Pelikanblut Hauptplakat

Erscheinungsdatum: 24.09.2020
Laufzeit: 121 Minuten
Regie/Drehbuch: Katrin Gebbe

Schon zu Beginn stellt sich die Frage, womit man es bei „Pelikanblut“ eigentlich zu tun hat. Horrorfilm? Familiendrama? Heimatfilm? Unweigerlich fühlt man sich schnell an Filme wie „Babadook“ oder „The Orphan“ erinnert. Der Transfer hin zu diesen Filmen wird jedoch nach dem ersten Drittel unterbrochen, von wo an sich ein düsterer Mystery-Familiendrama-Tierfilm Hybrid auftut und seinen Sog ausbreitet.


Nina Hoss
©DCM

Story:
Wiebke (Nina Hoss) betreibt einen Reiterhof, auf dem Polizeipferde für Demonstrationen und andere Einsätze ausgebildet werden. Im Zentrum ihres Lebens steht jedoch ihre Adoptivtochter Nicolina (Adelia-Constance Giovanni Ocleppo), die Beziehung zwischen ihnen könnte nicht herziger sein. Wiebke beschließt ein zweites Mädchen zu adoptieren, Raya (Katerina Lipovska), deutlich jünger als Nicolina.

Schon früh bahnt sich Rayas destruktives und mysteriöses Wesen an, sie zündelt, verschmiert ihren Kot im gesamten Badezimmer oder beißt ihre Mitkinder. Trotz Anratens vonseiten ihrer Freunde, gibt Wiebke Raya jedoch nicht auf und bemüht sich um die Genesung eines traumatisch geprägten Kindes. Erst als therapeutische Hilfe nichts mehr bringt und das Kind Nicolina und Wiebke sogar bedroht, entdeckt Wiebke, dass es nur noch einen Ausweg gibt, um die bösen Geister auszutreiben, bevor sie ihre lieb gewonnene neue Tochter wieder abgeben muss.


Pelikanblut Film von Katrin gebbe
©DCM

Film Kritik:

von Georg Reinke

Horror – oder doch nicht?

Symbolisches Feuerwerk, Mystische Elemente, dicke Nebelschwaden und dunkles Colour-Grading verdüstern die Geschichte effektiv von Anfang an. Man beginnt schon mit den ersten Jumpscares zu rechnen, da bereits von einem Dämon gesprochen wird.

Dann wiederrum extrahiert „Pelikanblut“ diese Horrorbausteine wieder recht schnell und windet sich um das Sujet eines klassischen Familiendramas. Man gewöhnt sich schnell an die schwankenden Genrebausteine, denn Sympathie und Suspense sind nachhaltiger als das kopfzerbrechende Kategorisieren. Der Teig des Films besteht deutlich aus einem guten Cast, spannender Erzählweise und konsequenten (filmisch-narrative) Beats. Das Topping wurde hergestellt aus schöner Symbolkraft und ethischen Fragen des Verlusts, der Empathie und dem Umgang disruptiver Lebensphasen.

Was den Kuchen leider zu lange im Ofen behält ist das schwache Ende, welches die vorangegangene Metaphorik deutlich abschwächt bzw. sogar zunichte macht. Unnötige Hitze entsteht außerdem durch eine erzwungene, perfide Liebesgeschichte zwischen dem Polizisten Benedict (Murathan Muslu) und Wiebke, die einerseits natürlich Wiebke mehr Persönlichkeit einhauchen soll (sie entscheidet sich lieber 100% der Aufmerksamkeit ausschließlich ihren Kindern zu widmen), andererseits durch schlechte Chemie zwischen den beiden Schauspielern zu fremdschämenden Momenten führt.


