COYOTE vs. ACME

Inhalt: Nach all den Jahren vergeblicher Liebesmüh hat Willi Kojote es satt, dass bisher jedes einzelne Produkt der ACME Corporation eine erfolgreiche Jagd auf den Road Runner vereitelt hat. Kojote beschließt deshalb, das Unternehmen für seine mangelhafte Ware in die Verantwortung zu nehmen, und engagiert den ebenso glück- wie mittellosen Anwalt Kevin Avery (Will Forte), um gegen ACME vor Gericht zu ziehen. Als der herausfindet, dass die Rechtsabteilung des Konzerns von Buddy Crane (John Cena) geleitet wird, dem selbstgefälligen Chef seiner ehemaligen Kanzlei, gibt er alles, um den Prozess zu gewinnen.

Wenn Wile E. Coyote genug von ACME hat

Passend zu seiner notorisch glücklosen Titelfigur musste „Coyote Vs. Acme“ auf dem Weg ins Kino selbst eine Reihe beinahe tödlicher Hindernisse überwinden. Ursprünglich sollte der Film 2023 bei Warner Bros. erscheinen, wurde dann jedoch aus steuerlichen Gründen auf Eis gelegt und schien zeitweise vollständig in den Archiven verschwinden zu sollen. Erst der Verkauf an einen neuen Verleiher rettete die Produktion und ermöglichte doch noch eine Kinoauswertung.

Keine besonders vielversprechende Vorgeschichte für einen Film, dessen Hauptfigur seit mehr als 75 Jahren daran scheitert, einen Vogel zu fangen. Doch ausnahmsweise geht Wile E. Coyote als Sieger aus einer scheinbar aussichtslosen Situation hervor. „Coyote Vs. Acme“ ist weder ein lieblos verwerteter Franchise-Nachzügler noch eine glattgebügelte Modernisierung der Looney Tunes. Stattdessen bekommt man eine unverhohlen chaotische Komödie, die den anarchischen Geist der klassischen Cartoons erstaunlich konsequent auf einen abendfüllenden Film überträgt. Die Ausgangslage dürfte jedem bekannt sein, der irgendwann einen Road-Runner-Cartoon gesehen hat. Seit Jahrzehnten versucht Wile E. Coyote, den rasend schnellen Vogel zu erwischen.

Weil er mit dessen Geschwindigkeit nicht mithalten kann, bestellt er bei ACME eine endlose Reihe fantastischer Hilfsmittel: Raketenstiefel, riesige Magnete, einen düsengetriebenen Pogo-Stick und allerlei andere Konstruktionen, die theoretisch hervorragend funktionieren müssten. Praktisch explodieren sie meistens, schleudern ihren Besitzer gegen eine Felswand oder sorgen dafür, dass Wile E. mit der gewohnten kurzen Denkpause in die Tiefe einer Schlucht stürzt.

WILL FORTE (Links im Bild) COYOTE vs. ACME
Foto von Warner Bros./Courtesy of Ketchup Entertainment – © Warner Bros./Courtesy of Ketchup Entertainment

Zwischen „Roger Rabbit“ und klassischem Looney-Tunes-Wahnsinn

Nach einem weiteren spektakulär gescheiterten Versuch kommt der Coyote schließlich zu einer bemerkenswert vernünftigen Erkenntnis: Vielleicht liegt das Problem gar nicht ausschließlich bei ihm. Vielleicht sind die Produkte von ACME schlicht gefährlicher Schrott. Also beschließt Wile E., den Konzern wegen Fahrlässigkeit zu verklagen. Dafür gerät er ausgerechnet an Kevin Avery (Will Forte), einen faulen und geizigen Anwalt, dessen berufliche Philosophie vor allem darin besteht, Fälle möglichst schnell durch einen Vergleich vom Tisch zu bekommen.

Von der nahezu fanatischen Beharrlichkeit seines neuen Mandanten ist Kevin entsprechend entsetzt. Während Wile E. niemals aufgibt, egal wie häufig er zerquetscht, gesprengt oder in den Abgrund geschickt wird, hält Kevin bereits den Moment für einen guten Zeitpunkt zum Aufgeben, an dem eine Angelegenheit auch nur ansatzweise schwierig wird. Diese Kombination ist herrlich albern, ergibt innerhalb der Logik der Looney Tunes aber erstaunlich viel Sinn. Regisseur Dave Green und Drehbuchautor Samy Burch verstehen, dass man die Grundidee nicht erklären oder rechtfertigen darf.

Ein Coyote verklagt einen multinationalen Konzern, weil dessen Produkte ihn seit Jahrzehnten regelmäßig beinahe umbringen. Natürlich tut er das. Genau bei dieser Selbstverständlichkeit erinnert „Coyote Vs. Acme“ an „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, den großen Vorläufer der Mischung aus Realfilm und Animation.

