DER KINDERFLÜSTERER

Inhalt: Nachdem sein Sohn entführt wurde, bittet der Witwer Tom (Adam Scott) seinen Vater Pete (Robert De Niro) – einen ehemaligen Polizisten, zu dem er den Kontakt verloren hatte – sowie die Kriminalbeamtin Amanda (Michelle Monaghan) um Hilfe. Ist es möglich, dass die „Kinderflüsterer“-Morde, die lange Zeit als aufgeklärt galten, wieder zum Thema werden?

Wenn der Der Kinderflüsterer wieder anklopft

Viele Filme, die unter dem Banner von AGBO, der Produktionsfirma der Russo-Brüder, entstanden sind, wirken im besten Sinne wie Überbleibsel aus den 90er-Jahren. „21 Bridges“ war ein geradliniger Polizeithriller, der vor allem durch den verstorbenen Chadwick Boseman aufgewertet wurde. „Extraction“ erinnerte an jene Actionfilme, in denen ein harter Kerl noch ein harter Kerl sein durfte, und hatte dafür Chris Hemsworth. „Der Kinderflüsterer“ folgt einem ähnlichen Prinzip: Die Geschichte kommt einem ziemlich bekannt vor, wird aber von einer beeindruckenden Besetzung getragen.

Vor vielen Jahren erschütterte eine Reihe von Kindermorden eine Kleinstadt. Der sogenannte Kinderflüsterer entführte emotional verletzliche Jungen und hinterließ eine düstere Mythologie, in der ein Kinderreim und das „Klopfen am Glas“ eine wichtige Rolle spielen. Der Täter wurde gefasst, der Fall schien abgeschlossen. Doch Jahre später verschwinden erneut Kinder.

Ausgerechnet zu dieser Zeit kehrt der emotional verschlossene Witwer Tom Kennedy (Adam Scott) mit seinem Sohn Jake (Acston Luca Porto) in seine Heimatstadt zurück. Als Jake von merkwürdigen Dingen erzählt, die er in ihrem neuen Haus sieht und hört, schenkt Tom ihm zunächst wenig Aufmerksamkeit. Dann verschwindet auch Jake – und plötzlich stellt sich die Frage, ob tatsächlich jemand dort weitermacht, wo der ursprüngliche Kinderflüsterer aufgehört hat.

Regisseur James Ashcroft, der Alex Norths Roman für die Leinwand adaptiert, bedient sich dabei offen bei den bekannten Zutaten des Serienkiller-Thrillers: verschwundene Kinder, ein alter Mordfall, ein möglicher Nachahmungstäter und ein gefangener Killer, der vielleicht mehr weiß, als er verraten möchte. Überraschend ist das nicht. Ashcroft weiß aber, wie man daraus Spannung erzeugt, und hält die Geschichte geradlinig genug, damit sie trotz ihrer bekannten Muster funktioniert.

Szenenbild von Arsi Nami als Redakteurin eines Fernsehsenders in „Whisper Man“ mit Robert De Niro, Michelle Monaghan, Adam Scott und Michael Keaton
Arsi Nami als Redakteurin eines Fernsehsenders in „Whisper Man“ mit Robert De Niro, Michelle Monaghan, Adam Scott und Michael Keaton © 2026 Netflix, Inc.

Drei Generationen und jede Menge kaputte Väter

Mehr Gewicht bekommt der Film durch die zerbrochenen Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen. Jakes Verschwinden zwingt Tom dazu, wieder Kontakt zu seinem entfremdeten Vater Pete aufzunehmen, einem ehemaligen Detektiv, den Robert De Niro mit der nötigen Schwere spielt. Die Rolle verlangt De Niro keine schauspielerischen Verrenkungen ab. Seine zurückhaltende Art passt aber hervorragend zu Pete und besonders zu dessen kühler Beziehung zu Tom. Zwischen Vater und Sohn steht eine emotionale Mauer, die Tom längst selbst gegenüber Jake aufgebaut hat.

So zieht sich diese fehlende Nähe durch drei Generationen und wird zum interessanteren Teil einer ansonsten recht vertrauten Kriminalgeschichte. Michelle Monaghan hat es als Polizistin Amanda Beck etwas schwerer. Ihre Figur bleibt stärker den üblichen Mustern des Genres verhaftet, doch Monaghan bringt genügend Präsenz mit, um ihr Profil zu geben.

Wenn Michael Keaton Robert De Niro gegenübersitzt

Noch interessanter wird es auf der dunklen Seite der Geschichte. Hamish Linklater verleiht Norman eine angenehm unheimliche Ruhe. Seine Besessenheit von echten Kriminalfällen rückt ihn schnell in den Kreis der Verdächtigen, ohne dass Linklater dafür große Gesten benötigt. Und dann ist da Michael Keaton als ursprünglicher „Flüsterer“. Seine Leinwandzeit ist begrenzt, doch er nutzt sie. Der seit Jahren weggesperrte Mörder darf jene Psychospielchen spielen, die spätestens seit „Das Schweigen der Lämmer“ fest zum Serienkiller-Kino gehören.

Die Polizei braucht Informationen von ihm, während er jede Sekunde der dadurch gewonnenen Aufmerksamkeit genießt. Der Höhepunkt ist eine längere Begegnung zwischen Keaton und De Niro. Zwei Schauspieler dieser Klasse sitzen sich im Grunde nur an einem Tisch gegenüber, reden und belauern sich. Mehr braucht die Szene nicht. Ashcroft hält sich zurück und überlässt seinen Darstellern das Feld. Gerade deshalb entsteht hier eine Spannung, die zeigt, welchen Unterschied starke Präsenz in einem ansonsten konventionellen Stoff machen kann.

Robert De Niro and Michelle Monaghan in Der Kinderflüsterer (2026)
Robert De Niro und Michelle Monaghan in Der Kinderflüsterer © 2026Netflix, Inc.

Ein Serienkiller-Thriller wie aus einer anderen Zeit

Große Überraschungen hält „Der Kinderflüsterer“ trotzdem nicht bereit. Dafür kennt man seine Zutaten und Wendungen zu gut. Doch der Film besitzt eine angenehm altmodische Geradlinigkeit. Ashcroft baut die Spannung sauber auf, schafft eine düstere Atmosphäre und gibt der Familiengeschichte genügend Raum, damit die Suche nach Jake nicht nur als weiterer Fall eines Serienmörders funktioniert. Vor allem passt der Film damit erstaunlich gut zu jener Thriller-Schule, die in den 90er-Jahren regelmäßig im Kino zu finden war.

Nicht jeder Genrebeitrag musste damals das Rad neu erfinden. Manchmal reichten ein makabrer Fall, eine düstere Stimmung, zwei Stunden Spannung und Schauspieler, denen man gerne zusieht. Genau in dieser Liga spielt „Der Kinderflüsterer“. Er wird kaum als neuer Klassiker des Genres in Erinnerung bleiben, liefert aber einen ordentlich inszenierten Thriller, dessen hochkarätige Besetzung aus einem bekannten Stoff mehr herausholt, als zunächst zu erwarten wäre.

Fazit: Ein Netflix-Thriller über einen Serienmörder, der tatsächlich ziemlich gut ist. Die hochkarätige Besetzung und die sauber aufgebaute Spannung geben dem wenig einprägsamen Stoff das nötige Gewicht. Kein Grund für Jubelfanfaren, aber eine im Vertrauen zugeflüsterte Empfehlung.

Film Bewertung 6 / 10