MEMORY HOTEL

Ein filmisches Zeitdokument, das seinesgleichen sucht: Heinrich Sabls Memory Hotel erzählt in aufwendiger Handarbeit und mit künstlerischer Wucht vom Trauma der Nachkriegszeit – und vom unaufhaltsamen Lauf der Erinnerung.

Zwischen sowjetischer Besatzung und persönlichem Trauma: Ein Hotel als Bühne der Geschichte

Deutschland 1945: In einer Welt zwischen Kapitulation und Neubeginn wird die kleine Sophie zur unfreiwilligen Zeugin einer tragischen Zeitenwende. Auf der Flucht vor der Roten Armee kehrt ihre Familie in einem abgelegenen Hotel ein – ein Ort, der bald zum Schauplatz des Schreckens wird. Der Nazi-Offizier Scharf und sein junger Handlanger Beckmann bringen nicht nur Gewalt, sondern auch endgültige Trennung: Sophies Eltern sterben im Kampf, sie selbst verliert nicht nur ihre Familie, sondern auch ihre Erinnerung.

Was folgt, ist keine klassische Kriegsgeschichte, sondern eine surreale Odyssee der Selbstfindung. In den Mauern des von sowjetischen Truppen übernommenen Hotels wird Sophie zur Köchin. Jahre, Jahrzehnte vergehen – und während sie älter wird, scheint sich ihr Schicksal zwischen Küchendunst, Propaganda und unausgesprochener Vergangenheit einzufrieren. Doch die Wahrheit liegt begraben im Bauch des Hauses – und wartet, entdeckt zu werden.

© Neue Visionen Filmverleih

25 Jahre Stop-Motion-Kunst: Ein Monument der filmischen Geduld

Memory Hotel ist weit mehr als ein Film – es ist ein Manifest für analoge Filmkunst. Heinrich Sabl arbeitete über ein Vierteljahrhundert an dem Projekt. Das Ergebnis: eine berührende Parabel, in Szene gesetzt mit Stop-Motion-Technik, die in ihrer Komplexität, Tiefe und visuellen Handschrift an Werke wie Jan Švankmajer oder Jiří Trnka erinnert, dabei aber eine völlig eigenständige deutsche Erzählweise findet. Figuren aus Wachs, Holz und Draht erwachen in detailreichen Kulissen zum Leben, getragen von einer melancholischen Kamera und einer Inszenierung, die Historie in eine düstere Fabel verwandelt.

Die Parallelen zur realen Nachkriegsgeschichte sind unübersehbar – doch Sabls Werk bleibt immer mehr als historische Illustration. Es ist ein Kino der Erinnerungsfragmente, der inneren Rekonstruktion, das eindringlich zeigt, wie Vergangenheit in Körper und Raum weiterlebt – und wie die Suche nach Wahrheit letztlich zu einer Reise ins eigene Ich wird.

Mit Memory Hotel gelingt Heinrich Sabl ein ebenso intimes wie epochales Kunstwerk, das tief im Gedächtnis nachhallt. Formal außergewöhnlich, erzählerisch eindringlich und emotional überwältigend: Dieser Film ist ein Geschenk an das Kino – und an eine Gesellschaft, die sich ihrer Geschichte stellen will.