Regisseur Rob Reiner ist auf tragische Weise ums Leben gekommen. Bei Redaktionsschluss wird von einem Mordfall ausgegangen. Die Ermittlungen laufen noch. Reiners Film „Stand By Me“ von 1985 ist hingegen unsterblich.
Die zweite Wahl ist oft die bessere, sagte mal jemand zu mir. Damals wusste ich aber noch nicht, dass Rob Reiner lediglich der Ersatzmann für die Aufnahmeleitung von „Stand by me“ war. Als wäre das Projekt von der zermürbenden Suche nach einer Produktionsfirma nicht schon genug gebeutelt gewesen, musste der designierte Regisseur Adrian Lyne absagen, da sich die Dreharbeiten zu dessen Film 9 1/2 Wochen verzögerten.
Reiner war damals als Regisseur noch ein absoluter Novize. Bei seinem erst dritten Filmprojekt hinter der Kamera stand er direkt vor der großen Herausforderung, mit gleich vier Kindern als Hauptdarsteller zu arbeiten – wie wir wissen, neben Hunden und irischen Rockstars das schwierigste Klientel, mit dem ein Regisseur konfrontiert werden kann.

Die Mutter aller Coming-of-Age-Filme
Im Making-of zu „Stand by me“ erzählte Reiner, wie er mit den vier Jungen immer wieder tief ins Gespräch einsteigen und ihre Befindlichkeiten berücksichtigen musste, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Schnell wird klar, dass hier kein handelsüblicher Professionalismus im Verhältnis Schauspieler-Director vorlag.
Es hat etwas sehr Väterliches, wenn Reiner berichtet, dass die Charakterzüge der vier Darsteller sehr ähnlich zu denen ihrer Figuren waren. River Phoenix der ernsthafte Anführertyp, Wil Wheaton der sensible Introvertierte, Jerry O’Connell der unbekümmert wirkende und Corey Feldman der extrovertiert-auffällige.
Die Geschichte der vier Jungen, die losziehen, um den Leichnam des ungefähr gleichaltrigen Ray Brower zu finden und in den lokalen Medien berühmt zu werden, ist die Mutter aller Coming-of-Age-Stories und gleichzeitig bis heute die schönste Vertreterin des Genres, die Hollywood hervorgebracht hat. Es gibt wenige Filme, an denen wirklich alles passt. Das hier ist einer davon.

Eintauchen in die Welt von „Stand by me“
Zu Beginn sehen wir Richard Dreyfuss Mitte der 80er Jahre als erwachsenen Gordie Lachance. Er ist mittlerweile erfolgreicher Autor und Familienvater und er hält inne. Zu ersten angedeuteten Melodielinien des unsterblichen Titelsongs von Ben E. King liest er in einem Zeitungsartikel, dass der Anwalt Christopher Chambers bei einem Konflikt tragischerweise erstochen wurde. Noch wissen wir nicht, warum ihn das so mitnimmt, doch wir finden es bald heraus.
Lachance erinnert sich an seine Jugend in den 50er Jahren, als er (Wheaton) mit seinen Freunden Chris Chambers (Phoenix), Teddy Duchamp (Feldman) und Vern Tessio (O’Connell) im verschlafenen Nest Castle Rock (diesmal in Oregon angesiedelt – nicht, wie sonst üblich bei Stephen King, in Maine) aufwächst. Und sehr schnell, ohne dass man viel Handlung bräuchte, taucht man ein in die Welt von „Stand by me“ und bleibt dort für die nächsten, angenehm schlanken, 80 Minuten gefangen.
Meisterhafte Nostalgie lange vor Stranger Things
Der ganze Film sieht aus, wie eine sehnsuchtsvolle Kindheitserinnerung. Kameraführung und Farbgebung drücken genau die emotionalen Knöpfe, die sie drücken müssen. Die Nachmittagssonne ist sepiafarben, die Wälder strahlen in sattem Grün. Man möchte einfach gern dort sein, mit den Jungs im Baumhaus rumhängen, Comics lesen und eine Dr Pepper trinken, während „Lollipop“ im Radio läuft. Das Spiel mit der Nostalgie hat Reiner schon 30 Jahre vor Stranger Things meisterhaft beherrscht.
Doch es ist längst nicht alles schön an diesem Sehnsuchtsort. Die vier Jungs sind nicht grade die Siegertypen der örtlichen Schule. Nicht nur muss man sich wiederholt vor den älteren Schlägern in Acht nehmen. Auch persönlich hat jeder der vier sein Päckchen zu tragen. Chris kommt aus einer sozial schwachen Familie und scheint per Geburt gesellschaftlich vorverurteilt. Teddy ist sichtlich gezeichnet von den Misshandlungen seines Vaters, lässt aber gleichzeitig nichts auf diesen kommen. Vern, knuffig aber etwas pummelig, gibt sich meist unbekümmert, doch gehen die vielen Gags zum Thema Leibesfülle auch an seinem kindlichen Herzen nicht spurlos vorbei.

