Special: Die OSCAR®-Shorts: Kritik und Ausblick

Ein Hochaus auf der eigenen Seite. Ein Fenster ist bekleuchtet und man sieht ein Paar.

Bereits in unserem ersten Beitrag – hier unser Link: https://bit.ly/37DRaQ0 – zu den Oscar® Nominierten Kurzfilmen – Shorts genannt – haben wir alle Kandidaten aus der Kategorie Live Action und Animation, ausführlich vorgestellt. Bei etlichen Filmfestivals rund um den Globus, ist jeder hier nominierte Film ausgezeichnet worden. Wie ich finde, zurecht! Es sind richtig gute Beiträge dabei. Jeder auf seine Weise emotional und berührend.

Bei den Live Action Filmen hat sich, meiner Meinung, nach ein Dreikampf herauskristallisiert. Folgende Live Action Perlen sind im Rennen um den begehrten Goldjungen. Die Kurzkritiken erfolgen in dieser Reihenfolge:

  • A Sister
  • Brotherhood
  • Nefta Football Club
  • Saria
  • A Neighbour’s Window

A SISTER

(EINE SCHWESTER) I BELGIEN I 16 MIN I 2018
Originaldtel: UNE SOEUR
Regisseurin: DELPHINE GIRARD
Produzent: JACQUES-HENRI BRONCKART (VERSUS PRODUCTION)

Frau mit Headset aus dem Film A Sister. Kurzfilm Oscarkandidat

Inhalt:

Eine Nacht, ein Auto. Alie steckt in Schwierigkeiten. Um da rauszukommen, muss sie das wichtigste Telefonat ihres Lebens führen.

Kurzkritik: Hier vom schwächsten Beitrag zu sprechen, erfolgt mit großem Respekt. Klaustrophob-ische Erzählung, eines im Auto fahrenden Paares. Während Alie telefoniert, fängt die Kamera die bedrückende, beklemmende Auto Atmosphäre ein – aus der es als Zuschauer kein Entkommen gibt. Unwohl wird einem als „Voyer“ dieser Szenerie – weil es uns nicht gestattet ist, einen Blick aus dem Fahrzeug zu werfen. So, dass man mit der verzweifelten – aber starken Alie – endlich raus möchte, die Freiheit atmen.

Fazit: Erinnert in Teilen an „The Guilty“. Das Thema ist beklemmend und Klaustrophob- isch erzählt. Wertung 7 / 10


Gesciht eines jungen Mannes mit Sommersprossen aus dem Film Brotherhood

BROTHERHOOD

Inhalt:

Mohamed ist ein hartgesottener Schäfer, der mit seiner Frau
und seinen zwei Söhnen in der tunesischen Provinz lebt.
Mohamed ist völlig aufgewühlt, als sein älterer Sohn Malik von
einer langen Reise mit einer mysteriösen Ehefrau zurückkehrt.
Die Spannung zwischen Vater und Sohn steigt, bis es nach drei
Tagen zu einer Zerreißprobe kommt.

Kurzkritik: Rau ist das Klima in der tunesischen Provinz. Rau der Alltag. Rau und gezeichnet das Gesicht von Mohamed. Abgeschiedenheit und Ruhe eines Schäfers und seiner Familie wird gestört – sein Sohn ist wieder da – nur nicht alleine. Das Thema ISIS schwebt ab sofort in dem Ein – Zimmer – Haus – als der Sohn mit einer voll verschleierten Frau auftaucht. Die Spannungen zwischen dem ruhigen aber zweifelnden Vater und seinem Sohn Malek, sind meistens in spitzzüngigen Kommentaren seiner neuen Frau gegenüber, oder mit Blicken belegt. Die Kamera ist immer nah, mittendrin im lodernden Familienzwist. Es gibt kein Entkommen und man erwartet einfach den großen Knall. Dieser läuft ruhiger ab als erwartet aber nicht minder ergreifend.

Fazit: Die Schauspieler sind ein großes Plus und die charakterstarke Darstellung incl. Kamera und Setting, bilden hier einen Ensemble, welches definitiv ein Top Oscar Kandidat ist. Wertung: 8 / 10


NEFTA FOOTBALL CLUB

FRANKREICH-TUNESIEN I 17MIN I 2018
Regisseur: YVES PIAT
Produzenten: DAMIEN MEGHERBI und JUSTIN PECHBERTY

Ein Junge zeiht einen Esel über einen Hügel
NEFTA FOOTBALL CLUB

Inhalt:

Zwei Brüder begegnen in der Wüste einem Esel.
Sonderbarerweise hat der Esel Kopfhörer auf den Ohren.

Kurzkritik: Eine humorvolle Geschichte aus der skurrilen Abteilung, ohne es absichtlich sein zu wollen. Mit dieser im Film dargestellten Naivität und Unwissenheit, diese Leichtigkeit – machen diesen Film zum witzigsten aller Oscar Nominierten. Das passiert, wenn ein Esel mit Kopfhörern durch eine verlassene Grenzgegend in Nordafrika stapft und auf zwei Fußball-verrückte Brüder trifft. Das einer der Protagonisten, nicht weiß, wer Adele ist – führt zur großartigen Pointe. Humorvoll dargestellt, was passiert, wenn Missverständnisse und kindliche Naivität eines Bruderpaares und eines Musik-Unwissenden Aufeinander treffen. Wertung: 8 / 10

Fazit: Humor und Spaß in einer Gegend, wo wenig schon großes Glück bedeutet. Absurdität und Komödie mit einer fantastischen, kindlich und sympatischen Pointe. Applaus! Wertung: 8 / 10


SARIA

USA I 22MIN I 2019 Regisseur: BRYAN BUCKLEY Produzenten: MATT LEFEBVRE und AURA SANTAMARIA

Ein Auge schaut durch ein Loch in einer Scheibe aus dem Kurzfilm Saria. Oscar Nominierter Kurzfilm

Inhalt:

SARIA ist die Geschichte von zwei unzertrennlichen Schwestern, Saria und Ximena, die im Waisenhaus Virgen de la Asunción in Guatemala gegen alltäglichen Missbrauch und unvorstellbar harte Bedingungenankämpfen. Die Geschichte verfolgt die Ereignisse bis hin zudem tragischen Brand im Jahr 2017, der 41 Waisenmädchen das Leben kostete.

