BILLIE EILISH - HIT ME HARD AND SOFT: THE TOUR (LIVE IN 3D)

In den vergangenen Jahren haben Beyoncé und Taylor Swift ihre eigene Musik für die Leinwand inszeniert und dabei die Kontrolle über ihre kreative Vision behalten. Die zweifache Oscar-Preisträgerin Billie Eilish folgt nun diesem Beispiel, geht bei ihrem dritten Konzertfilm jedoch einen anderen Weg.

Zwar ist deutlich zu spüren, dass sie selbst die Fäden in der Hand hält, zugleich hat sie mit James Cameron einen Co-Regisseur gewonnen, der dem Film eine ungewöhnliche Mischung aus Intimität und nüchterner Distanz gibt. Der größtenteils an vier Abenden in Manchester gedrehte Film fängt Eilishs Fähigkeiten als Performerin hervorragend ein.

Dabei durchläuft sie die gesamte Bandbreite von der Rebellin über die Kult-Pop-Ikone bis hin zur fast schon engelsgleichen Predigerin.

(L-R) James Cameron und Billie Eilish
(L-R) James Cameron und Billie Eilish © Paramount Pictures Germany

Zwischen Rebellin und Predigerin

Eilish ist eine faszinierende Erscheinung: gekleidet wie der frühe Eminem, über die Bühne tobend wie die Beastie Boys in den 90ern und zugleich fähig, Herzen zu brechen wie Adele. Man muss die Setlist nicht besonders gut kennen, um von ihrer eigenwilligen Energie erfasst zu werden und über den ungewöhnlichen Platz nachzudenken, den sie sich innerhalb der Pop-Landschaft erobert hat.

Während sie das Publikum beinahe wie eine Dirigentin führt, wird deutlich, dass sie etwas Wesentliches anspricht. Gerade Außenseiter zieht sie in ihren Bann, weil sie die üblichen Posen und Mechanismen des Popgeschäfts konsequent ablehnt.

Interessanterweise funktioniert diese Wirkung auch auf der Kinoleinwand. Die Kamera beobachtet nicht einfach nur einen Popstar bei der Arbeit, sondern versucht zu erfassen, wie Eilish einen riesigen Raum kontrolliert und trotzdem den Eindruck persönlicher Nähe erzeugt.

James Cameron macht aus der Bühne einen Kinosaal

Cameron beschränkt die Hinter-den-Kulissen-Interviews und persönlichen Einblicke auf wenige Minuten und wählt diese Momente daher sehr gezielt aus. Wer mehr über Eilishs Hintergrundgeschichte erfahren möchte, findet diese bereits in der Dokumentation „The World’s A Little Blurry“ (2021).

Es ist tatsächlich interessant zu sehen, wie Eilish auf die Bühne gelangt, welche Überlegungen ihre Entscheidungen bei der Performance geprägt haben und warum Hunde dabei eine Schlüsselrolle spielen. Gleichzeitig setzt Cameron sein Kamerateam so souverän ein, wie man es von ihm erwarten würde. Die schillernden Lichtwelten, die Feuereffekte und die Dimensionen der Show werden so eingefangen, dass sich der 3D-Aufpreis fürs Kino tatsächlich gelohnt hat.

Dabei geht es nicht nur um technische Demonstration. Raumtiefe, Bühnenarchitektur, Licht und die Bewegungen Eilishs werden miteinander verbunden und vermitteln ein Gefühl dafür, welche Dimension diese Show tatsächlich besitzt. Vor allem aber verliert Cameron bei seinem Streben nach spektakulären Bildern weder Eilish selbst noch ihre Fans aus den Augen.

Die Reaktionen des Publikums sind kein dekoratives Beiwerk, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Inszenierung. Bühne und Zuschauerraum bilden einen gemeinsamen Organismus, dessen Energie der Film immer wieder aufgreift. Genau darin unterscheidet sich das Ergebnis von einem reinen, technisch aufwendig produzierten Konzerterlebnis.

© Paramount Pictures Germany

Kein Künstlerporträt – und genau das will der Film auch nicht sein

Das Ergebnis ist keine aufschlussreiche oder tiefgehende Dokumentation über Billie Eilish als Künstlerin, kein „Shut Up & Sing“ und auch kein „Metallica: Some Kind Of Monster“. Dafür interessiert sich der Film zu wenig für Konflikte, Widersprüche oder einen Blick hinter die sorgfältig inszenierte Oberfläche. Doch genau das will er letztlich auch nicht sein. Stattdessen ist er ein hervorragend gemachter Konzertfilm, der gerade genug Einblicke gewährt, um über die reine Aufzeichnung einer Bühnenshow hinauszugehen.

Besonders berührend ist dabei, mit welchem Respekt Cameron seiner Co-Regisseurin und ihrer Vision für das gemeinsame Werk begegnet. Dass ausgerechnet der für seine temperamentvolle und kompromisslose Arbeitsweise bekannte Filmemacher bereit, ist, die kreative Verantwortung mit einem Popstar zu teilen, wirkt dabei keineswegs wie ein Marketing-Gag.

Cameron erkennt ein Talent, dessen künstlerische Vorstellungen Respekt verdienen, und ordnet seine enorme technische Erfahrung dieser gemeinsamen Vision unter.

Persönlichkeit trifft auf technisches Know-how

Vielleicht steckt darin sogar eine der interessantesten Aussagen des Films: Wenn selbst James Cameron bereit ist, zuzuhören und von einer ikonischen Figur der Generation Z zu lernen, könnte sich diese Offenheit auch für den Rest von uns lohnen. Für wen ist dieser Film gedacht? Eigentlich für alle.

Man muss kein eingefleischter Billie-Eilish-Fan sein, um die künstlerische Qualität der Musik, die Kraft ihrer Performance und vor allem die filmische Umsetzung dieser aussergewähnlichen Bühnenshow zu schätzen. Eilish liefert die Persönlichkeit und die Energie, Cameron das technische und visuelle Verständnis.

Fazit: Gemeinsam entsteht daraus ein Konzertfilm, der seine eigentliche Stärke nicht darin findet, Billie Eilish zu erklären, sondern darin, ihre Wirkung auf ein Publikum sichtbar und im besten Fall sogar spürbar zu machen.

Film Bewertung 8 / 10