Ein besonderer Sommer – für Figuren und für Darsteller
Und dann schließlich Gordie, der, wie er selbst sagt, „in diesem Sommer zuhause zum unsichtbaren Jungen geworden“ ist. Sein älterer Bruder war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Die Eltern allerdings sind nicht nur unfähig, dem empfindsamen Jungen Trost zu spenden. Sie lassen ihn vielmehr deutlich spüren, dass sie ihn in ihrer eigenen Trauer grade nicht gebrauchen können. Wil Wheaton hat jüngst einen Blogbeitrag veröffentlicht, indem er schreibt, dass er sich damals genauso gefühlt habe, wie sein Gordie Lachance.
Dass es Rob Reiner war, der mit ihm über seine Trauer gesprochen, der ihm Trost gespendet habe. Ja, er schreibt sogar, Rob Reiner sei im Sommer des Filmdrehs für ihn mehr Vater gewesen, als es sein Erzeuger je gewesen sei. Dass sich die anderen noch lebenden Ensemble-Mitglieder in der Vergangenheit ähnlich geäußert haben, zeigt, dass es besondere Wochen gewesen sein müssen, die diese paar Menschen miteinander verbracht haben.

Charakter-Psychologie im Gewand eines Abenteuerfilms
All das sieht man diesem Film an. Reiners größter Verdienst ist nicht, wie liebevoll er die Stimmung einer bestimmten Ära visuell eingefangen hat. Sondern, wie er seine Darsteller aufspielen und mit ihren Figuren verschmelzen ließ. Das gilt übrigens auch für die fantastischen Nebenrollen, etwa von John Cusack als Gordies Bruder Denny und vor allem von Kiefer Sutherland als der Bad Guy John „Ace“ Merrill, der stets bedenklich schwankt zwischen dem Auskosten seines Status als Anführer der lokalen Raufbolde auf der einen und nihilistischer Verzweiflung über sein Dasein in der Provinz auf der anderen Seite.
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Viel Charakter-Psychologie ist verpackt in das Gewand eines kurzweiligen Abenteuerfilms. Etwa wenn Teddy tief getroffen wird von dem Spott, den ein Schrotthändler für seinen Vater übrighat. Anstatt sich von dem Gewalttäter, der mittlerweile in einer Psychiatrie einsitzt, zu distanzieren, hat sich der Junge angewöhnt, ihn zu glorifizieren und zu parentifizieren. Ein Phänomen, das bei vernachlässigten oder misshandelten Kindern durchaus häufig ist.

