CORPUS DELICTI

Inhalt: In einer nahen Zukunft repräsentiert die „Methode“ eine Gesellschaft, die Gesundheit und maximale Sicherheit für alle verspricht. Das Leben der Wissenschaftlerin Mia Holl (Hannah Herzsprung) ändert sich schlagartig, als ihr Bruder Moritz (Damian Hardung) des Mordes beschuldigt wird. Die Beweise sind erdrückend – und doch ist Mia von seiner Unschuld überzeugt. Ein Widerspruch, der sie zum Handeln zwingt – gegen ein System, das keinen Zweifel zulässt.

Die Botschaft ist da – nur spürt man sie kaum

Eigentlich bringt „Corpus Delicti“ alles mit, was eine spannende und unbequeme Dystopie braucht. Juli Zehs Geschichte erzählt von einer Gesellschaft, in der Gesundheit und Sicherheit über allem stehen und der Staat immer tiefer in das Leben seiner Bürger eingreift. Persönliche Freiheit trifft auf totale Kontrolle, Selbstbestimmung auf ein System, das für sich beansprucht, immer das Richtige zu tun. Das sind starke und aktuelle Themen. Umso enttäuschender ist es, dass die Verfilmung daraus so wenig Spannung entwickelt. Die Handlung kommt nur schwer in Gang, das Tempo bleibt langsam und die Inszenierung wirkt über weite Strecken behäbig.

Im Mittelpunkt von „Corpus Delicti“ steht eine Gesellschaft, die Gesundheit längst nicht mehr als persönliche Angelegenheit betrachtet. Der Staat kontrolliert seine Bürger und verlangt von ihnen ein Leben nach festen Regeln. Der Preis für diese vermeintliche Sicherheit ist die persönliche Freiheit. Denn wer jede mögliche Gefahr verhindern möchte, nimmt den Menschen irgendwann auch das Recht, selbst zu entscheiden, Fehler zu machen oder unvernünftig zu sein. Genau hier liegt die Stärke der Geschichte.

Wie viel persönliche Freiheit darf für Sicherheit aufgegeben werden? Was passiert, wenn ein System keinen Zweifel an den eigenen Entscheidungen zulässt? Und wann wird aus Fürsorge Unterdrückung? Der Film stellt diese Fragen deutlich, schafft es aber nicht, sie wirklich spürbar zu machen. Vieles wird ausgesprochen und erklärt, anstatt die Folgen der staatlichen Kontrolle durch Situationen und persönliche Konsequenzen greifbar werden zu lassen. Die scheinbar perfekte Welt müsste mit jeder weiteren Einschränkung unangenehmer und bedrohlicher werden. Stattdessen bleibt der Film auf Distanz und entwickelt aus seiner starken Grundidee zu wenig Druck.

CORPUS DELICTI
© LEONINE Studios / Foto von Stanislav Honzik

Mia und ihr Bruder – wo bleibt die Nähe?

Das zeigt sich besonders an Mia, gespielt von Hannah Herzsprung, und ihrem Bruder, der des Mordes verdächtigt wird. Ihre Beziehung müsste das emotionale Herz der Geschichte sein. Sein Schicksal bringt Mia schließlich dazu, immer stärker an dem System zu zweifeln und sich dagegen aufzulehnen. Doch der Film schafft es kaum, die Nähe zwischen den Geschwistern glaubhaft zu vermitteln. Bis auf eine angedeutete Kissenschlacht zwischen den erwachsenen Geschwistern gibt es erstaunlich wenig, was ihre besondere Verbindung greifbar macht. Es fehlen gemeinsame Momente, Gespräche oder Gesten, die zeigen könnten, warum diese Beziehung für Mia so wichtig ist.

Das wird spätestens bei Mias emotionalen Ausbrüchen zum Problem. Sie wird wütend, verzweifelt, schreit und lehnt sich immer stärker gegen das System auf. Man versteht, warum sie das tut, doch weil zuvor die emotionale Grundlage fehlt, erreichen diese Momente nicht die Wirkung, die sie haben müssten. Der Film behauptet die enge Geschwisterbeziehung stärker, als dass er sie tatsächlich erzählt.

Viel Geschrei, wenig echte Emotion

Hinzu kommen Dialoge, die häufig geschrieben und unnatürlich wirken. Figuren sprechen teilweise weniger miteinander, als dass sie dem Zuschauer die Gedanken hinter der Geschichte erklären. Das mag die Botschaft verständlich machen, führt aber nicht automatisch zu guten Filmszenen. Auch das Schauspiel kann diese Schwäche nicht auffangen. Gerade die emotionalen Momente werden häufig sehr groß gespielt. Es wird geschrien, geweint und mit viel Wut reagiert. Besonders Hannah Herzsprung bekommt zahlreiche Szenen, in denen Mia ihre Verzweiflung herauslassen soll.

Weil sich diese Gefühle zuvor jedoch nicht ausreichend entwickeln konnten, wirkt das schnell theatralisch. Dabei ist das nicht allein eine Frage der schauspielerischen Leistung. Auch Inszenierung und Dialoge tragen dazu bei. Große Emotionen brauchen nicht zwangsläufig große Gesten und Lautstärke. Gerade hier hätte weniger deutlich mehr sein können.

Schöne Bilder allein machen noch keine Dystopie

Optisch kann man dem Film einiges abgewinnen. „Corpus Delicti“ findet starke und sauber komponierte Bilder für seine kontrollierte Welt. Doch eine Dystopie funktioniert nicht allein dadurch, dass sie interessant aussieht. Sie muss das Gefühl vermitteln, dass sich die Möglichkeiten ihrer Figuren immer weiter verkleinern. Diese Beklemmung fehlt. Hinzu kommen technische Schwächen beim Ton. Einige Passagen wirken schlecht vertont, andere deutlich nachsynchronisiert.

Das verstärkt die ohnehin vorhandene Distanz zu Figuren und Handlung. So bleibt ein Film, dessen gesellschaftliche Fragen interessanter sind als die Art, wie er sie erzählt. Man versteht die Botschaft und Mias Motivation. Aber verstehen und erleben sind im Kino zwei verschiedene Dinge und genau zwischen diesen beiden Punkten bleibt „Corpus Delicti“ hängen.

Fazit: Der Film ist zu zäh, zu behäbig und in seiner Auseinandersetzung mit den eigenen Themen zu oberflächlich. Die schönen Bilder können darüber ebenso wenig hinwegtäuschen wie die grundsätzlich interessante Ausgangslage.

Film Bewertung 4 / 10