Mit NÜRNBERG widmet sich Regisseur James Vanderbilt einem der folgenreichsten Kapitel des 20. Jahrhunderts und rückt dabei nicht den Gerichtssaal allein, sondern den inneren Maschinenraum der Macht ins Zentrum. Basierend auf dem Buch „Der Nazi und der Psychiater“ von Jack El-Hai entfaltet der Film einen hochkonzentrierten Politthriller, der weniger an große Reden interessiert ist als an psychologische Dominanz, moralische Grauzonen und die Frage, wie Schuld rationalisiert wird.
Nürnberg, 1945. In einer zerstörten Stadt erhält der amerikanische Militärpsychiater Dr. Douglas M. Kelley den Auftrag, die inhaftierten Hauptverantwortlichen des NS-Regimes für die anstehenden Prozesse zu begutachten. Unter ihnen: Hermann Göring, ehemaliger Reichsmarschall, Machtmensch, Stratege und ein Mann, der auch in Gefangenschaft nicht aufgehört hat, zu manipulieren. Was als nüchterne Analyse beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einem gefährlichen psychologischen Tauziehen, bei dem Distanz zur Herausforderung wird.
Ein psychologisches Duell auf Augenhöhe
Oscar®-Preisträger Russell Crowe verkörpert Hermann Göring mit beunruhigender Präsenz. Intelligent, scharfzüngig, charmant und zutiefst gefährlich macht er deutlich, warum Göring selbst nach dem Untergang des Regimes noch Einfluss ausüben konnte. Ihm gegenüber steht Rami Malek als Douglas M. Kelley, der den inneren Konflikt seines Charakters mit großer Zurückhaltung spielt. Zwischen professioneller Neugier, wachsender Faszination und moralischer Überforderung entsteht ein Spannungsfeld, das den Film trägt.
Das Drehbuch konzentriert sich dabei bewusst auf Gespräche, Blicke und Macht Verschiebungen. Die Verhandlungen im Gerichtssaal laufen parallel, bleiben aber im Hintergrund. Entscheidend ist das Ringen um Deutungshoheit. Wer kontrolliert die Erzählung. Wer bestimmt, wie Geschichte erinnert wird. Und wo endet Analyse, wo beginnt Komplizenschaft.

Hochkarätiges Ensemble und klare Haltung
Neben Crowe und Malek ist der Film bis in die Nebenrollen prominent besetzt. Mit dabei sind Leo Woodall, Michael Shannon und Colin Hanks. Auf deutscher Seite ergänzen Andreas Pietschmann und Peter Jordan das Ensemble und fügen sich nahtlos in das internationale Gesamtbild ein.
NÜRNBERG ist kein reißerisches Gerichtsdrama und auch kein didaktischer Geschichtsunterricht. Stattdessen setzt der Film auf psychologische Präzision und stellt unbequeme Fragen über Verantwortung, Ideologie und die Anziehungskraft von Macht. Gerade darin liegt seine Stärke. Der Film zeigt, wie gefährlich es sein kann, Tätern zu viel Raum zur Selbsterklärung zu geben – und wie schmal der Grat zwischen Verstehen und Verharmlosen ist. NÜRNBERG ist ein dicht inszenierter Politthriller, der lange nachwirkt. Ein Film, der Geschichte nicht nacherzählt, sondern seziert.





