Inhalt: Nachdem ihr kleiner Bruder von einem Schwarm Krähen entführt worden ist, begibt sich die 12-jährige Prue auf eine abenteuerliche Rettungsmission in die „Undurchdringliche Wildnis“ – einen verzauberten Wald, der sich am Rande von Portland, Oregon, verbirgt. Gemeinsam mit ihrem tollpatschigen Mitschüler Curtis betritt sie eine Welt voller sprechender Tiere, Magie und uralter Mächte. Als die beiden in einen Konflikt geraten, der das Gleichgewicht des Waldes bedroht, entdeckt Prue eine innere Stärke, von der sie niemals geahnt hätte, dass sie in ihr steckt. Wenn sie ihren Bruder retten und das Schicksal von Wildwood verändern will, muss sie alles aufs Spiel setzen
Eine fantastische Welt voller Wunder und Gefahren
Es gibt Animationsfilme, bei denen man sich fragt, wie all das überhaupt möglich ist. „Wildwood“ gehört zweifellos dazu. Mit seinem bislang aufwendigsten Projekt entführt das Animationsstudio Laika das Publikum in eine fantastische Welt voller sprechender Tiere, geheimnisvoller Wälder und ungewöhnlicher Gestalten. Regisseur Travis Knight, der bereits mit „Kubo – Der tapfere Samurai“ bewiesen hat, welches Potenzial in der Stop-Motion-Technik steckt, geht diesmal noch einen Schritt weiter. Was hier in mühevoller Handarbeit entstanden ist, lässt selbst modernste Computeranimation gelegentlich erstaunlich gewöhnlich aussehen.
Doch hinter den beeindruckenden Bildern steckt auch eine Geschichte über Mut, Verlust, Freundschaft und die Bereitschaft, für andere alles zu riskieren. Die zwölfjährige Prue McKeel (gesprochen von Peyton Elizabeth Lee) lebt mit ihrer Familie in Portland, Oregon. Als sie eines Tages auf ihren kleinen Bruder Mac aufpassen soll, missachtet sie die ausdrückliche Anweisung ihrer Eltern, das Haus nicht mit ihm zu verlassen. Ein folgenschwerer Fehler, denn plötzlich taucht ein riesiger Schwarm Krähen auf, schnappt sich das Baby und verschwindet mit ihm über den Baumwipfeln.
Prue nimmt sofort die Verfolgung auf und gelangt gemeinsam mit ihrem etwas unbeholfenen Mitschüler Curtis (Jacob Tremblay) in einen Wald, den eigentlich niemand betreten soll. Hinter seinen Grenzen verbirgt sich eine eigene Welt mit sprechenden Tieren, geheimnisvollen Bewohnern und verschiedenen Reichen, deren Verhältnis alles andere als friedlich ist. Während Prue nach ihrem Bruder sucht, geraten die beiden Kinder immer tiefer in einen Konflikt, der das gesamte Wildwood zu verschlingen droht.
Besonders gefährlich ist die ehemalige Herrscherin Alexandra (Carey Mulligan), deren Trauer über den Verlust ihres Sohnes in Hass und Rachsucht umgeschlagen ist. Mit einer Armee von Kojoten versucht sie, ihre Macht zurückzugewinnen. Doch hinter ihrer Grausamkeit steckt mehr als die übliche Bosheit einer Märchenhexe. Gerade weil der Film ihre Beweggründe ernst nimmt, bekommt die Geschichte eine emotionale Tiefe, die weit über den klassischen Kampf zwischen Gut und Böse hinausgeht.
Das Drehbuch von Chris Butler, basierend auf dem Roman von Colin Meloy mit Illustrationen von Carson Ellis, verbindet ein großes Fantasy-Abenteuer mit einer persönlichen Geschichte. Prue ist keine makellose Heldin, sondern ein eigensinniges Mädchen, das aus einem Fehler heraus Verantwortung übernehmen muss. Curtis wiederum wächst über sich hinaus, ohne dabei seine friedliche Art aufzugeben. Beide Figuren entwickeln sich glaubwürdig und verleihen dem Abenteuer ein menschliches Herz.

Wenn jedes Bild ein kleines Kunstwerk ist
Was „Wildwood“ allerdings zu einem außergewöhnlichen Kinoerlebnis macht, ist seine visuelle Gestaltung. Laika hat bereits mit „Coraline“, „ParaNorman“ und „Kubo“ Maßstäbe gesetzt, doch die Größe und der Detailreichtum dieser Produktion übertreffen alles, was das Studio bislang geschaffen hat. Ganze Landschaften, Gebäude, Wälder und unzählige Figuren wurden mit einer Liebe zum Detail gestaltet, die man in nahezu jeder Einstellung erkennen kann. Dabei sind es nicht allein die großen Bilder, die beeindrucken. Ein Blick, eine vorsichtige Bewegung oder eine kleine Geste erzählen oft mehr als lange Dialoge.
Die Figuren besitzen eine erstaunliche Lebendigkeit, obwohl ihre Bewegungen Bild für Bild entstanden sind. Kleidung, Fell, Federn und die unzähligen Pflanzen des Waldes wirken so greifbar, dass man beinahe vergisst, einen Animationsfilm zu sehen. Besonders eindrucksvoll gelingt der Übergang vom vertrauten Portland in die geheimnisvolle Wildnis. Die Stadt mit ihren Straßen und Häusern besitzt bereits eine eigene Persönlichkeit, doch sobald Prue den verbotenen Wald betritt, öffnet sich eine Welt voller Farben, ungewöhnlicher Formen und ständig neuer Entdeckungen.
