Offizielles Plakat Internationale Filmfestspiele Berlin 2026

Ivy ist seit 10 Monaten in Remission. Doch seit ihrer Krebsdiagnose hat sie nicht das Verlangen, das Haus zu verlassen, geschweige denn Freunde zu treffen. Aus diesem Grund haben ihre Eltern ihr einen Platz im CRF gebucht. Einem „Chemo Camp“ für Kids wie Ivy, welche den Krebs erst einmal besiegt haben. Mit den besten Absichten setzen die Eltern Ivy ab, welche sich zunächst unwohl und fehl am Platze fühlt. Das zeigt sie auch durch ihr Verhalten, welches ihr nicht nur eine Verwarnung einhandelt, sondern auch früh morgendliche Therapiesitzungen.

Ivy taut allmählich auf, vor allem dank einer Gruppe von Kindern, die nicht zum ersten Mal im Camp sind. Ivy sieht darin eine Chance und lernt nicht nur einen ganz besonderen Menschen kennen, sondern sorgt mit ihrem Auftreten und gelegentlichen Tanznummern auch für einige schöne und herzlich-komische Momente. Der 25-jährige Schauspieler und Filmemacher George Jaques hat für seinen zweiten Spielfilm einen wirklich wunderbaren Titel gewählt, der zunächst Vorfreude auf alles weckt, was dahinter stecken könnte.

Die Begleitung junger Menschen, die gegen verschiedene Krebsarten kämpfen, ist jedoch ein Thema, mit dem sich Filme schon zu oft beschäftigt haben. Darunter gibt es einige sehr erfolgreiche Beiträge, die besonders gut aufzeigen, wie ein solches Thema behandelt werden kann. Beispiele hierfür sind unter anderem die beliebte Serie „Club der roten Bänder“ und die Verfilmung des ebenfalls sehr erfolgreichen Buches „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“.

Earl Cave, Conrad Khan, Bella Ramsey, Ruby Stokes, Jasmine Elcock, Daniel Quinn-Toye in Sunny Dancer
Earl Cave, Conrad Khan, Bella Ramsey, Ruby Stokes, Jasmine Elcock, Daniel Quinn-Toye © Colin J Smith, SUNNY DANCER Distribution Limited

Vereinzelt charmante Augenblicke

Daran gemessen hat es „Sunny Dancer“ sofort schwerer beim Zuschauer, denn der Vergleich zu den genannten Produktionen ist unweigerlich da. Genauso schnell leider auch die Erkenntnis, dass Jaques’ Werk sich nicht in die hoch emotionalen, phantastisch gelungenen Erzählungen einreihen wird. Auch wenn „Sunny Dancer“ ebenfalls ein paar schöne Momente hat. So gibt es zum Beispiel ein paar vereinzelte, charmante Augenblicke, die einen schmunzeln lassen: Derbe Krebswitze, welche am Lagerfeuer erzählt werden, ein gelungener Humor, der durch die junge Darstellerin wiedergegeben wird, oder auch ganz einfache Dinge, die die Gen Z verkörpern.

Zum Beispiel, was sehr zeitgemäß ist, ein sternenförmiges Punkpatch, welches einen kleinen Auftritt erhält. Doch leider wirkt der restliche Film wie eine in Filmoptik gebrachte Fotocollage: Wirr, überfrachtet und chaotisch. Der Zuschauer bekommt kaum Zeit, die Charaktere kennenzulernen, da Ivy und die Bande Kids schon befreundet sind und fünf Minuten später ist Ivy verliebt und hat ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Dass einem mit einer solchen Erkrankung bewusst wird, wie kostbar das Leben ist und wie schnell es vorbei sein kann, ist durchaus nachvollziehbar, aber dennoch wird hier alles Schlag auf Schlag abgehandelt. Dadurch bleibt der Film leider auch sehr oberflächlich, was die Entwicklung der Charaktere angeht oder die Bindungen dieser untereinander.

Als Zuschauer bekommt man überhaupt nicht die Möglichkeit, mal kurz innezuhalten und sich in der Handlung zu verlieren, die Bilder wirken zu lassen oder Dialoge genießen zu können. Und dabei hat der Film einen fantastischen jungen Cast, gerade Bella Ramsey schafft es komplett in der Rolle der Ivy aufzugehen und lässt dabei alberne sowie emotionale Gefühle entstehen, die bei ihr dennoch sehr natürlich wirken. Doch der Film springt von einem Handlungspunkt zum nächsten, frühstückt dabei die einzelnen Bullet Points ab und serviert einem dann ein altbekanntes Schema: Jahrmarkt, Abschlussfeier und Talentshow.

Bella Ramsey in Sunny Dancer
Bella Ramsey in Sunny Dancer © Colin J Smith, SUNNY DANCER Distribution Limited

Vorhersehbar, überfrachtet und chaotisch

Auch visuell kann er uns nichts Neues zu erzählen. In den immer wieder eintönig gleichen Einstellungen und langweiligen, dramatisch aufgeputschten Bildern sehen wir keine spannenden neuen Errungenschaften. Es wird getanzt, gelacht, geweint und geschrien und leicht bekleidet in einen See gesprungen. Es wirkt fast schon so, als wollte Jaques nochmal nachdrücklich erläutern wollen, dass die Kids nun ihr eventuell viel zu kurzes Leben genießen wollen. Auch musikalisch schlägt er leider eine ähnliche Bahn ein.

Wir werden mit einem Popsong nach dem anderen bombardiert, was uns die Bedeutung noch stärker spüren lassen und die Emotionen noch greifbarer machen soll. Es scheint fast so, als würde er seiner eigenen Generation nicht zutrauen, komplexere, weniger emotional aufgeladene Bilder zu verfolgen. Passend dazu tauchen in dem Film zufällige Personen auf, die man nicht unbedingt erwartet hätte und die in keinster Weise notwendig sind. So hat beispielsweise James Blunt einen ironischen Kurzauftritt, bei dem er natürlich einen sehr emotionalen Song singt, und dann eine amüsante kleine Rolle übernimmt.

Wenn die Absicht gewesen wäre, den Film als eine ironische Auseinandersetzung mit allen bestehenden Filmen zu diesem Thema zu präsentieren, wäre das eine spannende Herangehensweise gewesen. Doch so wie er ist, bleibt unklar, welche Richtung der Film eigentlich einschlagen will: soll er komödiantisch sein oder eher kitschig-dramatisch? Selbst dann hätten andere Werke bereits gezeigt, wie sich beides erfolgreich kombinieren lässt.

Fazit: Zu allem Überfluss gibt es auch noch ein dramaturgisch sehr vorherseibares Ende, welches vermutlich eine besonders starke emotionale Wirkung auf die Zuschauer entfalten soll. Allerdings hätte man dafür im Vorfeld auf bestimmte Aspekte Rücksicht nehmen müssen. Doch was als Serie vielleicht funktioniert hätte, scheitert hier auf ganzer Linie. So bleibt am Ende nur der Ohrwurm „I don’t feel like dancing“ im Gedächtnis haften.

Film Bewertung 4 / 10