PILLION

Inhalt: Als der schüchterne Colin in einer Bar auf den charismatischen Ray trifft, ist es sofort um ihn geschehen. Dass der attraktive Biker ausgerechnet ihn zu seinem neuen Gefährten erwählt, kann er kaum fassen. Ray fordert absolute Unterwerfung, zu der Colin nur allzu gern bereit ist. Er putzt, kocht, kauft ein und schläft anstandslos auf dem Bettvorleger. Im Gegenzug öffnet ihm Ray die Tür zu einer aufregenden Welt wilder Abenteuer und sexueller Ekstase. Während sich seine Eltern zunehmend Sorgen machen, genießt Colin sein neues Leben in vollen Zügen. Doch langsam erwacht in ihm eine leise Sehnsucht nach etwas, das Ray ihm vielleicht niemals geben kann.

© Weltkino Filmverleih

Macht, Begehren und Selbstbehauptung

Es hat auf den ersten Blick alle Zutaten einer klassischen britischen Romantikkomödie. Eine zufällige Begegnung zur Weihnachtszeit. Ein unangenehmes erstes Treffen mit der Familie. Ein Hauch von Glamour. Doch Pillion ist in seiner ganzen zärtlichen, mutigen und bewusst entblößenden Offenheit weit mehr als das. Harry Lightons Film ist eine nuancierte, bejahende Erkundung von Intimität innerhalb einer Subkultur, die im Kino noch immer kaum sichtbar ist – und gerade deshalb so kraftvoll wirkt.

Lighton adaptiert Adam Mars-Jones’ Roman Box Hill mit der spürbaren Energie eines Regiedebüts, das nichts glätten oder erklären will. Stattdessen nimmt sich der Film Zeit, seinen Protagonisten Colin in all seinen Unsicherheiten, Sehnsüchten und Widersprüchen ernst zu nehmen. Der Einstieg ist bewusst unspektakulär: ein provinzieller Abend in der Stammkneipe, ein Auftritt im Barbershop-Quartett des Vaters, ein verkrampftes Blind Date. Und dann ist da Ray, der wie aus einer anderen Welt wirkt – groß, selbstsicher, sexuell eindeutig, ein Fremdkörper in Colins geordnetem Kleinstadtleben.

Alexander Skarsgård verleiht Ray eine körperliche Präsenz, die gleichermaßen anzieht und einschüchtert. Seine Lederjacke sitzt wie eine zweite Haut, seine Bewegungen sind kontrolliert, fast archetypisch. Was folgt, ist keine romantische Fantasie, sondern der Beginn einer unbeholfenen, zugleich faszinierenden BDSM-Beziehung, die Colin aus seiner Komfortzone reißt. Der Film benennt diese Dynamik offen, aber nie voyeuristisch. Sexualität ist hier kein Effekt, sondern Teil eines komplexen Prozesses zwischen Nähe, Macht und Identität.

Alexander Skarsgård in Pillion
© Foto: Chris HarrisAlexander Skarsgård in Pillion © Weltkino Filmverleih

Zwischen Schmerz und Lebendigkeit

Harry Melling trägt den Film mit bemerkenswerter Sensibilität. Er spielt Colin nicht als reines Opfer oder naiven Entdecker, sondern als jemanden, der sich vorsichtig neu definiert, auch dort, wo es wehtut. Colin ordnet sich unter, schläft auf dem Boden, erfüllt Regeln und Rituale, doch genau in dieser freiwilligen Unterwerfung beginnt eine Form von Selbstermächtigung. Lighton zeigt diese Entwicklung ohne Urteil, aber mit klarem Blick für die Ambivalenzen solcher Beziehungen.

Ein besonderer Reiz liegt in der Darstellung von Rays Community. Die BDSM-Biker erscheinen nicht als Karikaturen, sondern als Menschen mit Zusammenhalt, Humor und Verletzlichkeit. Gleichzeitig verweigert der Film einfache Antworten. Colins Beziehung zu Ray ist nicht nur erfüllend, sondern auch begrenzend. Das zeigt sich besonders im Umgang mit seiner todkranken Mutter Peggy, die ihn zwar unterstützt, aber an einer generationalen, heteronormativen Grenze scheitert. Auch hier bleibt Pillion ehrlich und widerspruchsvoll.

Es gibt keine saubere Auflösung, keinen romantischen Schlussstrich. Wie viele erste Lieben ist diese Beziehung prägend, chaotisch und hinterlässt Spuren. Doch genau darin liegt die Stärke des Films. Pillion feiert nicht das Happy End, sondern das Gefühl, durch eine intensive Erfahrung lebendiger geworden zu sein. Zwischen Leder, Kontrolle und Verletzlichkeit findet der Film eine unerwartete Form von Pathos.

Fazit: Eine unkonventionelle Liebesgeschichte, die dort berührt, wo Kino selten hinschaut. Pillion findet zwischen PVC und Leder echte Emotionen und zeigt, dass Intimität viele Formen haben kann. Verletzend, mutig und brillant.

Film Bewertung 9 / 10