Das Produktionsdesign verbindet die Wärme klassischer Märchenillustrationen mit einer düsteren Fantasy-Welt, in der hinter jeder schönen Fassade auch eine Gefahr lauern kann. Kameramann Caleb Deschanel nutzt diese Kulissen mit bemerkenswertem Gespür für Größe und Tiefe. Weite Einstellungen zeigen die Ausmaße der Landschaften, während ruhige Nahaufnahmen die Gefühle der Figuren einfangen. Besonders in den großen Actionszenen wird deutlich, wie weit sich die Stop-Motion-Technik inzwischen entwickelt hat.
Wenn ganze Armeen aufeinandertreffen, unzählige Figuren gleichzeitig in Bewegung geraten und die Kamera mitten durch das Geschehen führt, entstehen Bilder, deren technische Umsetzung kaum zu begreifen ist. Der Schnitt lässt diesen Momenten genügend Raum, ohne das Tempo aus den Augen zu verlieren. Statt die aufwendigen Bilder mit hektischen Wechseln zu überdecken, darf das Publikum die fantastische Welt tatsächlich entdecken. Gerade auf der großen Leinwand entfaltet diese Herangehensweise eine enorme Wirkung.

Große Gefühle hinter einer gewaltigen Fantasy-Welt
Bei aller technischen Brillanz vergisst Travis Knight nie, dass die Geschichte von ihren Figuren leben muss. „Wildwood“ handelt von Außenseitern, die ihren Platz in einer Welt suchen, deren Regeln sie zunächst nicht verstehen. Prue und Curtis müssen lernen, anderen zu vertrauen, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig zeigt der Film, wie Verlust und Trauer Menschen verändern können und wie schnell aus Schmerz neue Gewalt entsteht. Alexandra ist dafür das beste Beispiel.
Carey Mulligan verleiht ihr mit ihrer Stimme eine Mischung aus Kälte, Wut und tiefer Verletzlichkeit. Sie ist eine gefährliche Gegenspielerin, aber keine eindimensionale Schurkin. Auch die zahlreichen Nebenfiguren bekommen durch Sprecher wie Mahershala Ali, Angela Bassett und Richard E. Grant eine eigene Persönlichkeit. Das große Ensemble trägt dazu bei, dass Wildwood nicht wie eine bloße Ansammlung fantastischer Kreaturen wirkt, sondern wie eine lebendige Gesellschaft mit eigenen Interessen und Konflikten.
Natürlich erinnert manches an bekannte Fantasy-Geschichten. Die verborgene Welt hinter den Grenzen des Alltags weckt Erinnerungen an „Die Chroniken von Narnia“, während die unterschiedlichen Völker und ihre Auseinandersetzungen durchaus an Tolkiens Mittelerde denken lassen. Doch „Wildwood“ nutzt diese vertrauten Motive, um daraus etwas Eigenständiges zu schaffen. Seine größte Stärke liegt nicht darin, das Fantasy-Genre neu zu erfinden, sondern bekannte Elemente mit einer ungewöhnlichen Bildsprache und viel Gefühl zu erzählen.
Handgemachte Kinomagie in ihrer schönsten Form
Auch die Musik von Dario Marianelli trägt wesentlich zur Atmosphäre bei. Der orchestrale Score begleitet die großen Abenteuerbilder mit der nötigen Wucht, findet aber ebenso leise Töne für die persönlichen Momente. Zusammen mit der sorgfältigen Tongestaltung entsteht eine Welt, die nicht nur fantastisch aussieht, sondern auch akustisch eine eigene Identität besitzt. Mit rund 130 Minuten nimmt sich der Film viel Zeit für seine Geschichte.
Nicht jede Wendung kommt überraschend, und gerade im Mittelteil verlangt die Vielzahl an Figuren, Schauplätzen und Konflikten etwas Aufmerksamkeit. Doch die große Laufzeit gibt den verschiedenen Reichen und ihren Bewohnern auch den nötigen Raum. Wenn das Abenteuer schließlich in einem gewaltigen Finale mündet, zahlt sich dieser Aufbau aus. Die abschließende Schlacht gehört zu den beeindruckendsten Sequenzen, die Laika bislang auf die Leinwand gebracht hat.
„Wildwood“ ist ein außergewöhnliches Fantasy-Abenteuer und zugleich eine beeindruckende Liebeserklärung an die Kunst der Stop-Motion-Animation. Travis Knight und sein Team erschaffen eine Welt, deren Größe, Detailreichtum und Lebendigkeit immer wieder staunen lassen. Doch die wahre Stärke des Films liegt darin, dass hinter all dem technischen Aufwand eine Geschichte mit Herz steckt. Prues Suche nach ihrem Bruder, Curtis‘ persönliche Entwicklung und die tragischen Beweggründe ihrer Gegenspielerin geben den fantastischen Bildern eine emotionale Bedeutung.
Fazit
Nicht jeder erzählerische Einfall ist neu, und manche Passagen hätten etwas straffer ausfallen können. Doch das fällt angesichts der enormen kreativen Leistung kaum ins Gewicht. In einer Zeit, in der digitale Bilder nahezu unbegrenzt erzeugt werden können, erinnert „Wildwood“ daran, welche besondere Wirkung echte Handarbeit entfaltet. Jede Figur, jede Kulisse und jede noch so kleine Bewegung zeugt von der Leidenschaft der Menschen, die diesen Film geschaffen haben. Laika ist damit ein Animationsfilm gelungen, der nicht nur technisch begeistert, sondern auch lange im Gedächtnis bleibt. Ein großes, manchmal düsteres, oft berührendes und vor allem wunderschönes Kinoabenteuer, das beweist, dass wahre Magie nicht aus dem Computer kommen muss.
Film Bewertung 9 / 10





