Alec, der in der Schule eher zurückhaltend und introvertiert ist, blüht hinter der Kamera seines Vaters richtig auf. Für seinen Vater ist er Kameramann, Cutter und kreativer Kopf hinter dessen Pornofilmen. Diese werden in einem eigens dafür eingerichteten Raum in ihrem Haus in Eigenproduktion gedreht. Lizzie, die eine wiederkehrende Rolle in den Pornofilmen von Alecs Vater spielt, ist für ihn wie eine große Schwester. Alec weiß alles über bestimmte Kamerawinkel, die für diesen Beruf erforderlich sind, doch das weibliche Verlangen ist etwas, das ihm in seinem eigenen Leben völlig fremd ist.
Als er jedoch Nina kennenlernt, mit der er einen Vortrag über Internet-Pornografie-Sucht halten soll, obwohl er versucht, das Leben seines Vaters außerhalb des Hauses geheim zu halten, lässt sich Nina davon nicht abschrecken. Mit ihr entdeckt Alec etwas, das er noch nie zuvor erlebt hat: Intimität, das Gefühle der Liebe und die Erkenntnis, was es bedeutet, wirklich nackt zu sein. Muriel d’Ansembourg wird zu Recht für ihre filmische Auseinandersetzung mit weiblichem Verlangen und seiner Darstellung gefeiert. Ein so ehrlicher Blick auf ein Thema, das vor allem in der eher reservierten deutschen Kultur noch immer hinter verschlossenen Türen diskutiert wird, ist ein großer und wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
Auch die Pornoindustrie, die zwar konsumiert, aber selten hinterfragt oder kritisiert wird, besonders hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf junge Menschen, ist ein wichtiger Teil dieses Themas. Es ist nicht der erste Blick auf die Branche, aber sicherlich ein etwas anderer, extremerer und offenerer als das, was die Zuschauer bisher kennengelernt haben.

Starke Frauenfiguren und zerbrechliche Männlichkeit
Das alles wird aus der Perspektive eines Teenagers erzählt, der seine eigene Sexualität noch nicht so richtig entdeckt hat. Dennoch glaubt er, schon zu wissen, wie sie sein sollte: knochentrocken, hart und ohne Augenkontakt. Sex ist schlichtweg eine enorme Vielfalt an verschiedenen Spielzeugen, Orten und Praktiken. Die Wünsche der Kunden werden ernst genommen und selten hinterfragt. Alec hat schon einiges gesehen. Auch wenn die Atmosphäre im Pornoraum seines Vaters meistens recht freundlich wirkt, wird Alec erst sehr viel später bewusst, dass es keineswegs immer so ist.
Der Film lebt nicht nur von seinen sehr expliziten Pornoszenen, die im weiteren Verlauf immer härter werden, sondern auch von den Bildern, die er uns darüber hinaus vermittelt. Die raue Umgebung, in der sie leben: steile Klippen, hohe Wellen, trist-düsteres Wetter. Dazu gesellt sich der harte Umgangston, sei es in der Schule unter den männlichen Schülern, die gerne abfällig über Frauen reden, oder zu Hause im Pornoraum. Aber auch durch andere bedeutende Bilder, die uns zeigen, wie Alec an den Hinterteilen der Darstellerinnen arbeitet, um diese noch besser zur Geltung zu bringen. Der Zuschauer entdeckt Alecs Welt zunächst durch sein Objektiv, bevor Ninas Perspektive dazu kommt und plötzlich das bisher Gewohnte infrage stellt.
Insbesondere Nina steht im Gegensatz zu Alecs Vater und dessen Vorstellung von Frauen sowie zu Alecs bisheriger Auffassung von ihnen. Während Alec in der Pornografie-Welt weder Zurückhaltung oder Angst zeigt, reagiert er im realen Leben eher nervös und verlegen. Durch Nina erhält seine Welt jedoch Emotionen, die es vorher in seinem Elternhaus nicht gab. Muriel d’Ansembourg gelingt es nicht nur, starke weibliche Charaktere zu etablieren, sondern auch einen ganz neuen Blick auf männliche Figuren zu werfen.
Im Laufe des Films wird dann auch die sanftmütigere Seite des Vaters sichtbar. Dabei wird vor allem eines deutlich: Auch Männer haben Gefühle und Ängste, auch wenn sie es nicht oft zeigen, einfach weil ihre „männliche“ Erziehung es ihnen anders nicht erlaubt. Alecs Vater bringt es auf den Punkt, als eine neue Darstellerin die Art und Weise hinterfragt, wie sie vor der Kamera miteinander umgehen, und mehr Intimität fordert: „Wir machen Pornos, wir machen keine Filme über Liebe.“

