Eine Fernsehsendung übernimmt die Rolle des Gerichts
Die gefährlichste Währung des Fernsehens ist nicht die Wahrheit, sondern Aufmerksamkeit. „Primetime“ interessiert sich für jenen Punkt, an dem journalistischer Anspruch, persönliche Eitelkeit und kalkulierte Unterhaltung nicht mehr voneinander zu trennen sind. Lance Oppenheims Spielfilmdebüt orientiert sich an „To Catch a Predator“ und dessen Moderator Chris Hansen, der mutmaßliche Sexualstraftäter vor versteckter Kamera konfrontierte. Statt den realen Fall lediglich nachzustellen, untersucht der Film eine Fernsehwelt, die moralische Entrüstung in Einschaltquoten verwandelt.
Robert Pattinson spielt Hansen nicht als nüchternen Reporter, sondern als Mann, der zunehmend mit seiner öffentlichen Rolle verschmilzt. Das Studio wird zum Gerichtssaal, jede Konfrontation zu einer Vorstellung, in der Hansen zugleich Ermittler, Ankläger und Hauptdarsteller sein will. Darin liegt die Stärke von „Primetime“: Der Film zeigt, wie leicht sich berechtigte Empörung kommerzialisieren lässt. Erwachsene Männer werden mit gefälschten Profilen in ein präpariertes Haus gelockt, dort von Hansen überrascht und vor laufenden Kameras mit ihren Chatverläufen konfrontiert.
Die Gespräche dienen allerdings längst nicht mehr allein der journalistischen Aufklärung. Jede Ausrede und jede sichtbare Panik werden Bestandteil einer Dramaturgie, deren Wirkung bereits vor dem Eintreffen der Betroffenen geplant ist. „Primetime“ legt den Widerspruch dieses Formats offen. Die Sendung behauptet, potenzielle Täter zu entlarven und die Öffentlichkeit zu schützen, benötigt aber immer drastischere Fälle, um ihr Publikum zu halten. Die Erniedrigung der Vorgeführten ist kein Nebeneffekt, sondern Teil des Unterhaltungswerts.
Der Film fragt, was geschieht, wenn Journalismus nicht nur über eine mögliche Straftat berichtet, sondern selbst die Bedingungen für eine publikumswirksame Geschichte schafft. Eine eindeutige Antwort gibt er darauf nicht. Diese Unsicherheit macht den Ausgangspunkt interessant, auch wenn die ethischen und juristischen Konsequenzen später nicht mit derselben Schärfe verfolgt werden.

Robert Pattinson macht Ekel zur Performance
Pattinson bleibt das Zentrum des Films. Sein Hansen genießt nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch die Kontrolle über den Ablauf. Er weiß, wann er schweigen, nachfragen oder einzelne Wörter betonen muss. Selbst verstörende Chatprotokolle trägt er mit einer Feierlichkeit vor, als handle es sich um Dialoge eines großen Bühnenstücks. Besonders deutlich wird das, wenn Hansen intime Formulierungen langsam auskostet und das Wort „Gleitmittel“ beinahe genüsslich auf der Zunge bewegt. Sein demonstrativer Ekel wirkt weniger wie eine spontane Reaktion als wie die gezielte Führung des Publikums.
Hansen möchte nicht nur zeigen, was diese Männer geschrieben haben. Er will bestimmen, wie die Zuschauer darauf reagieren. Pattinson findet dafür eine faszinierende Mischung aus moralischem Sendungsbewusstsein, Narzissmus und unterschwelliger Erregung. Man beobachtet einen Mann, der von der Abscheu lebt, die er öffentlich zur Schau stellt. Hinter seinem souveränen Auftreten werden zugleich Unsicherheit und ein unstillbarer Hunger nach Bestätigung sichtbar.
Allerdings legen Oppenheim und Drehbuchautor Ajon Singh ihre Hauptfigur von Beginn an sehr eindeutig fest. Hansen erscheint früh als selbstverliebter, beinahe manischer Egomane. Dadurch fehlt seiner Entwicklung eine entscheidende Zwischenstufe. Der Film zeigt weniger, wie Macht und Erfolg einen Journalisten verändern, als einen Mann, bei dem die Entgleisung bereits angelegt ist.
Ein schmutziger Videolook spiegelt die Methoden der Sendung
Oppenheims formale Entscheidung ist ebenso naheliegend wie wirkungsvoll. „Primetime“ übernimmt die Ästhetik jener Fernsehära, von der der Film erzählt. Körnige Bilder, grelle Farben und ein schmuddeliger Vintage-Video-Look lassen die Grenze zwischen Spielfilm, Archivaufnahme und Reality-Sendung bewusst unscharf werden. Einen Film über ein Format, das moralische Empörung ausbeutet, selbst mit den Mitteln des Exploitation-Kinos zu erzählen, hält dem Publikum einen unangenehmen Spiegel vor. Wir sollen nicht nur Hansens Methoden beurteilen, sondern auch unser Interesse an den gedemütigten und in die Enge getriebenen Männern hinterfragen.