Der Rhythmus orientiert sich an den klassischen Kurzfilmen

Zeichentrickfiguren leben hier einfach gemeinsam mit Menschen. Niemand hält lange inne, um die Regeln dieser Welt zu erläutern. Gleichzeitig sind die realen Figuren kaum weniger überzeichnet als ihre animierten Mitspieler. Auch unter den Menschen gibt es größenwahnsinnige Bösewichte und haarsträubende Pläne – lediglich die Anzahl der verwendeten Ambosse fällt etwas geringer aus.

Will Forte, der häufig selbst die exzentrischste Figur einer Komödie verkörpert, übernimmt dabei wirkungsvoll die Rolle des Straight Man. Neben dem stummen und vollkommen kompromisslosen Wile E. muss er auf dessen Wahnsinn reagieren, statt ihn selbst zu produzieren. Daraus entwickelt sich eine klassische Mismatched-Buddy-Dynamik zwischen zwei Figuren, deren Lebenseinstellungen kaum unterschiedlicher sein könnten.

Besonders wichtig ist jedoch, dass Wile E. dabei Wile E. bleiben darf. Der Film versucht nicht, aus der Figur plötzlich einen wortreichen modernen Animationshelden zu machen. Seine Körpersprache, sein Größenwahn, seine Erfindungen und vor allem seine nahezu übermenschliche Leidensfähigkeit bleiben die Grundlage des Humors. Die Realfilmwelt muss sich an die Regeln des Coyoten anpassen – nicht umgekehrt.

Auch der Rhythmus orientiert sich auffällig stark an den klassischen Kurzfilmen. Pointen werden aufgebaut, ausgespielt und unmittelbar von der nächsten Katastrophe abgelöst. Selbst über eine Laufzeit von rund 100 Minuten bewahrt sich „Coyote Vs. Acme“ dadurch viel von jener albernen Energie, die einen sechsminütigen Looney-Tunes-Cartoon antreibt.

Ein Liebesbrief an 75 Jahre Looney Tunes

Am deutlichsten zeigt sich die Begeisterung der Filmemacher jedoch im Umgang mit der Geschichte der Looney Tunes. „Coyote Vs. Acme“ beschränkt sich keineswegs auf die bekanntesten Figuren und offensichtlichsten Anspielungen. Dave Green und sein Team tauchen tief in die Archive ein und verteilen zahllose Easter Eggs, Figuren und visuelle Verweise über den gesamten Film.

Für langjährige Fans entwickelt sich daraus ein zusätzliches Vergnügen. Manche Referenzen sind derart speziell, dass weniger mit der Geschichte der Looney Tunes vertraute Zuschauer möglicherweise tatsächlich rätseln werden, weshalb plötzlich Peter Lorre einen Wissenschaftler „spielt“ oder warum eine alte Hühnerdame in einer Jury sitzt. Der Film hält sich allerdings nicht damit auf, jede Anspielung für ein Publikum zu erklären, das sie möglicherweise nicht versteht.

Gerade dieser Respekt vor dem Zuschauer und vor der eigenen Cartoon-Geschichte gehört zu seinen größten Stärken. „Coyote Vs. Acme“ behandelt die Looney Tunes nicht wie nostalgisches Material, das für ein modernes Publikum grundlegend umgebaut werden müsste. Die Filmemacher vertrauen darauf, dass der absurde Humor, die visuelle Komik und die anarchische Energie dieser Figuren noch immer funktionieren.

Lediglich im letzten Akt verliert die Geschichte etwas von ihrer Leichtigkeit. Die Handlung wird unnötig verworren und greift stärker auf bekannte erzählerische Klischees zurück, obwohl der Film zuvor gerade dann am besten funktioniert, wenn er sich möglichst wenig um konventionelle Regeln schert. Schwer wiegt das allerdings nicht, denn Green findet immer wieder zurück zu jener kontrollierten Form des Chaos, auf der die Looney Tunes seit Jahrzehnten basieren.

Fazit: Nach seiner beinahe ebenso absurden Produktionsgeschichte wie einem durchschnittlichen ACME-Produkt hätte „Coyote Vs. Acme“ leicht als filmhistorische Kuriosität enden können. Stattdessen ist daraus eine verrückte, einfallsreiche und urkomische Mischung aus Realfilm, Animation und Buddy-Komödie geworden. Dave Green versteht den Rhythmus und die Anarchie der Looney Tunes und widersteht weitgehend dem Drang, ihre Welt unnötig zu modernisieren oder zu erklären. Das Warten hat sich damit mehr als gelohnt. Und nachdem Wile E. Coyote jahrzehntelang verloren hat, ist diesmal vor allem einer der Gewinner: das Publikum.

Film Bewertung 8 / 10