“The Assistent”: Berlinale 2020 – Filmkritik

Filmplakat The Assistent

Film: The Assistant
Regie: Kitty Green
Kinostart unbekannt
Länge: 85 min
FSK: unbekannt

Filmaussschnitt The Assistent
The Assistent - Jane ist die Assistentin eines Produzenten. In der Firma ist sie die erste die kommt und meistens die letzte die geht. Sie kocht Tee, Kaffee, bringt Wasser in verschiedene Meetings, räumt das Büro ihres Chefs auf, macht dabei auch Spermaspuren weg. Telefoniert mit der Frau ihres Chefs, die immer aufgebracht nachfragt - wo dieser wieder sei und erledigt ganz nebenbei noch ihre eigentliche Arbeit.

Filmkritik:

von Nicola Scholz

„Sie müssen sich nicht Sorgen, Sie sind nicht sein Typ.“

The Assistent – Jane ist die Assistentin eines Produzenten. In der Firma ist sie die erste die kommt und meistens die letzte die geht. Sie kocht Tee, Kaffee, bringt Wasser in verschiedene Meetings, räumt das Büro ihres Chefs auf, macht dabei auch Spermaspuren weg. Telefoniert mit der Frau ihres Chefs, die immer aufgebracht nachfragt – wo dieser wieder sei und erledigt ganz nebenbei noch ihre eigentliche Arbeit.

Doch niemand scheint zu bemerken was sie leistet, erst recht nicht ihre jungen männlichen Kollegen, die sich nur mal wieder zu ihr herüberbeugen und Ratschläge geben, wenn sie eine Entschuldigungs E-Mail an ihren Chef schreibt, wenn sie seiner Meinung nach mal wieder was verbockt hat.

Dann taucht eine neue Assistentin auf, die noch nie was mit der Filmbranche am Hut hatte und vorher gekellnert hat. Jane weiß nicht genau was sie davon halten soll, doch als ihr Chef im selben Hotel verschwindet wie die neue und sehr junge Assistentin will sie nicht mehr schweigen. Doch Intern in der Firma will niemand was über ihre Anschuldigen hören.

Leise Töne vor der “Me Too” – Bewegung und dem Weinstein Skandal

Die „Me Too“ Bewegung als Antwort auf den „Weinstein Skandal“ löste eine Welle an nachvollziehbarer Empörung aus. Kitty Green hatte zu dem Zeitpunkt schon die Idee für „the Assistent“ im Kopf gehabt und sich danach erst Recht damit beschäftigt. Sie hatte sich gefragt, was für eine Atmosphäre in einer solchen Firma herrschen musste, damit so ein Skandal passieren konnte. Daraufhin befragte sie Freunde, welche bei Weinstein gearbeitet hatten, aber auch viele andere Frauen und Männer welche in der Branche arbeiteten.

Im Abspann gibt es eine Lange Liste mit Namen. Aus ihren Erzählungen entstand dann die Rolle von Jane und ihre Geschichte. Der ganze Plot spielt an einem einzigen Tag, lange vor der „Me Too Bewegung“. Green wollte keinen lauten Film machen in dem es um die Opfer ginge, sonder eine Beobachtung anstellen. Und das tut sie mit „the Assistent“ auf eine ganz ruhige und erschreckende Art und Weise. Und dabei geht es nicht um den eigentlichen Skandal der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz, sondern auch darum wie manche Frauen und auch Männer generell behandelt werden an ihrem Arbeitsplatz. Jane ist eine Art Fußabtreter. Wenn überhaupt jemand bemerkt das sie da ist, dann nie positiv.

Undank ist der Welten Lohn – und dann kommt auch noch Spott dazu

Kein Danke oder Bitte, nur die Feststellung das sie ihre Arbeit in den Augen anderer nicht gut mache. Während man in der ersten Hälfte des Filmes vor allem die immer wieder gleichen Bilder von Jane sieht, wie sie vor allem Müll wegräumt und das Büro ihres Chefs reinigt, wenn dieser nicht da ist,
Telefonanrufe annimmt und Essen bestellt. So wird die zweite Hälfte des Filmes schon fast von einer der prägnantesten Szenen eingenommen. Sie will ihren Chef intern anzeigen. Doch statt ihr in irgendeiner Form Verständnis entgegen zu bringen oder überhaupt zuzuhören, fragt man sie tatsächlich, wo sie sich in zehn Jahren sehe.

Als sie antwortet das sie gerne Produzentin werden wollen würde, lacht man und sagt recht abwertend das Frauen in diesem Berufsfeld auf jeden Fall gebraucht werden würden. Jane wird fantastisch gespielt von Julia Garner. Sie wirkt so verletzlich in einer Welt, in der es außer ihr fast nur Männer gibt, welche den Ton angeben. In dem Moment, wo sie über ihren eigenen Schatten springt und etwas unternehmen will, stellt man sie in Frage.

Zwischen Tränen, die sie vor Kollegen verstecken will – und der Einsamkeit mit ihrer Meinung über ihren Chef alleine zu sein, prägt ihre Darstellung den ganzen Film. Die Kamera ist immer bei ihr, nie weichen wir ihr von der Seite, in keinem Moment des Tages. Und am Ende müssen wir resigniert feststellen, wie aussichtslos das ganze scheint, wenn alle nur wegschauen und niemand etwas unternehmen will.

Skandal ohne Rampenlicht

So unglaublich wichtig ist dieser Film und so erschreckend nüchtern erzählt in so Stillen Bildern das man fast lauthals Schreien will um die Stille zu durchbrechen. Und genau das wollte Green erreichen. Aufmerksamkeit für ein Thema, das nicht nur Brandaktuell, sondern überall zu finden ist. Dabei schafft es Green, den Täter fast gänzlich aus dem Film herauszuhalten.

Der Chef ist nur ein einziges Mal zu sehen, und auch den Skandal kein Rampenlicht zu geben. Die Vorstellung was passiert ist und was noch passieren kann reicht aus, um noch lange nach Ende des Filmes auf den Zuschauer zu wirken.

Meine Meinung: 8/10

Nicola Scholz betreibt den Blog Wortzauber und schreibt Rezensionen für Kinomeister. Sie ist leidenschaftlicher Filmfan und hat bereits bei zwei Kurzfilmen Regie geführt. Nicola ist regelmäßiger Gast bei der Berlinale.

Berlinale 2020 Filmkritiken: HIER

Berlinale Filmfestival 2020: Hier