Inhalt: Richard Linklater verneigt sich vor Jean-Luc Godard: Nouvelle Vague ist eine charmante, verspielte Hommage an „Außer Atem“, Kino, Jugend und die Magie des Filmemachens.
Kino als Spielplatz: Stil, Mythos und Magie
In den Filmen von Richard Linklater war immer schon ein Hauch Jean-Luc Godard spürbar. Von den formalen Spielereien in Waking Life und A Scanner Darkly-Der Dunkle Schirm über die dialogverliebten Gedankenspiele der Before-Trilogie bis hin zu den Videoexperimenten von Tape eint Linklaters Werk eine Nähe zur Ikone der französischen Nouvelle Vague. Nouvelle Vague mag für einen echten Godard-Film vielleicht leicht zugänglich sein, doch genau darin liegt seine Stärke. Diese französischsprachige Liebeserklärung an Außer Atem ist unbeschwert, humorvoll und durch und durch cineastisch. Sie ist eine Hommage an einen Regisseur, eine Bewegung und die Kunst des Filmemachens an sich.
Linklater interessiert sich wenig für die Schattenseiten seines Vorbilds, sondern vielmehr für dessen Energie, seinen kreativen Antrieb und den Mythos, der ihn begleitet. Godard wird hier nicht als gequältes Genie beschrieben, sondern als narzistischer und arroganter Unruhestifter, der stets eine Sonnenbrille trägt, Produzenten auf die Nerven geht, mit Lebensweisheiten um sich wirft und mit jeder Aktion an seiner eigenen Legende schraubt. Guillaume Marbeck verkörpert nicht nur sein Aussehen und seine Attitüde, sondern verleiht der Figur auch eine fast unerwartete Nahbarkeit, die man dem echten Godard ansonsten eher selten attestieren würde.
Ästhetisch bewegt sich Nouvelle Vague geschickt zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das klassische Kinoformat, die schönen Schwarz-Weiß-Bilder und der bewusste Retro-Look werden mit kaum sichtbaren digitalen Effekten kombiniert, die das pulsierende Paris der späten 1950er Jahre wieder zum Leben erwecken. Mit viel Liebe zum Detail inszenierte Sequenzen erzählen von den chaotischen Dreharbeiten zu Außer Atem mit all ihren Improvisationen, Unterbrechungen und kreativen Geistesblitzen.

Filmgeschichte als Lebensgefühl
Godard schickt die Crew nach Hause, um auf Inspiration zu warten. Es gibt Streit, Auseinandersetzungen, Experimentierfreudigkeit. Und mittendrin befindet sich eine genervte Jean Seberg, gespielt von Zoey Deutch, die wunderbar die amerikanische Sichtweise auf dieses anarchische Filmset verkörpert. Besonders charmant ist die Zusammenarbeit des Ensembles. Die Crew wird als bunt gemischte, lebhafte Gemeinschaft dargestellt, deren Mitglieder mit Zwischentiteln im Stil der Nouvelle Vague vorgestellt werden. Das ist nicht nur verspielt, sondern erinnert auch klar daran, dass selbst der größte Autorenfilm das Ergebnis von Zusammenarbeit ist.
Benjamin Clery, als Regieassistent Pierre Rissient, entpuppt sich als heimlicher Szenendieb, der vor Tatendrang und Hingabe nur so brennt. Für Cineasten ist Nouvelle Vague ein Fest. Linklater rekonstruiert ikonische Momente aus Außer Atem mit viel Liebe zum Detail. Angefangen beim Spaziergang über die Champs-Élysées bis hin zur legendären Schlussszene. Gleichzeitig funktioniert der Film auch ohne umfangreiches Vorwissen. Denn im Kern feiert er etwas Universelles: die Euphorie junger Menschen, die sich zusammenfinden, um etwas Neues zu schaffen, getrieben von Neugier, Mut und dem Glauben an die Kunst.
Besondere Erwähnung verdient die hervorragende Besetzung. Stéphane Batut hat eine beeindruckende Schaupielerriege zusammengebracht, die Filmgrößen wie François Truffaut, Jean-Pierre Melville, Roberto Rossellini und Agnès Varda mit erstaunlicher Detailtreue zum Leben erweckt. Es ist ein Liebesbrief an die Filmgeschichte, ohne jemals intellektuell zu wirken, sondern mit viel Begeisterung und Leidenschaft erzählt.
Fazit: Nouvelle Vague erreicht vielleicht nicht die Radikalität von Godards eigenen Filmen, doch er gleicht das mit Charme und spürbarer Liebe zum Kino mehr als aus. Linklater gelingt ein beschwingter, inspirierender Blick auf Kreativität, Jugend, Paris und die Coolness der 60er Jahre. Filmgeschichte war selten so zugänglich und so beschwingt.
Film Bewertung 8 / 10






