Inhalt: In einer Welt, in der die Menschheit zugunsten des ewigen Lebens das Träumen aufgegeben hat, begibt sich ein junger Namenloser auf eine fantastische Odyssee durch Zeit und Raum, um die Träume vor dem Vergessen zu bewahren.
Eine Reise durch Träume, Erinnerungen und chinesische Filmgeschichte
Es gibt Regisseure, deren Filme man bewundert. Und dann gibt es Filmemacher, deren Werke sich anfühlen, als würden sie einen regelrecht verschlingen. Bi Gan gehört für mich längst zur zweiten Kategorie. Bereits mit Kaili Blues und Long Day’s Journey into Night hat er bewiesen, dass ihn klassisches Erzählen nur bedingt interessiert. Statt klarer Dramaturgie entstehen bei ihm filmische Traumzustände. Räume, Erinnerungen und Zeit verschmelzen miteinander. Mit Resurrection treibt er diesen Ansatz nun noch weiter.
Ist Resurrection sein bislang bester Film? Vielleicht nicht ganz. Aber selbst ein „nicht ganz perfekter“ Bi-Gan-Film bleibt immer noch außergewöhnlicher als ein Großteil dessen, was aktuell im internationalen Arthouse-Kino erscheint. Resurrection ist faszinierend, sperrig, gelegentlich überfordernd und gleichzeitig visuell überwältigend. Genau darin liegt seine Kraft.

Zwischen Science-Fiction, Traumlogik und chinesischer Filmgeschichte
Die Grundidee klingt zunächst beinahe simpel. In einer nicht näher definierten Zukunft hat die Menschheit die Unsterblichkeit erreicht, dabei jedoch die Fähigkeit zu träumen verloren. Eine Frau entdeckt ein mysteriöses Wesen, den sogenannten „Fantasmer“, durch dessen Traumwelt sie Visionen der chinesischen Geschichte erlebt. Doch Resurrection interessiert sich kaum für klassische Science-Fiction-Mechaniken oder stringentes Worldbuilding. Die Handlung dient vielmehr als Ausgangspunkt für sechs lose miteinander verbundene Kapitel, in denen Bi Gan unterschiedlichste filmische Formen, Genres und Epochen erforscht.
Das erste Kapitel wirkt wie eine direkte Verbeugung vor dem deutschen Expressionismus. Schatten, Licht und Architektur erinnern an Stummfilmklassiker der Zwanzigerjahre. Shu Qi verkörpert dabei die Frau, die die Traumreise überhaupt erst auslöst. Die späteren Episoden verändern permanent Stil, Atmosphäre und Perspektive. Mal bewegt sich Resurrection wie ein melancholischer Gangsterfilm, dann wieder wie ein surrealer Noir oder ein fragmentierter Liebesfilm. Ein großer Teil des Reizes besteht darin, die cineastischen Referenzen überhaupt zu entschlüsseln.
Bi Gan inszeniert Kino wie einen Fiebertraum
Was Resurrection so besonders macht, ist weniger die eigentliche Geschichte als die Art, wie Bi Gan Bilder erschafft. Der Film fühlt sich an wie ein permanenter Schwebezustand. Szenen beginnen mitten im Geschehen und verschwinden wieder, bevor sie sich vollständig erklären. Figuren tauchen auf und lösen sich beinahe geisterhaft wieder auf. Trotz dieser bewusst trägen Struktur funktionieren die Darsteller erstaunlich gut. Mark Chao spielt einen Ermittler während des Zweiten Weltkriegs, Zhang Zhijian einen melancholischen Gangster auf der Suche nach Wundern und Li Gengxi eine junge Frau der Jahrtausendwende mit einem verborgenen Geheimnis.
Niemand spielt hier klassisch realistisch. Stattdessen wirken die Figuren eher wie Erinnerungen oder Projektionen innerhalb eines kollektiven Traums. Dazu kommt eine audiovisuelle Gestaltung, die permanent zwischen Schönheit und Irritation pendelt. Produktionsdesign und Kameraarbeit erschaffen hypnotische Bilder voller Neonlicht, Nebel und reflektierender Oberflächen. Der Score der französischen Band M83 verstärkt dieses Gefühl zusätzlich. Die Musik klingt gleichzeitig nostalgisch, entrückt und emotional überwältigend. Bereits Bi Gans frühere Filme wurden für ihre langen Plansequenzen gefeiert.
Auch Resurrection besitzt wieder einen jener Momente, die sich weniger wie normales Filmemachen und mehr wie ein unmöglicher Zaubertrick anfühlen. In einer rund 40-minütigen Sequenz bewegt sich die Kamera scheinbar schwerelos vom Hafen über Straßen bis hinein in eine Millennium-Party und wieder zurück. Perspektiven wechseln permanent zwischen subjektiver Wahrnehmung und klassischer Beobachtung. Musik, Tanz, Gewalt und Bewegung verschmelzen zu einer einzigen fließenden Choreografie.

Resurrection verlangt Hingabe statt Erklärung
Selbst die Bildrate verändert sich mehrfach innerhalb derselben Einstellung. Am Ende mündet alles in einem perfekten Sonnenaufgang auf dem Deck eines fahrenden Boots. Allein diese Sequenz gehört bereits zu den beeindruckendsten inszenatorischen Leistungen des aktuellen Kinojahres. Angeblich benötigte Bi Gan fast 30 Takes von jeweils sechs Stunden Dauer, verteilt über einen ganzen Monat, um diese Szene zu perfektionieren. Und tatsächlich sieht man jeder Sekunde an, wie präzise hier gearbeitet wurde.
Resurrection ist kein Film, den man „versteht“ wie ein klassisches Drama. Je stärker man versucht, jede Bedeutung logisch zu entschlüsseln, desto eher dürfte Frustration entstehen. Viele Zuschauer werden den Film vermutlich als selbstverliebte Kunstübung empfinden. Und ehrlich gesagt ist dieser Vorwurf nicht einmal komplett unbegründet. Doch genau darin liegt auch seine Faszination. Bi Gan erschafft hier Kino als Traumzustand. Bilder, Geräusche und Emotionen stehen über klarer Rationalität. Resurrection will nicht sauber erklärt werden. Der Film möchte erlebt werden. Und genau deshalb bleibt dieses Werk trotz kleiner Längen eines der außergewöhnlichsten Kinoerlebnisse des Jahres.
Fazit: Resurrection ist sperrig, hypnotisch und visuell überwältigend. Bi Gan erschafft ein Kinoerlebnis zwischen Traum, Erinnerung und cineastischer Selbstreflexion, das sich jeder klassischen Erzählstruktur entzieht. Nicht jeder Zuschauer wird sich darauf einlassen können. Wer jedoch bereit ist, sich treiben zu lassen, erlebt einen der faszinierendsten Arthouse-Filme des Jahres.
Film Bewertung 10 / 10