Wie war das mit „Riesenarsch“?
Oder wenn Gordie und Chris sich gegenseitig ihren Kummer beichten und sich voreinander ihrer Tränen auch endlich einmal nicht schämen – die sie sich aber gegenseitig trocknen. Es ist Chris, der Gordie klarmacht, dass er nicht für immer mit den anderen beiden befreundet bleiben wird, da er das Zeug für die Hochschulreife hat und Vern und Teddy eben nicht. Andersrum ist es Gordie, der Chris auffordert, das Stigma, das ihm anhaftet, hinter sich zu lassen, da er es sehr wohl ebenso „rausschaffen“ kann.
Viel wird in Zusammenhang mit „Stand by me“ auch über die intradiegetische Erzählung gesprochen, wenn Gordie seinen Freunden am Lagerfeuer die Geschichte von „Riesenarsch“ erzählt, der für ein flächendeckendes Erbrechen auf dem jährlichen Pasteten-Wettessen sorgt. Manche Rezensenten sind gar darüber gestolpert und haben sich gefragt, ob diese Szene nicht hätte gestrichen werden können.
Dabei ist sie nicht nur eine „köstliche“ komödiantische Auszeit von der Haupthandlung. Nicht nur lässt sie uns noch mehr an dem Seelenleben und dem Humor der Vorpubertären teilhaben und sie uns deshalb noch plastischer erscheinen. Sie hat zwei noch viel wichtigere Funktionen.

Taktvolles Skript, tolle Inszenierung
Zum einen zeigt uns die Szene die unglaubliche Gabe, mit der Gordie gesegnet ist. Das erkennt jeder, der schon einmal von einem Kind aufgefordert wurde, aus dem Stehgreif eine Geschichte zu erzählen. Man vergleiche einmal seine eigene Performance mit der von Gordie. Zum anderen, und das ist viel wichtiger, merkt er anhand der Reaktionen von Vern und Tessio, dass Chris Recht hatte.
Dass er tatsächlich nicht für immer mit den beiden Jungen befreundet bleiben wird, die ihm doch so nah scheinen. Natürlich muss das an dieser Stelle nicht ausgesprochen werden, doch das taktvolle Skript, die tolle Inszenierung und Wheatons eindringliches Spiel machen jedes Wort überflüssig. Vergänglichkeit ist letztlich das eine übergeordnete Thema in diesem Film, der so viele Gedankengänge anzuregen vermag.
Damit schließt sich der Kreis zum eigentlichen Zweck des Abenteuers – der Suche nach der Leiche. Die vier Jungen dachten, sie hätten für ein abenteuerreiches Wochenende ihr Zuhause verlassen, doch ohne es zu merken, haben sie zum ersten Mal ihre Kindheit verlassen und haben den ersten Fuß in das Leben danach gesetzt.

Düstere Gedanken weichen melancholischer Stimmung
Schließlich speichert der erwachsene Gordie Lachance seinen Text ab, in dem er all das erzählt, denkt wehmütig an den armen Chris, schaltet den Computer aus und rauft mit seinen Söhnen, die schon ungeduldig warten, dass er sie ins Schwimmbad fährt. „Ich hatte später nie wieder Freunde, wie die, die ich mit zwölf hatte. Aber wer hat die schon?“, lautet eine der Hooklines des Films.
Und das ist es auch schon. Du wächst auf, du hast Freunde – manche für eine Weile, manche vielleicht fürs Leben. Du wirst erwachsen und suchst deinen Platz in der Welt. Du bekommst Kinder und bist für sie da. Du machst deinen Job so gut du kannst. Mehr ist es nicht. Aber das ist ok. Reiners Ausstieg unterscheidet sich von der Vorlage Stephen Kings. Letzterer lässt seinen Gordie noch über mehrere Seiten über die Leiche und ihr Schicksal nachdenken und dass Brower beim Beerenpflücken doch einen Korb dabeigehabt haben müsste, der irgendwo im Wald, von Moos bewachsen, die Überreste seines Trägers lange überdauern wird.
Diese Gedanken driften immer weiter ins Düstere ab – eine Stimmung, auf die King sich bestens versteht. Reiner verzichtet auf diese Düsternis und verwandelt sie in eine kathartische Melancholie. Dabei hilft ihm der Jahrhundert-Song von Ben E. King – der sogar Titel des Films ist. Was für eine gute Entscheidung.




