“Betonrausch”: Wenn die Fassade bröckelt

David Kross auf einem Plakat zum Film Betonrausch

Film Betonrausch
Regie: Cüneyt Kaya
Verfügbar auf: Netflix (seit dem 17. April 2020)
Länge: 94 min
FSK: 16


Filmkritik:

von Nicola Scholz

Viktor hatte es als Kind nicht leicht, seine Eltern haben sich getrennt und sein Vater musste immer wieder bei der Bank um Aufschub betteln. Doch eines hat Viktor gelernt: Mit einem Lächeln ist schon fast alles gewonnen. Und so macht er sich nach seinem Schulabschluss auf, nach Berlin. Er denkt mit einem Lächeln dort schnell eine für ihn unbezahlbare Wohnung zu finden, doch ohne gültigen Arbeitsvertrag ist das gar nicht so einfach, da kann auch sein Lächeln nichts dran ändern.

Betonrausch
Gerry( Frederick Lau ) feiert sich selbst mit einer Prostituierten (Sophia Thomalla)
in “Betonrausch” ©Netflix

Mit einem Lächeln und Charme zu mehr Geld

Also muss er sich durchmogeln. Mit Anzug und gefälschten Blatt Papieren schafft er es die Leute um seinen Finger zu wickeln. Schnell wird ihm klar das es für jemanden wie ihn die einzige Chance ist an Geld zu kommen. Dann trifft er auf Gerry, der ebenso nicht ganz so legale Geschäfte betreibt und Nicole die bei einer Bank arbeitet und für Geld so einiges macht. Zusammen kaufen sie günstig Schrott Immobilien auf. Mit einem gewinnenden Lächeln verkaufen sie diese, für weitaus mehr, an ganz normale Bürger weiter. Immer weiter rutschen verzetteln sie sich, in ihrer aus Lügen aufgebauten Existenz.

Doch ihr falsches aufgesetztes Lächeln kann sie schon bald nicht mehr vor den Konsequenzen retten. Cüneyt Kaya also wieder, wo er nach „Verpiss dich Schneewittchen“ wohl nicht mehr so schnell an Kinostoff gelassen wurde, durfte er sich dafür bei Netflix austoben und so viel sei verraten: Es hat ihm gut getan. Eine verzwickte Geschichte die durch ihr Tempo und ihre Raffinesse durchaus Laune macht und trotz vorhersehbarer Wendung, immerhin wird die ganze Geschichte von Viktor erzählt der schon im Gefängnis sitzt, fiebert man mit.

Da brauch “Betonrausch” gar nicht viel, doch die beiden Hauptdarsteller Frederick Lau und David Kross wieder als Team machen schon einiges aus. Es macht durchaus Freude den beiden wieder zuzuschauen wie sie eine Menge vermasseln und sich irgendwie immer wieder raus reiten können. Zum Glück ist das kein „High Society“ geworden sondern sehr einfaches deutsches Sendematerial das aber auch wieder mehr kann als alles was um 20:15 Uhr im deutschen Fernsehen läuft.

Betonrausch
Frederick Lau, David Kross und Janina Uhse in “Betonrausch” © Netflix

Freunde im Party Exzess-Modus

Cüneyt scheint wieder mehr Spaß an seinen „Kumpelgeschichten“ zu haben wie schon bei „Ummah unter Freunden“, welcher bisher immer noch sein bestes Stück Film bleibt. Zum Glück behält “Betonrausch” sein Tempo bei und schafft es doch tatsächlich über 90 Minuten nicht abzutreiben und zu versacken. Das einzig nervige sind vielleicht die typisch deutschen Partyszenen, die Exzesse aus Drogen und Frauen in Bordellen, das hat man in der deutschen Filmlandschaft langsam satt gesehen. Am ehrlichsten hatten sie solche Szenen damals im Tatort „Wegwerfmächen“ verwendet. Aber daneben ist der Film eine ordentliche Portion Unterhaltung geworden die auch darüber nachdenken lässt was davon wirklich realistisch ist.

Machen die richtigen Kleider wirklich viel aus und kann ein gewinnendes Lächeln echt so viel kaufen, wie schnell würde man auffliegen und sind Banken in anderen Teilen der Welt so günstig selbst zu eröffnen? Erfrischend ist auch das Ende das nicht so hingeschmiert scheint wie bei „Berlin Alexanderplatz“ und mehr durchdacht als bei vielen anderen deutschen Filmen.

Man setzt bis zur letzten Minute immer noch ein drauf. Da hat man das Gefühl, dass sich das die Filmemacher nicht allzu oft zutrauen und Netflix eben weiterhin diese Freiheit bietet. Dafür hätte “Betonrausch”, meiner Meinung nach, noch etwas mutiger sein dürfen und noch mehr sein Ding durchziehen können, aber wer sich Sonntag Abends den Tatort gibt der sollte bei dieser gradlinigen Arbeit nun wirklich nichts zu meckern haben.

Aber das können die deutschen gut, neben häufig billig und schnell produzierten Geschichten dann noch darüber meckern. Dabei hat die deutsche Filmlandschaft hin und wieder doch einiges zu bieten.

Dank Netflix begreifen die Filmemacher ihre Chancen auf gute Geschichten endlich mal.


Meine Meinung: 7/10

10 – Meisterwerk – 8-9  sehr gut – 6-7 gut – 5  Ziel erreicht – 3-4 grad noch wach geblieben – 1-2 Geldverschwendung – 0 Geld zurück verlangen 

Nicola Scholz betreibt den Blog Wortzauber und schreibt Rezensionen für Kinomeister. Sie ist leidenschaftlicher Filmfan und hat bereits bei zwei Kurzfilmen Regie geführt. Nicola ist regelmäßiger Gast bei der Berlinale.

Mehr Filmkritiken: Hier