David Bolens Kamera sucht keine neutrale Distanz. Sie rückt dicht an die Figuren heran und reproduziert damit den sensationslüsternen Blick der Sendung. Die gesättigten Farben verstärken zugleich die Künstlichkeit dieser vermeintlich authentischen Situationen. Alles wirkt real und dennoch sorgfältig für die Kamera arrangiert. Daraus entsteht ein moralisches Spannungsfeld. Nicht immer wird deutlich, ob der Film die reißerischen Mechanismen offenlegt oder sich selbst von ihrer Wirkung tragen lässt. „Primetime“ möchte die Ausbeutung sichtbar machen, verwendet dafür jedoch dieselben Mittel. Diese Unentschiedenheit gehört zum Konzept, verhindert aber eine klarere Haltung.
Hinter den Kulissen zerfällt das größere Drama
Das eigentliche Konfliktpotenzial liegt in den Machtspielen hinter der Kamera. Hansen versucht erfolglos, seine außereheliche Beziehung zu beenden, während Bender ein äußerst lukratives Angebot der Konkurrenz erhält. Dort soll sie eine nahezu identische Version seiner Sendung aufbauen und ihren ehemaligen Partner mit dessen eigenem Erfolgsmodell im Kampf um die Einschaltquoten schlagen. Für einen Moment öffnet sich damit ein Geflecht aus Verrat, beruflicher Abhängigkeit und medialer Intrige.
Hansen könnte ausgerechnet von jener Maschinerie verschlungen werden, die ihn berühmt gemacht hat. Bender wiederum steht vor der Möglichkeit, das fragwürdige Konzept unter einem anderen Senderlogo noch profitabler fortzuführen. Doch diese Entwicklungen werden nicht konsequent zu Ende geführt. Auch Hansens Affäre dient eher als zusätzlicher Beleg seiner Doppelmoral, statt einen eigenständigen Konflikt zu entfalten.
Während er andere Menschen vor Millionen Zuschauern verurteilt, versucht er, sein eigenes Fehlverhalten aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Der Gegensatz funktioniert, ist aber zu deutlich markiert, um die Figur noch wesentlich zu erweitern.
Die Katastrophe ersetzt eine wirkliche Konsequenz
Die Handlung bewegt sich beinahe zwangsläufig auf einen grausamen Wendepunkt zu. Wer mutmaßliche Sexualstraftäter vor laufender Kamera jagt, öffentlich bloßstellt und ihre Demütigung als Unterhaltung vermarktet, muss irgendwann mit Folgen rechnen, die sich redaktionell nicht mehr kontrollieren lassen. „Primetime“ erreicht diese Krise, behandelt sie jedoch eher als Endpunkt denn als Beginn einer tieferen Auseinandersetzung.
Das Drama gilt anschließend als abgeschlossen, obwohl die entscheidenden Fragen offenbleiben: Wird Hansen durch das Geschehen erschüttert? Erkennt er die Grenzen seiner Methoden? Oder wurde ihm lediglich die Kontrolle über seine Sendung entzogen? Nicht jede Figur benötigt eine Läuterung, und eine moralisch ambivalente Geschichte muss keine eindeutige Botschaft formulieren.
Doch zwischen bewusster Offenheit und einer unvollständig erzählten Entwicklung besteht ein Unterschied. „Primetime“ beendet Hansens Geschichte, bevor der Film die Konsequenzen seiner eigenen Fragen vollständig durchdrungen hat.
Ein fesselnder Medienfilm mit offenen Rechnungen
„Primetime“ ist am stärksten, wenn Hansen seine öffentliche Persona erschafft. Pattinson spielt ihn als Mann, der nicht mehr zwischen journalistischer Aufgabe und eigener Berühmtheit unterscheiden kann. Seine Auftritte sind zugleich abstoßend, komisch und fesselnd. Selbst wenn das Drehbuch ihn zu früh auf den Egomanen festlegt, findet Pattinson genügend Risse in dieser Fassade. Auch Oppenheims visuelles Konzept besitzt eine klare Idee.
Der körnige Videolook, die grellen Farben und die Nähe zur Ästhetik früher Reality-Formate übertragen den moralischen Schmutz der Sendung auf die Gestaltung. Weniger überzeugend ist die Dramaturgie: Die Machtkämpfe, die Konkurrenz der Sender und Hansens Affäre führen nicht zu jener Zuspitzung, die der Film vorbereitet. Auch der grausame Höhepunkt bleibt eher ein Schlusspunkt als eine wirkliche Prüfung seiner Hauptfigur.
Fazit: „Primetime“ besitzt genügend formale Konsequenz und darstellerische Kraft, um über diese Schwächen hinwegzutragen. Pattinsons Hansen ist eine dieser Figuren, von denen man sich angewidert fühlt und die man trotzdem nicht aus den Augen lassen kann. Der Film beantwortet nicht abschließend, wo journalistische Aufklärung endet und kommerzialisierte Menschen Jagd beginnt. Aber er macht sichtbar, wie erschreckend schmal diese Grenze wird, sobald die Kamera läuft und Millionen Menschen zusehen.
Film Bewertung 7 / 10





