Offizielles Plakat Internationale Filmfestspiele Berlin 2026

Tanja und Jerome sind beide Mitte dreißig, Freiberufler und auch freiheitsliebend. Sie sind bisher in ihrem Leben selten gegen Grenzen gestoßen und haben scheinbar alles unter Kontrolle. Das glauben sie zunächst auch von ihrer gemeinsamen Fernbeziehung. Wenn sie sich sehen, lieben sie die Nähe zueinander, und wenn sie sich nicht sehen, freuen sie sich auf das nächste Mal, wenn sie sich wieder nahe sein können.

Doch dann verspürt Tanja eine Anziehung zu einem Bekannten, dem sie nachgehen möchte. Und so setzte sie nicht nur die Beziehung zu Jerome aufs Spiel, sondern auch zu ihrer besten Freundin. Erst nach und nach begreift Tanja, dass sie vielleicht schon längst das hatte, was sie sich fürs Leben gewünscht hat, doch nun ist es Jerome, der einer neuen Bekanntschaft nacheilt. Und zwischen den neuen Begegnungen schreiben sie sich weiter Mails hin und her in der Hoffnung, sich irgendwann wieder einmal so nahe sein zu können wie zuvor.

Anna Rollers zweiter Spielfilm beruht auf dem gleichnamigen Roman von Leif Randt, der auch für das Drehbuch verantwortlich war. Das Buch galt lange als nicht verfilmbar, bis die Pandemie und einige Gespräche mit dem Produzenten Randt überzeugten, es einmal zu versuchen. Und dabei entsteht ein eingefangenes Lebensgefühl der „Millennials“, welches unfassbar nahbar in verschiedenen Stadien ablichtet, wie sich diese Generation in ihren Dreißigern fühlt.

Jannis Niewöhner, Sylvaine Faligant in ALLEGRO PASTELL © Felix Pflieger
Jannis Niewöhner, Sylvaine Faligant in ALLEGRO PASTELL © Felix Pflieger

Ein realtisches Bild über die Generation der Millennials

Die Geschichte dreht sich um Tanja und Jerome, ein Paar, das jeden Tag so lebt, wie er kommt, ohne finanzielle Sorgen und nur mit den Zwängen der Gesellschaft beschäftigt: Kinder, Heirat und die Frage des Zusammenziehens. Aber auch die Frage „Ist das alles?“ beschäftigt die beiden. Vor allem Tanja möchte ihre Optionen ausloten und sich nicht vollständig binden, denn was wäre, wenn sie und Jerome irgendwann nichts mehr miteinander zu besprechen hätten?

Während Tanja ihren Wünschen nachgeht, trifft Jerome seine Jugendliebe wieder. Der Film schafft es immer wieder, ein realistisches Bild der Millennials in den unterschiedlichsten Facetten zu zeichnen, sei es in ihrem Liebesleben oder in ihrem Verhältnis zur Arbeit. Doch trotz des äußeren Drucks und dem Gefühl, dass das doch nicht schon alles gewesen sein kann, gelingt es Randt, die Fragen zu stellen, die sich viele Menschen in diesem Alter und zu dieser Zeit gestellt haben. Wir befinden uns noch im friedlichen Leben vor der Pandemie, fernab von den Katastrophen der darauf folgenden Zeit.

Man lässt sich durch den Sommer in Berlin treiben, durch Nachtleben und Tagträume. Und über allem schweben die sanften, angenehmen Stimmen von Sylvaine Faligant und Jannis Niewöhner, die die E-Mail-Korrespondenz ihrer beiden Figuren so vortragen, als würden wir mitten während eines Films ein Hörbuch hören. Das ist zwar zunächst etwas ungewöhnlich, passt aber zur Gesamtstimmung des Werks.

Ein Film, der vor allem eine tragische Liebesgeschichte von zwei Menschen erzählt, die sich lieben und doch immer wieder an sich selbst scheitern. Das gelingt dem Film über seine gesamten 100 Minuten hinweg, sodass man am Ende tief bewegt dasitzt und den Schmerz der Hauptfigur Tanja mitten im eigenen Herzen spürt.

Jannis Niewöhner, Sylvaine Faligant in ALLEGRO PASTELL
Jannis Niewöhner, Sylvaine Faligant in ALLEGRO PASTELL © Felix Pflieger

Unfassbar schöne Atmosphäre, die der Film einfängt

Man freut sich für sie, ist wütend, traurig und möchte sie manchmal sogar anschreien. Es gibt aber auch wundervolle Momente im Film, in denen man sich selbst wiedererkennt. Zum Beispiel in der Familiendynamik zwischen Tanja und ihrer Verwandtschaft: die Diskussionen beim Weihnachtsessen, ihre Schwester, die unter Depressionen leidet, oder ihre Eltern, die sich scheinbar immer wieder trennen wollen. Diese unangenehme Stimmung breitet sich über die Leinwand hinaus aus.

Beim letzten Lied kommen dann Emotionen zum Vorschein, die an Filme wie „PS: Ich liebe Dich“ erinnern. Neben den wunderschönen Bildern, die der Film und die beiden wirklich großartigen Schauspieler schaffen, spürt man auch die Chemie zwischen ihnen. Vor allem Newcomerin Sylvaine Faligant, die Tanja auf wirklich bezaubernde Weise verkörpert, einschließlich der Emotionen, mit denen sie unerwartet zu kämpfen hat.

Darüber hinaus hat der Film auch einige Aspekte, die einen negativen Eindruck hinterlassen: Drogenkonsum, der hier vor allem durch die in Berlin lebende Tanja symbolisiert wird; viele verschwommene Bilder, die nichts zur Handlung beitragen, sondern nur die Laufzeit verlängern; und die manchmal sehr naive Lebenseinstellung, die den Fluss des restlichen Films von Zeit zu Zeit stört.

Sylvaine Faligant in Allegro Pastell
Sylvaine Faligant in ALLEGRO PASTELL © Felix Pflieger

Etwas ärgerlich ist auch das Fehlen von Themen wie Lebensunterhalt verdienen, Miete bezahlen können oder sich in einem Dschungel von Bewerbungen verlieren. Denn schließlich sind dies wichtige Fragen für eine Generation, die ihr Berufsleben nicht mehr mit der Hoffnung beginnt, sich irgendwann einmal eine eigene Wohnung leisten zu können. Unsere beiden Hauptfiguren scheinen sich dieser Probleme jedoch nicht bewusst zu sein oder sich darüber Gedanken zu machen.

Stattdessen werden die Gedanken von Jerome und Tanja von offenen Beziehungsmodellen und Freunden dominiert, die bereits verheiratet sind oder Kinder haben. Darüber hinaus überwiegt jedoch die unglaublich schöne Atmosphäre, die der Film erzeugt, einfängt und vermittelt. Es ist eine tolle Geschichte mit zwei herausragenden, spannenden Charakteren, die ihre Rollen fantastisch ausfüllen. Dazu kommen Bilder, die ein angenehmes Lebensgefühl vermitteln.

Fazit: Eine berührende Momentaufnahme, eingefangen auf Bild- und Tonebene, die uns alle zum Lachen und Weinen bringt. Vor allem für die Generation, von der sie erzählt, ist sie ein ganz besonderes Erlebnis. Am Ende bleibt ein Gefühl des Verlustes, das jedoch von einem wunderbaren Bewusstsein für die erfüllende Zeit begleitet wird, die die beiden gemeinsam erlebt haben.

Film Bewertung 8 / 10