YOU CAN SEE EVERYTHING

Der Aufstieg und Fall der Unternehmerin Elizabeth Holmes gehört zu den bekanntesten Wirtschaftsskandalen des Silicon Valley. Mit dem Dokumentarfilm „You Can See Everything“ beschäftigen sich Nathan Fielder und Lance Oppenheim mit der ehemaligen Theranos-Gründerin, die wegen Betrugs an Investoren zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Anders als frühere filmische Auseinandersetzungen mit dem Theranos-Skandal setzt „You Can See Everything“ unmittelbar bei Holmes selbst an. Die ehemalige Unternehmerin erlaubte einem Filmteam, sie kurz vor ihrem Haftantritt zu begleiten.

Elizabeth Holmes öffnet dem Filmteam ihre Türen

Der Dokumentarfilm beginnt 34 Tage vor dem geplanten Haftantritt von Elizabeth Holmes. Zu diesem Zeitpunkt liegt der Zusammenbruch ihres Unternehmens bereits mehrere Jahre zurück. Die ehemalige Unternehmerin wurde wegen ihrer Rolle bei der Täuschung von Investoren verurteilt und steht vor dem Beginn ihrer Gefängnisstrafe. Trotz dieser Situation erklärt sie sich bereit, ein Filmteam an ihrem Alltag teilhaben zu lassen.

Nathan Fielder und Lance Oppenheim erhalten damit einen ungewöhnlichen Zugang zu einer Person, deren öffentliche Wahrnehmung lange von sorgfältig inszenierten Auftritten bestimmt wurde. Die Kameras begleiten Holmes in einer Lebensphase, in der ihre bisherige Karriere endgültig gescheitert ist. Was zunächst als persönliche Beobachtung beginnt, entwickelt sich über einen Zeitraum von drei Jahren zu einer wesentlich umfangreicheren Auseinandersetzung.

Die Dokumentation untersucht die Grenzen zwischen Wahrheit und Selbstdarstellung

Elizabeth Holmes wurde über Jahre als außergewöhnlich erfolgreiche Unternehmerin präsentiert. Ihr Unternehmen Theranos versprach eine grundlegende Veränderung medizinischer Blutuntersuchungen. Mit wenigen Tropfen Blut sollten zahlreiche diagnostische Tests möglich werden. Die Technologie erfüllte diese Versprechen jedoch nicht. Untersuchungen und journalistische Recherchen brachten erhebliche Unregelmäßigkeiten ans Licht, die schließlich zum Zusammenbruch des Unternehmens führten.

Die Dokumentation greift diese Vorgeschichte auf, konzentriert sich allerdings auf eine andere Frage. Wie verhält sich ein Mensch vor einer Kamera, dessen beruflicher Erfolg wesentlich auf der eigenen öffentlichen Darstellung beruhte? Für die Filmemacher entsteht daraus eine besondere Herausforderung. Sie erhalten zwar Zugang zum persönlichen Umfeld ihrer Hauptfigur, müssen gleichzeitig hinterfragen, welche Bedeutung dieser Zugang tatsächlich besitzt. Denn die Bereitschaft, sich filmen zu lassen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich eine Person auch uneingeschränkt offenbart.

Nathan Fielder und Lance Oppenheim verbinden ihre dokumentarischen Ansätze

Nathan Fielder wurde insbesondere durch seine Fernsehformate „Nathan for You“ und „The Rehearsal“ bekannt. In beiden Produktionen beschäftigt er sich mit menschlichem Verhalten unter ungewöhnlichen Bedingungen. Dabei untersucht er auch, welchen Einfluss Kameras und bewusst gestaltete Situationen auf die beteiligten Menschen haben. Lance Oppenheim widmete sich in seinen bisherigen Dokumentarfilmen wiederholt außergewöhnlichen Persönlichkeiten und gesellschaftlichen Gruppen. Für „You Can See Everything“ arbeiten beide Filmemacher zusammen. Ihr gemeinsamer Film beschäftigt sich nicht nur mit Elizabeth Holmes und ihrer Vergangenheit.

Ebenso wichtig ist die Beziehung zwischen den Menschen vor und hinter der Kamera. Dadurch wird die Entstehung des dokumentarischen Porträts selbst zu einem Bestandteil der Geschichte. Mit dem jetzt veröffentlichten Trailer und Filmplakat beginnt die nächste Phase der deutschen Kinoankündigung. Die Dokumentation hatte bereits im September 2026 beim Telluride Film Festival ihre Premiere gefeiert. Mitte Oktober folgte der amerikanische Kinostart. Für das deutsche Publikum wird der Film Anfang Dezember verfügbar sein.

Die Geschichte setzt bei einer Frau an, deren öffentliche Glaubwürdigkeit durch den Theranos-Skandal grundlegend zerstört wurde. Zugleich untersucht sie, welche Möglichkeiten ein Dokumentarfilm besitzt, die Selbstdarstellung seiner eigenen Hauptfigur kritisch zu hinterfragen.