufig an I AM LEGEND, die marodierenden Reapers lassen an MAD MAX denken, ohne dessen Wahnsinn oder charakteristische Überzeichnung zu erreichen, und an anderer Stelle blitzt sogar etwas von jener nostalgischen Endzeit-Skurrilität auf, die FALLOUT wesentlich konsequenter ausspielt.
Solche Parallelen wären für sich genommen überhaupt kein Problem. Das postapokalyptische Genre lebt schließlich seit Jahrzehnten von wiederkehrenden Motiven. Entscheidend wäre, daraus etwas Eigenes zu formen. Genau das gelingt DAS ENDE DER STERNE jedoch nur bedingt. Der Film besitzt starke Einzelteile, findet daraus aber kein wirklich geschlossenes Ganzes.
Wunderschöne Endzeit ohne nachhaltigen Eindruck
Am Ende erlaubt Ridley Scott seiner Geschichte immerhin einen Hauch mehr Hoffnung als zu Beginn. Hig bekommt einen neuen Grund weiterzumachen und beginnt, seine Welt mit anderen Augen zu betrachten. Interessanterweise entsteht diese Veränderung aber weniger dadurch, dass sich seine Lebensumstände grundlegend verbessern. Vielmehr lernt er zu erkennen, welchen Wert das besitzt, was längst da war: Menschen brauchen Menschen und den Glauben an eine Gemeinschaft, auch wenn sie auf den ersten Blick fragil erscheint.
Damit landet DAS ENDE DER STERNE durchaus bei einer interessanten Aussage: Vielleicht bedeutet Leben nach dem Ende der Welt eben nicht, eine neue Zivilisation aufzubauen oder einen großen Sinn zu entdecken. Vielleicht beginnt es schon damit, Menschen, Beziehungen und kleine Sicherheiten nicht länger als selbstverständlich hinzunehmen. Nur entwickelt der Film diesen Gedanken nicht konsequent genug.
Fazit: Ridley Scott liefert eine wunderschöne, bergige Variante des postapokalyptischen Genres und beweist erneut, dass er visuell und handwerklich noch immer enorme Kraft besitzt. Was ihm diesmal fehlt, ist eine Geschichte, die mit diesen Bildern mithalten kann. Zu viele bekannte Motive, zu viel Schwermut und zu wenig emotionale Konsequenz verhindern, dass DAS ENDE DER STERNE nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Der Film möchte vom Aufblühen, vom Neuanfang erzählen. Am Ende schafft er es selbst gerade so zu überleben.
Film Bewertung 5 / 10





