Vom gefeierten Schauspieler zum entstellten Monster
Mit „Clayface“ wagt sich DC Studios auf ungewohntes Terrain. Statt eines klassischen Superheldenfilms setzt Regisseur James Watkins auf Body-Horror und die tragische Entstehungsgeschichte eines bekannten Batman-Gegenspielers. Tom Rhys Harries überzeugt in der Hauptrolle, doch die Mischung aus Monsterfilm und Rachedrama entwickelt nur selten die erhoffte Intensität.
Matt Hagen (Tom Rhys Harries) ist ein erfolgreicher, selbstverliebter Schauspieler, dessen Karriere nach einer brutalen Auseinandersetzung mit einem Gangster abrupt endet. Sein Gesicht wird schwer entstellt, seine berufliche Existenz zerstört. Auf der verzweifelten Suche nach Heilung gerät er an eine Wissenschaftlerin, die mit künstlicher Intelligenz und Nanotechnologie experimentiert. Die Behandlung soll sein früheres Aussehen wiederherstellen, verändert seinen Körper jedoch auf unvorhersehbare Weise. Matt entwickelt die Fähigkeit, seine Gestalt zu verändern. Was zunächst wie eine zweite Chance erscheint, wird zum Ausgangspunkt eines gewalttätigen Rachefeldzugs.
Ein Body-Horror-Film ohne den nötigen Schrecken
James Watkins hat mit „Eden Lake“ bewiesen, dass er psychologischen Terror und körperliche Gewalt wirkungsvoll verbinden kann. In „Clayface“ orientiert er sich an klassischen Verwandlungsgeschichten, setzt jedoch stärker auf digitale Schauwerte als auf den körperlichen Schrecken der Metamorphose. Die Transformationen werden überwiegend durch schnelle Schnitte, computergenerierte Verformungen und abrupte Gestaltwechsel vermittelt. Dadurch fehlt den Veränderungen jene physische Unmittelbarkeit, die Body-Horror so unangenehm macht.
Selbst drastische Gewaltszenen werden häufig durch Ausweichbewegungen der Kamera entschärft. Eine beklemmende Ekel-Sequenz in einer Flugzeugtoilette zeigt, dass Watkins durchaus Spannung erzeugen kann. Allerdings verlassen sich viele Szenen auf kurzfristige Schockeffekte. Die Soundgestaltung unterstützt diese Momente, vermittelt aber nur selten das Gefühl eines Körpers, der sich gegen seinen Besitzer richtet.

Tom Rhys Harries überzeugt, das Drehbuch bleibt schwach
Die größte Stärke des Films ist Tom Rhys Harries. Er verleiht Matt Hagen trotz dessen anfänglicher Arroganz eine nachvollziehbare Verletzlichkeit. Besonders nach seiner Entstellung vermittelt er die Verzweiflung eines Mannes, dessen Identität vollständig an sein Äußeres und seinen beruflichen Erfolg gebunden war. Das Drehbuch greift diesen Identitätsverlust zunächst auf, verlagert den Schwerpunkt jedoch zunehmend auf Matts Vergeltungsfeldzug. Seine außergewöhnlichen Fähigkeiten beherrscht er vergleichsweise schnell, wodurch die anfängliche Angst vor dem eigenen Körper an Bedeutung verliert.
Auch der Übergang vom tragischen Opfer zum gefährlichen Gegenspieler erhält zu wenig Raum. Die entscheidenden moralischen Veränderungen vollziehen sich eher durch äußere Ereignisse als durch eine nachvollziehbare innere Entwicklung. Dabei bietet Matts Schicksal durchaus Stoff für eine bissige Abrechnung mit Hollywoods Schönheitswahn und dem gnadenlosen Umgang mit äußerlichen Makeln. Wie viel gesellschaftliche Schärfe in einer solchen Geschichte stecken kann, hat Coralie Fargeat mit „The Substance“ allerdings wesentlich eindringlicher demonstriert.
Während dort Körperhorror und Schönheitsideale untrennbar miteinander verbunden sind, bleibt die Kritik an einer auf Jugend und Perfektion fixierten Filmindustrie in „Clayface“ weitgehend oberflächlich. Gelungen ist dagegen die Modernisierung der Comicvorlage. Während Matt Hagen seine Verwandlungsfähigkeiten ursprünglich durch einen unterirdischen See mit geheimnisvollem Plasma erhält, verlegt der Film den Ursprung seiner Kräfte in die Welt experimenteller Medizin, künstlicher Intelligenz und Nanotechnologie. Diese zeitgemäße Neuinterpretation fügt sich schlüssig in die Geschichte eines Schauspielers ein, der seinen Körper um jeden Preis wiederherstellen möchte.
Gotham City bleibt eine austauschbare Kulisse
Den Nebenfiguren fehlt hingegen die nötige Tiefe. Naomi Ackie und Eddie Marsan erfüllen ihre Rollen solide, während Max Minghella und David Dencik mit hölzernen Dialogen und klischeehaften Figurenzeichnungen zu kämpfen haben. Insbesondere der Gangster als zentraler Gegenspieler bleibt eine eindimensionale Bedrohung, die hauptsächlich Matts Rache motiviert. Auch die Gestaltung von Gotham City überrascht durch ihre Beliebigkeit.
Gewöhnliche Straßenzüge, anonyme Gebäude und eine wenig markante Polizeizentrale vermitteln kaum die unverwechselbare Atmosphäre von Batmans Heimatstadt. Gerade die Verbindung zwischen dem moralischen Verfall Gothams und Matts körperlicher Veränderung hätte einen interessanten erzählerischen Ansatz geboten. Stattdessen bleibt die Stadt weitgehend Hintergrundkulisse. Die Entscheidung, Batman nicht auftreten zu lassen, ist grundsätzlich sinnvoll, weil sie der Titelfigur Raum für eine eigene Geschichte gibt. Allerdings führt das nicht zu einer erkennbaren Verknüpfung mit einer darüber hinausgehenden Welt.
Das letzte Drittel von „Clayface“ nimmt dann ordentlich Fahrt auf. Eine nächtliche Rachesequenz in einem Club verbindet Matts Fähigkeiten – über die er auf einmal die Kontrolle hat – mit einer deutlich gewaltvolleren Inszenierung. Der Plot stürzt sich danach allerdings kopfüber Richtung Finale. Das vollständig entwickelte monströse Wesen zeigt sich dabei nur relativ kurz.

Fazit: Durchschnittlicher Monsterfilm mit starkem Hauptdarsteller
„Clayface“ profitiert von Tom Rhys Harries, einzelnen gelungenen Horrorsequenzen und einer zeitgemäßen Neuinterpretation seiner Comicursprünge. Die Kritik an Hollywoods Schönheitsidealen bleibt dagegen ebenso oberflächlich wie die psychologische Entwicklung der Hauptfigur. James Watkins inszeniert einen durchaus unterhaltsamen, aber wenig markanten DC-Ableger, dessen Monster interessanter ist als die Geschichte, die ihm zugedacht wurde.
Film Bewertung 5 / 10