Kurzkritik: Der erschütterndste Beitrag aller Live Action Kurzfilme. Die Darstellung der Ereignisse macht einfach sprachlos. Das Setting ist ein kühles Waisenhaus mit harter Hand geführt, was an einen Knast erinnert – anstatt einer Zufluchtsstätte für elternlose Kinder. Die körperlichen Erniedrigungen sind angedeutet, atmosphärisch dicht gehalten, um den Zuschauer wenigstens die Hoffnung auf Rettung der Mädchen zu geben. Man entkommt den Bildern, aber nicht den eigenen Gedanken. Wen das gezeigte kalt lässt, sollte sich und sein Gewissen hinterfragen. Erschreckendes und erschütterndes Denkmal von 41 verstorbenen, jungen Mädchen.

Fazit: Ein trauriges, dramatisches und qualvolles Vermächtnis. Gerne ein Oscar für dieses Dokument der Schreckens. Ein visuelles Zeichen der Erinnerung. Wertung: 8,5 / 10



THE NEIGHBORS‘ WINDOW

Regisseur: MARSHALL CURRY Produzenten: JONATHAN OLSON, JULIA KENNELLY, ELIZABETH MARTIN

Ein Hochaus auf der anderen Seite. Ein Fenster ist beleuchtet und man sieht ein Paar. Der mann hält seine Frau und das Kind im Arm.

Inhalt:

THE NEIGHBORS‘ WINDOW erzählt die Geschichte von Alli (Maria Dizzia), einer jungen Mutter, die von ihrem Alltag und ihrem Ehemann (Greg Keller) frustriert ist. Ihr Leben wird aufgerüttelt als zwei freigeistige Mittzwanziger im Haus gegenüber einziehen und sie bemerkt, dass sie in deren Wohnung sehen kann. Inspiriert von einer wahren Geschichte hat der bereits dreifach Oscar-nominierte Dokumentar Filmmacher Marshall Curry das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. In den Hauptrollen, die für den Tony-Award nominierte Maria Dizzia (ORANGE IS THE NEW BLACK, 13 REASONS WHY, WHILE WE’RE YOUNG), Greg Keller (LAW AND ORDER) und Juliana Canfield (SUCCESSION).

Kurzkritik: Das Leben anderer Menschen scheint meistens interessanter als das Eigene. Neidisch sein auf, dass was andere haben – anstatt sein eigenes Leben und Haben zu schätzen zu wissen, worauf die anderen beneidenswert schauen. Der Zuschauer als Voyeur und gleichzeitig Opfer des selbigen. Man erwischt sich selbst, beim Gedankengang, was in der anderen Wohnung wohl passiert. Die Kameraarbeit verhindert den Blick auf manche Details, was ein starker Angriff auf den Voyeur in jedem von uns ist. Warum passiert das dort und nicht hier – fragt sich auch die zweifache Mutter im Film. Neidisch schaut sie, was die anderen machen. Die Wahrheit ist allerdings immer eine andere im realen Leben – wenn man sich dazu herablässt, sich mit dem weltlichen Dasein und Problemen eines anderen zu Beschäftigen. Dann merkt man plötzlich, wie glücklich man sein kann. Wertung: 8 / 10

Fazit: Man ist nie Täter sondern gleichzeitig auch Opfer. Voyeurismus als Freizeitbeschäftigung. Brilliant nacherzählt einer wahren Begebenheit. Unser heimlicher Oscar – Kandidat.


Gesamtfazit: Welcher diese tollen Kurz Filme den Goldjungen auch bekommen mag. Alle sind sie Sehenswert. Meine Top Kandidaten sind die Dramen, die Erzählung trauriger und erschütternder Schicksale. Etwas, in dem wir uns emphatisch hineinstürzen können – was unserer Seele eine perverse Zeit der Erholung gönnt. Man kann seine Sorgen und Nöte reflektieren um danach dankbar zu sein, wie gut es einem in Wirklichkeit geht. Meine Top drei Kandidaten: SARIA, A Neighbour’s Window, Brotherhood. Wünschen würde ich es NAFTA FOOTBAL CLUB – weil es eine tolle humorvolle Geschichte ist, aus einer Gegend, wo wenig schon viel Spaß bedeutet.

Bei den Animationsfilmen sind mit HAIR LOVE und KITBULL meine Favoriten weit vorne. Starke Stop Motion Filme sind allerdings auch mit am Start. Es wird spannend – und es wird schwerer zu Tippen sein, als bei den Spielfilmen. Die diesjährige Oscar Verleihung erfolgt am 9. Februar – europäischer Zeit ca. 2.30 Uhr, am morgen des 10. Februar, im Chinese Theater, Hollywood, CA.


Alle Kurzfilme sind ab 30. Januar in ausgewählten Kinos zu sehen – lohnt sich!