Nina weiß nicht, bei wem sie nach der Trennung ihrer Eltern leben möchte. Das sagt sie auch dem Richter. Hauptsache, die ständigen Streitereien zwischen ihren Eltern hören ein für alle Mal auf. Dafür würde sie sogar akzeptieren, von ihrem Bruder getrennt zu sein. Tanzen hilft ihr, den Kopf frei zu bekommen, und wenn sie wieder glücklich sein möchte, flüchtet sie sich in die Arme und die perfekte Familienwelt ihrer festen Freundin. Aber die Realität holt Nina immer schnell wieder ein.
Der zwei Jahre jüngere Eli möchte nicht von seiner Schwester Nina getrennt werden. Allerdings weiß er auch nicht, wo er leben möchte. Hauptsache, seine Eltern hören auf, sich anzuschreien. Er flüchtet sich in seinen Sport, das Schwimmen. Doch da Nina ihm ständig die Tür vor der Nase zuschlägt, nachts unterwegs ist und sich nicht wirklich für ihn interessiert, ist er den Lügen und Grausamkeiten seiner Eltern noch mehr ausgeliefert als sie. Bis ihm eines Tages alles zu viel wird.

Der Film geht bis an seine schmerzlichsten Grenzen
A Family, vom niederländischen Regisseur Mees Peijnenburg, erzählt eine verworrene Familiengeschichte, in der jede Figur für sich allein leidet und dabei blind für die anderen Menschen ist, denen es genauso geht. Dabei geht es ihnen allen um denselben Wunsch: nicht allein zu sein und geliebt zu werden. Der ganze Film wird aus zwei Perspektiven erzählt, beide aus der Sicht der Kinder, die eigentlich die Leidtragenden der ganzen Situation sind. Und hier stößt der Film an seine Schmerzgrenze. Wir sehen auch die leidende Seite der Eltern und begreifen allmählich, dass es schwer für sie sein muss, diesen Lebensabschnitt abzuschließen.
Auch sie haben Ängste, neigen jedoch dazu, dies durch Wut und Manipulation auszudrücken. Es ist wie ein Wettstreit zwischen ihnen, um zu sehen, wer am Ende die Kinder für sich gewinnen wird. Dabei übersehen sie jedoch völlig, dass ihre Kinder keine Trophäen sind, sondern fühlende Wesen, die aus ihrer natürlichen Umgebung herausgerissen wurden: Sie sitzen stundenlang im Auto auf dem Weg zum anderen Elternteil, müssen entscheiden, welche Kleidung sie für die nächsten Tage mitnehmen sollen, und haben ständig Angst, einen der beiden mit Worten oder Entscheidungen zu verletzen.
Peijnenburg zeigt, dass man auch ohne übermäßige Dialoge so viel vermitteln kann, dass es ein Vergnügen ist, minutenlang statische Bilder auf sich wirken zu lassen. Und wie erfrischend es sein kann, die gegensätzlichen Geschwister zu Beginn des Films allein durch ihre unterschiedlichen Aussagen vor Gericht und ihr Auftreten nach der Rückkehr in die Wohnung vorzustellen. So beweist uns „A Family“ schon in den ersten Minuten, dass es nicht immer viele Worte braucht.
Und obwohl wir die Geschichte zweimal durchleben, einmal aus Ninas Perspektive und einmal aus der von Eli, ergibt sich das Gesamtbild erst, wenn wir beide Sichtweisen vollständig betrachtet haben. Die Details setzen sich wie Puzzleteile zusammen, was auch verdeutlicht, dass Peijnenburg sich viele Gedanken darüber gemacht hat, wie er die Handlung Stück für Stück zusammenfügen wollte.

Durchdacht bis ins kleinste Detail und fantastisch erzählt
Und das gelingt ihm auch wirklich gut. Gleichzeitig schafft er es aber auch, die individuellen Momentaufnahmen der beiden Geschwister und ihre inneren Konflikte in so vielen einprägsamen Szenen einzufangen, dass es eine Freude ist, den gesamten Film zu schauen. Sei es Nina, die plötzlich Zweifel an ihrer Beziehung zu ihrer Freundin hat, oder Angst hat, so zu Enden wie ihre Eltern. Der Konflikt, zu wem sie am Ende des Streits ziehen will, wird in einer Szene verdeutlicht, in der sie ihren Bruder und ihren Vater auf der einen Seite des Raumes und ihre Mutter und ihre Freundin auf der anderen Seite sieht. Der Bruder, der es nicht wagt, seinen Eltern zu widersprechen und ihre Lügen und Boshaftigkeiten aufzudecken, erträgt alles schweigend und leidet heimlich.
Man könnte eine eindrucksvolle Szene nach der anderen aufzählen, so gut durchdacht und fantastisch erzählt ist der Film in den gut 89 Minuten Laufzeit. Aber zu der brillanten Leistung gehört auch die Besetzung. Und das sind vor allem die beiden Kinder, die eine solche Bandbreite an Emotionen hervorrufen können, dass man öfters Gänsehaut bekommt. Vor allem, wenn Eli im Gerichtssaal sitzt und endlich seinen Gefühlen freien Lauf lässt. „Ich halte es nicht mehr aus. Das muss aufhören“ sind die eindringlichsten Worte, die ein so junger Schauspieler auf so überzeugende Weise aussprechen kann.
Es ist einfach ein rundum gelungenes Werk, welches zeigt, dass der Regisseur sein Handwerk versteht. Das gilt nicht nur für die Arbeit mit den Darstellern, sondern für alle Facetten des Films. Von den wenigen, aber umso kraftvolleren Dialogen bis hin zu den langen Einstellungen, die mehr zur Geschichte beitragen als in so vielen anderen Filmen, wo sie vielleicht nur als Lückenfüller dienen. Dabei schmerzt es immer wieder, mit anzusehen, wie die Kinder ein weiteres Mal zusammenbrechen, sobald sie zwischen die Fronten geraten. Es geht nie um ihr Wohlergehen, um das, was sie wollen. Ihnen werden rhetorische Fragen gestellt, sie sollen sich als krank ausgeben oder ihre ungewaschenen Kleider zum anderen Elternteil mitnehmen.
Fazit: Es ist ein Kampf, der auf dem Rücken zweier unschuldiger Menschen ausgetragen wird, die schließlich wieder zueinander finden und erkennen, dass sie dieselbe Hölle durchleben. Wenn sich der Kreis schließt und die beiden Geschwister sich in die Arme fallen, erkennen sie, dass sie einander haben und nicht allein sind.
Film Bewertung: 10 / 10