Eine Vielfalt an phänomenalen Dialogen und Bildern
Hier gerät Alecs bisher stabiles Weltbild erstmals ins Wanken. Vor der Kamera erkennt er, dass die unerfahrene Darstellerin sich sichtlich unwohl fühlt. Ihre Unsicherheit ist nicht gespielt, sie wirkt überfordert und angespannt. Sein Vater jedoch blendet das aus. Er hält unbeirrt am Drehplan fest und denkt ausschließlich an das finanzielle Ergebnis der Produktion. Alec begreift, dass es seinem Vater nicht um Menschen geht, sondern um Profit. Dabei ignoriert dieser bewusst, dass die junge Frau das Honorar dringend benötigt und nur aus wirtschaftlicher Not zugestimmt hat. Gleichzeitig erkennt Alec eine weitere, beunruhigende Seite: die Manipulationskraft seines Vaters.
Dessen Drang, Grenzen immer weiter zu verschieben, neue Reize zu erzwingen und Darstellerinnen emotional zu überfordern, bis sie zusammenbrechen. Für Alec ist das der Moment, in dem aus Bewunderung Zweifel werden. Die Risse in Alecs Welt werden deutlicher. Was für ihn lange selbstverständlich war, beginnt zu kippen. Nina ist die erste Frau, die ihm einen anderen Blick eröffnet. Durch sie begreift er, dass Sexualität nicht zwangsläufig mit Macht, Kontrolle oder Inszenierung verbunden sein muss, sondern auch mit Nähe, Selbstbestimmung und echter Intimität. Besonders eindrücklich sind die Gespräche zwischen Nina und einer der Darstellerinnen.
Diese schildert, dass sie in der Pornobranche paradoxerweise erstmals gelernt habe, ihren eigenen Körper anzunehmen und sich selbst zu lieben, obwohl das Umfeld oft kühl, funktional und wenig empathisch sei. Der Film differenziert hier präzise: Nicht die Industrie allein ist Ursprung der Gewalt gegen Frauen. Sie ist vielmehr Ausdruck eines tiefer verwurzelten patriarchalen Systems. Diese strukturelle Ebene legt die Inszenierung Schritt für Schritt frei und entfaltet ihre Argumentation mit bemerkenswerter erzählerischer Klarheit.

Den schonungslosen, teils expliziten Drehszenen stellt der Film bewusst eine andere, sanftere Form von Erotik entgegen: intime, leise und visuell äußerst sensibel komponierte Momente zwischen Nina und Alec. Hier dominieren keine grellen Bilder, sondern Zurückhaltung. Zarte Berührungen, vorsichtige Annäherungen und Neugier prägen diese Sequenzen. Selbst eine Playboy-Ausgabe in Brailleschrift wird zum Symbol dafür, wie sehr es um Fühlen, Vertrauen und Präsenz geht.
Nina führt Alec vor, was echte Nacktheit bedeutet. Nicht das Entkleiden des Körpers steht im Zentrum, sondern das Nicht-Wegsehen im Moment der Berührung. Als die beiden später ein zufällig aufgezeichnetes Video ihres ersten Mals betrachten, wird dieser Gegensatz besonders deutlich. Für Alec ist es eine Erkenntnis: Die Aufnahme zeigt nur Oberfläche, nur Mechanik. Sie spiegelt nicht im Ansatz wider, was er in diesem Moment tatsächlich empfunden hat. Genau in dieser Diskrepanz zwischen Bild und Empfindung entfaltet der Film eine seiner stärksten Aussagen.
Fazit: Der Film besticht durch eine Vielzahl großartiger Dialoge, Blickwinkel und Bilder zum Thema. Man hält fast 102 Minuten lang den Atem an, so brillant ist die Handlung erzählt. Ein Film, der es verdient hat, so häufig gezeigt zu werden, bis die Welt ein wenig mehr begreift, wie schädlich sowohl die Pornoindustrie als auch die Sicht auf die weibliche Lust und das Festhalten an der „starken, entemotionalisierten“ Männlichkeit sind.
Film Bewertung 10 / 10





