NÜRNEBRG

Inhalt: Nürnberg, 1945. In einer zerstörten Stadt erhält der amerikanische Militärpsychiater Dr. Douglas M. Kelley den Auftrag, die inhaftierten Hauptverantwortlichen des NS-Regimes für die anstehenden Prozesse zu begutachten. Unter ihnen: Hermann Göring, ehemaliger Reichsmarschall, Machtmensch, Stratege und ein Mann, der auch in Gefangenschaft nicht aufgehört hat, zu manipulieren. Was als nüchterne Analyse beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einem gefährlichen psychologischen Tauziehen, bei dem Distanz zur Herausforderung wird.

Macht, Manipulation und moralische Grenzziehungen

Mit einer Laufzeit von knapp 150 Minuten entfaltet James Vanderbilts „Nürnberg“ eine erstaunliche erzählerische Dynamik. Der Film schildert die historischen Kriegsverbrecherprozesse gegen die überlebenden NS-Funktionäre nach dem Zweiten Weltkrieg und nähert sich dem Stoff mit analytischer Präzision. Statt bloßer Rekonstruktion setzt Vanderbilt auf psychologische Verdichtung und konzentriert sich auf die Konfrontationen zwischen dem US-Militärpsychiater Douglas Kelley, gespielt von Rami Malek, und dem ehemaligen Nazi-Stellvertreter Hermann Göring, verkörpert von Russell Crowe.

Der Kern des Films liegt im intensiven Tête-à-Tête zwischen Kelley und Göring. Crowe gestaltet seine Figur als physisch wie psychisch dominante Erscheinung. Besonders eindrucksvoll ist, wie er das Bild regelrecht ausfüllt und durch eine kalkulierte Mischung aus vermeintlicher Rechtschaffenheit, unterdrückter Wut und offenem Narzissmus eine beängstigende Komplexität erzeugt. Göring erscheint nicht als Karikatur des Bösen, sondern als manipulativer Machtmensch, der sich selbst als historische Figur inszeniert.

Für Kelley entsteht daraus ein verstörendes ethisches Dilemma. Nach Hunderten gemeinsamer Stunden scheint er seinem Gegenüber unbehaglich nahe zu kommen. Der Film legt damit eine zentrale Frage offen. Wie begegnet man einem Menschen, der unvorstellbare Gräueltaten mitverantwortet hat, ohne selbst in eine Form der Faszination oder moralischen Ambivalenz zu geraten. Die Begegnungen erinnern daran, dass die Täter trotz ihrer Verbrechen Menschen waren. Diese Erkenntnis ist unbequem und genau darin liegt ihre dramaturgische Wucht.

(L-R) Rami Malek und Russell Crowe in NUREMBERG
© Courtesy of Sony Pictures Classics, Foto: Scott Garfield

Die Bilder des Holocaust als dramatischer Wendepunkt

Überraschend ist der stellenweise vorhandene Sinn für Humor, der sich unter anderem in pointierten Smash-Cuts äußert. Vanderbilt nutzt diese Momente, um Spannung zu brechen, ohne das Thema zu trivialisieren. Gleichzeitig wahrt er den notwendigen Respekt vor der historischen Tragweite. Den emotionalen Dreh- und Angelpunkt bildet die Szene, in der erstmals Filmmaterial des Holocaust im Prozess gezeigt wird.

Vanderbilt inszeniert diesen Moment mit äußerster Ernsthaftigkeit. Er montiert die historischen Wochenschauaufnahmen mit den erschütterten Reaktionen im Gerichtssaal. Die Gesichter der Angeklagten, der Anwesenden und der Beobachter spiegeln Fassungslosigkeit, Abwehr oder starre Kälte. Die Szene entwickelt eine enorme emotionale Kraft und markiert den moralischen Mittelpunkt des Films. Gelegentlich gerät das Gleichgewicht zwischen dramaturgischer Verdichtung und didaktischer Kommentierung ins Wanken.

Eine zentrale Konfrontation zwischen dem Staatsanwalt Robert Jackson, gespielt von Michael Shannon, und Göring verliert etwas an Schärfe, weil Nebenfiguren durch zusätzliche Bemerkungen die Bedeutung des Moments zu stark unterstreichen. Die Szene hätte für sich selbst gesprochen. Diese Übererklärung wirkt leicht redundant, schmälert jedoch nicht nachhaltig die Gesamtwirkung.

Nürnberg
© Weltkino Filmverleih

Ensembleleistung auf hohem Niveau

Die Besetzung agiert durchweg auf bemerkenswertem Niveau. Rami Malek spielt Kelley mit kontrollierter Zurückhaltung und subtiler innerer Zerrissenheit. Russell Crowe liefert eine der eindrucksvollsten Leistungen des Films. Michael Shannon verleiht Robert „Justice“ Jackson juristische Entschlossenheit und moralische Dringlichkeit. Besonders hervorzuheben ist Leo Woodall als Übersetzer Howie Triest. In einem erschütternden Monolog, der nahezu ohne Pathos auskommt, gelingt ihm ein Moment von emotionaler Intensität, der das Publikum tief trifft.

Seine Szene sticht als eine der bewegenden des gesamten Films hervor. Es ist weder der erste noch der bedeutendste Film über die Nürnberger Prozesse. Stanley Kramers „Das Urteil von Nürnberg“ aus dem Jahr 1961 gilt weiterhin als Referenzwerk. Doch Vanderbilt wählt einen neuen Fokus. Er richtet den Blick weniger auf das juristische Spektakel, sondern stärker auf die psychologischen Mechanismen von Schuld, Verdrängung und Selbstrechtfertigung.

Fazit: „Nürnberg“ überzeugt durch sein präzises Tempo, seine differenzierten Darstellerleistungen und seine klare moralische Haltung. Der Film ist ein dringlicher Appell, sich historischen Verbrechen mit analytischer Schärfe zu stellen und faschistischen Ideologien entschieden entgegenzutreten. Als psychologisches Justizdrama ist er eine kraftvolle und mitreißende Annäherung an den Versuch, unvorstellbares Übel vor Gericht zu bringen.

Film Bewertung 8 / 10