Offizielles Plakat Internationale Filmfestspiele Berlin 2026

Kojo wächst auf den Straßen Accras, in Ghana, auf. Er steht zwischen kriminellen Straßenbanden und der Moral, welche sein Vater ihm vorlebt. Doch eines Tages kommt sein Vater nicht von einer Fischfangtour zurück. Und so bleibt Kojo nichts anderes übrig als sein Geld, so wie sein bester Freund, auf dem nicht legalem Wege zu verdienen. Doch das Gewissen beginnt recht schnell an ihm zu nagen. Er begreift, dass hinter den Bildern der Frauen, mit denen er chattet und von denen er Geld auf schamlose Art und Weise einfordert, auch Leben stecken.

Und auf der anderen Seite, im kanadischen Quebec, wächst Tony wohlbehütet bei seiner alleinerziehenden Mutter auf. Während er mit seinen Freunden und deren Skateboards die Straßen unsicher macht, sein dreckiges Geschirr nicht wegräumt und Gelegenheitsjobs übernimmt, lernt seine Mutter übers Internet jemanden kennen. Tony vermutet zunächst, dass es sein Vater sein könnte, welchen er nie kennenlernte. Doch hinter dem Profil eines Kapitäns verbirgt sich niemand anderes als Kojo, der die Welt von Tony und seiner Mutter schon bald auf den Kopf stellt.

PARADISE,  BERLINALE 2026
© Entract Studios, Constellation Productions

Mal verspielt und poetisch, mal amerikanisiert

Paradise ist das Spielfilmdebüt des kanadischen Regisseurs Jérémy Comte. Comte präsentiert dem Zuschauer durchaus gelungene Bilder, die mal verspielt und poetisch ausschauen, wie ein feuerroter Abendhimmel übersät mit Vogelscharen, dann wieder recht einfach sind und einen fast schon amerikanisierten Look abbilden. Wie die Aufnahmen der Kids in Quebec, welche eine lange asphaltierte Straße mit ihren Skateboards runterjagen. Dasselbe Phänomen kann man auch in der musikalischen Untermalung feststellen. Durch die Verwendung klassischer, bekannter Musik versucht er seinen Film etwas Künstlerisches zu verleihen, was leider nicht immer gelingt.

Der Film bildet zwei gegenteilige Leben ab, welche in drei Akten erzählt werden und am Ende aufeinanderprallen. Der Anfang überzeugt durch einen schönen Prolog, der Lust auf mehr macht: einen turbulenten Start, der an Slumdog Millionär erinnert: Ein kleiner Junge, der durch die Slums seiner Heimat rennt, Geld von der Straße aufhebt, welches von Männern in einem Jeep durch die Gegend geworfen wird, und alte amerikanische Filme schaut. Er hat Träume und Visionen, welche aber in dem Moment zerstört werden, als sein Vater plötzlich verschwindet. Und gerade hier, wo das Leben von Kojo so viel Charme bietet und Möglichkeiten, für den Zuschauer in eine unbekannte Welt abzutauchen, macht Comto leider den Sprung weg von Kojo, hin zu Tony und seiner Mutter.

Aber auch das zweite Kapitel hat noch einen gewissen Reiz. Wir sehen das Gegenteilige Leben zu dem von Kojo, sehen wie gut es Tony und Chantal haben, auch wenn sie bei weitem nicht reich sein mögen. In diesem Teil der Geschichte sind vor allem die Überblenden zwischen den beiden Leben immer schön gelungen und zeigen noch mehr das Gegenteilige. Hier überzeugt Joey Boivin Desmeules in seiner Rolle als Tony, dem rebellischen jungen Mann, voll und ganz.

PARADISE, BERLINALE 2026
© Entract Studios, Constellation Productions

Verliert sich in rasanter Action und kurzweiliger Spannung

Während Daniel Atsu Hukporti als Kojo seine Rolle während des gesamten Films überzeugend ausfüllt, ist Joey Boivin Desmeules als Tony in seiner schwierigen Rolle nicht durchgehend glaubwürdig. Dadurch wirkt die Geschichte gegen Ende nicht nur konstruiert, sondern auch amateurhaft schlecht. Man hat das Gefühl, dass die Schauspieler nur ihren Text ablesen und nicht mehr in ihre Rollen eintauchen. Auch wenn der Film manchmal an Schwung verliert und wichtige Momente auslässt, was etwas verwirrend wirkt und einen in Belanglosigkeiten versinken lässt, erzählt er doch eine spannende Geschichte: die der Täter.

Wie man im Laufe des Films nach und nach erfährt, handelt es sich dabei um junge Männer von der Straße, die nichts anderes im Sinn haben, als über die Runden zu kommen. Das letzte Kapitel verliert sich etwas in rasanter Action und unterhaltsamer Spannung, die leider eher albern wirkt und zu einem übertriebenen Höhepunkt führt, den man eher aus einem Actionfilm kennt. Eigentlich schade, denn Kojos Leben allein wurde mit viel Charme und Sympathie dargestellt. Aber vieles wirkt trotzdem noch unfertig, was für die Handlung echt bedauerlich ist.

Fazit: Comto will mit seinem Debütfilm zu viel auf einmal: Er möchte die Frage nach Identität ergründen, eine spannende Geschichte über betrügerische Machenschaften erzählen und die gemeinsame Verbindung zwischen zwei Fremden thematisieren, nämlich den Verlust ihrer Väter. Mit all diesen Handlungssträngen greift er zu viel auf, unterbricht die Geschichte an den falschen Stellen und versucht verzweifelt, dem Plot noch mehr Spannung zu verpassen.

Film Bewertung 6 / 10