Offizielles Plakat Internationale Filmfestspiele Berlin 2026

Josephine, welche von ihrem Vater nur „Jo“ genannt wird, geht häufiger mit diesem morgens im Park Fußball spielen. Doch an diesem Morgen ist alles etwas anders. Josephine rennt ihrem Vater im Park davon und wartet hinter einem Baum darauf, das er sie findet. Stattdessen kann sie aus ihrem Versteck heraus eine Joggerin sehen, welche von einem Mann vergewaltigt wird. Josephines Vater, welcher nur einen kurzen Moment später dazustößt, ruft sofort die Polizei. Der Mann wird auf seiner Flucht gefasst, doch Josephine steht vor vielen offenen Fragen.

Was genau hat sie dort im Park beobachtet? Doch statt Antworten bekommt sie von ihren Eltern hierzu ausschließlich schweigen. Während ihr Vater eher physisch an das ganze herangeht und Josephine zu einem Selbstverteidigungskurs schickt, will Josephines Mutter mit ihr zu einem Therapeuten. Und dann kommt noch der Anwalt der Frau aus dem Park auf sie zu. Denn Josephine ist die einzige Zeugin in diesem Fall und könnte dafür sorgen das der Mann aus dem Park verurteilt wird. Doch Josephine weiß inzwischen nicht mehr so genau ob sie jemals wieder über das Gesehene sprechen möchte.

Gemma Chan, Mason Reeves, Channing Tatum © Josephine FIlm Holdings LLC

Was bedeutet das Wort „Vergewaltigung“?

Der Film erweist sich schon durch sein erstes Bild als wahnsinnig gelungenes Werk. Wir lernen Josephine zunächst aus der ersten Perspektive kennen, indem die Kamera ihren Blick einnimmt. Etwas ängstlich blickt der Zuschauer auf den Vater hinter dem offenen Garagentor. Eine kleine Hand, welche nach dem Schalter für das betätigen des Tors greift und ein wager Schritt um schnell noch durch den Spalt des sich schließenden Tors springen zu können. Erst dann sehen wir Josephine ins Gesicht.

Was wir sehen, ist eine Geschichte, die auf den Erinnerungen der Regisseurin Beth de Araújo basiert, und wir sehen ein achtjähriges Kind, das von dem Geschehen, das es miterlebt hat, tief erschüttert ist. Plötzlich sind die Grundfeste ihres Glaubens nicht mehr dieselben und jeder Mann ein potenzieller Täter. Sie hält Abstand zu Männern im Supermarkt, hält Bleistifte umklammert um sie als Waffe nutzen zu können und wehrt sich wehement gegen männliche Mitschüler. Auch vor Rüden scheut sie eher zurück als vor Hündinnen.

Und während der Geist des Täters sie auf Schritt und Tritt heimzusuchen scheint, stehen ihre Eltern vor der Frage, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Aber das Geschehene zu verdrängen, hilft keinem der drei weiter. Die Bilder verfolgen Josephine, die eines Nachts ihren Vater von ihrer Mutter wegstieß, weil sie glaubte, er würde ihr wehtun. Was ist Sex? Und was bedeutet das Wort Vergewaltigung?

Kann eine Frau es wirklich genießen, wenn ein Mann auf ihr liegt? Der naive Blick einer achtjährigen, die eine ihr völlig unbekannte Situation betrachtet, wird so gekonnt dargestellt, so feinfühlig eingefangen, dass man sich ähnliche Fragen stellen muss.

© Josephine FIlm Holdings LLC

Was ist richtig und was falsch?

Ist es fair das jemand für eine solche Tat nur zwischen 3-8 Jahren Gefängnis erhalten kann? Dann wäre Josephine erst 15 Jahre alt, wie sie selbst ausrechnet. Dann will sie lieber jetzt schon eine Pistole aus dem Spielzeugladen haben, für den Fall der Fälle. Wir beginnen ein Mädchen dabei zu beobachten wie es rasend schnell erwachsen werden muss und mit neuen Ängsten konfrontiert wird. Erst recht als ihre Mutter schwanger ist und sie erfährt das sie einen Bruder bekommen wird.

Beth de Araújo bereitete sich auch auf die Gerichtsszenen vor. Da sie es vermeiden konnte, in ihrem eigenen Fall auszusagen, wollte sie alles in ihrem Film aus der Perspektive eines Kindes betrachten. Um die Gerichtsszenen so realistisch wie möglich zu gestalten, besuchte sie ähnliche Verfahren persönlich und verfolgte sie von Anfang bis Ende. So gelang es ihr, Gerichtsszenen in ihrem Film zu inszenieren, deren Betrachtung fast schon Übelkeit hervorruft. Zum Beispiel, als der Anwalt des Täters die 8-jährige Josephine fragt, warum sie nicht eingegriffen habe, als sein Mandant der Frau schreckliche Dinge angetan hat.

Es ist auch nicht mehr das junge, naive, ängstliche Mädchen, das mit „Warum helfen sie dann nicht?“ antwortet. Erfrischend ist auch, dass der Film nicht nur Vater-Tochter-Momente, sondern auch Mutter-Tochter-Momente schildert. Diese Augenblicke sind gleichermaßen wichtig und zeigen, wie bedeutend beide Beziehungen für sie sind, wie unterschiedlich die Gespräche sind, aber auch, wie viel Liebe in beiden Bindungen steckt.

Es ist mutig und wichtig, dieses Thema auf diese Weise anzugehen

Und obwohl Josephine erst 8 Jahre alt ist und man sie beschützend in die Arme nehmen möchte, wie es ihre Eltern ursprünglich auch vorhaben, wird einem gleichzeitig bewusst, dass ihre Eltern die Verantwortung haben, ihrem Kind zu erklären, was richtig und was falsch ist. Es bricht einem fast das Herz, als Josephines Mutter ihr erklärt, dass sie vor Gericht aussagen muss, wenn sie dazu in der Lage ist, damit sie es später im Leben nicht bereut.

Der Film hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Auch wenn der Täter nie spricht und nur mehrfach als stummer Mann zu sehen ist, wird eines deutlich: Nichts kann Josephine und andere Mädchen und Frauen davor schützen, irgendwann in eine solche Situation zu geraten. Nur wenn wir diese wichtigen Themen weiterhin im Film thematisieren, können wir sie verarbeiten, uns vorbereitet fühlen und aufklären.

Fazit: Niemand sollte so etwas miterleben müssen, weder als Opfer noch als Zeuge. Mit ihrer Arbeit beweist Beth de Araújo nicht nur ein feines Gespür für die richtige Besetzung und die Leitung junger Talente in schwierigen Szenen, sondern auch den Mut, sich ihrer eigenen Vergangenheit zu stelle. So gelingt es ihr, ein wirklich kontroverses Thema mit großer Sensibilität umzusetzen.

Film Bewertung: 9 / 10