Nina Hoss hat mir ihrem Adopivkind alle Hände voll zu tun
©DCM

Der Kuchen schmeckt versalzen

„Pelikanblut“ steht sich selbst im Weg. Der Kuchen ist fertig, wir probieren. Das Resümee: Schmeckt gut, doch etwas versalzen. Denn Gebbe agiert oft einfach zu direkt; zu überdeutlich wird dem Zuschauer jede einzelne Vielschichtigkeit des Films, die sich zunächst groß aufmacht, entmystifiziert. „Pelikanblut“ suggeriert Kampf. Kampf zwischen Wiebke und der Oberpolizistin, Kampf zwischen dem launischen Pferd „Top Gun“ und denen, die das Pferd abschieben wollen. Kampf zwischen der Entscheidung, ob sie der traumatisierten Raya ihre Dämonen austreibt, zum Wohle ihrer älteren Tochter, oder wieder zurückgibt. Der Kampf zwischen schulischer Psychotherapie und bulgarisch inquisitorischer Esoterik.

Konfliktpotentiale en masse. Ebenso spiegeln sich diese intrinsischen Konflikte auch untereinander, die Polizei möchte kein schwieriges Pferd, die Gesellschaft kein schwieriges Kind. Genauso schwer wie das Anbändeln zwischen Alma (Sophie Pfenningstorf), der Reiterin von Top Gun, und dem Pferd, ist das Anbändeln zwischen Wiebke und Benedict. Dies ist aber eben dann doch zu viel und zu explizit.

Auch die Personifikation der Pelikanmutter, die ihrem Jüngling im Sterben das eigene Blut schenkt. Jeder dieser Konflikte wird dann doch zu künstlich aufgeladen und vor Allem auch dem Publikum zu naheliegend bereit gelegt. Sei es der Arzt, der das gesamte psychologische Profil Rayas Wort für Wort vorträgt oder Wiebke, die sich die Inhalte ihres PC- Bildschirms selbst laut vorliest.


Pelikanblut
Pelikanblut ©DCM

Starker Beginn, schwaches Ende

Außerdem verliert sich der Film auch ein wenig in den Nebenstorys, was die eigentliche Geschichte leiden lässt. Besonders bitter ist die Auflösung (LEICHTE SPOILER), in der sich plötzlich durch ein (auch noch von Game of Thrones abgekupfertes) Hokuspokus Ritual alle Probleme in Feenstaub auflösen.

Die Bulgaren, die darin involviert sind, bleiben zudem ein Mystikum, sie sind einfach da, es wird nicht deutlich, was Wiebke mit diesen Menschen zu tun hat und warum sie so großes Vertrauen in die Hände einer Wildfremden bulgarischen Magierin legt. Audiovisuell bleibt aber alles sehr anschaulich, wenn man ein wenig von der ständig wackligen Handkamera absieht. Davon abgesehen schmeckt der Kuchen aber trotzdem!


Pelikanblut – auf dem Mittelaltermarkt ©DCM

Fazit: „Pelikanblut“ gelingt die Symbiose zwischen geschicktem Erzähltempo, präzisen Bildern und divergenten moralischen Wertvorstellungen.

Wo Rationalität gesucht wird, erhält man liebevolle Bemühungen um das Leben selbst, um den Umgang mit Traumata und Verständnis. Geheimnisse lichten sich aber leider oft schneller als guttut. Besonders das Finale ist leider eine halbe Katastrophe, denn es widerspricht dem, was der Film bis dahin in guter Manier aufgebaut hat.

Nina Hoss spielt die zerrüttete Mutter überzeugend, welche scheinbar selbst bereits traumatische Erlebnisse hatte (Narbe unter dem Auge). Die Anlehnungen an Filme wie „Babadook“ oder „Systemsprenger“ verzeiht man recht schnell, allerdings hätte dem Film etwas mehr Selbstbewusstsein gutgetan. Alles in Allem trotzdem ein kurzweiliger Film, der auch nach der Sichtung noch nachwirkt und viel Gutes von Katrin Gebbe in der Zukunft erwarten lässt- für ein Zweitwerk eine beachtliche Leistung.

Wertung: 6,5 / 10


Trailer: Pelikanblut


Film Kritik: Pelikanblut von Nicola Scholz