Inhalt: Mit HAMNET kehrt Oscar®-Gewinnerin Chloé Zhao auf die große Leinwand zurück. In der Verfilmung des gefeierten Romans von Maggie O’Farrell, die gemeinsam mit Zhao auch das Drehbuch verfasste, wird die Geschichte von William Shakespeares Familie erzählt. Aus Sicht seiner empfindsamen Frau Agnes erlebt man, wie sie sich in den großen Barden verliebt und die beiden ein gemeinsames Leben planen. Als ihr einziger Sohn Hamnet im Alter von elf Jahren durch die Pest ums Leben kommt, droht ihre große Liebe zu ersticken. Mitten in dieser furchtbaren persönlichen Tragödie beginnt Shakespeare in tiefer Verzweiflung und Trauer, „Hamlet“ zu schreiben, eines der großen Dramen der Literaturgeschichte.
Ein Historiendrama, das den Blick weg vom Mythos und hin zum menschlichen Verlust richtet
Über William Shakespeare wissen wir erstaunlich wenig. Die wenigen gesicherten Fakten über den berühmtesten Dramatiker der Welt stammen aus lückenhaften öffentlichen Dokumenten und mündlichen Überlieferungen. Eine dieser Tatsachen ist jedoch unbestreitbar. Shakespeare hatte einen Sohn namens Hamnet, der 1596 im Alter von nur elf Jahren starb, höchstwahrscheinlich an den folgen der Pest. Drei Jahre später schrieb Shakespeare sein wohl berühmtestes Werk: Hamlet.
Diese scheinbar beiläufige, oft übersehene biografische Fußnote bildete den Ausgangspunkt für Maggie O’Farrells Roman Hamnet aus dem Jahr 2020. Das Buch ist weit mehr als eine literarische Ursprungsgeschichte von Hamlet. Es ist eine intensive Meditation über Verlust, über Trauer als schöpferische Kraft und über die Art, wie Kunst aus Schmerz geboren wird. Zugleich rückt es den berühmten Dichter bewusst aus dem Zentrum und stellt stattdessen seine Frau Agnes in den Mittelpunkt.
Für Chloé Zhao wirkt dieses Material auf den ersten Blick wie eine ungewöhnliche Wahl. Doch wie schon bei Nomadland oder The Rider interessiert sich Zhao weniger für historische Ausmaße als für Menschen, die im Schatten größerer Erzählungen stehen. Hamnet ist kein Film über den Ruhm Shakespeares, sondern über jene Tragödie, die in der Geschichtsschreibung meist nur als Randnotiz existiert.

Agnes, William und ein Leben vor der Tragödie
Das Drehbuch, das Zhao gemeinsam mit O’Farrell schrieb, entscheidet sich im Gegensatz zum Roman für eine weitgehend lineare Erzählweise. Zwar tauchen immer wieder symbolische Vorzeichen auf, steigendes Wasser, ein Bienenschwarm, doch der Film beginnt zunächst überraschend romantisch. Die erste Begegnung zwischen William Shakespeare, gespielt von Paul Mescal, und Agnes, verkörpert von Jessie Buckley, ist von großer Zärtlichkeit geprägt.
Agnes wird als naturverbundene Frau mit seherischen Fähigkeiten vorgestellt, William als Mann der Worte, dem es schwerfällt, seine Gefühle auszudrücken. Ihre Liebesgeschichte ist leidenschaftlich, direkt und sinnlich. Zhao inszeniert diese Verbindung mit einer neugierigen Kamera, die Gesichter ebenso aufmerksam erkundet wie die Landschaften rund um Stratford. Die elisabethanische Welt erscheint hier als Schauplatz voller Handwerkskunst, Rituale und klarer sozialer Hierarchien, in dem Agnes dennoch eine unspektakuläre, jedoch unabhängige Stärke besitzt.
Besonders eindrucksvoll sind die Geburtsszenen, die die körperliche Realität weiblicher Erfahrung in einer patriarchalen Ordnung betonen. Emily Watson überzeugt als Shakespeares Mutter Mary mit einer Mischung aus Zurückhaltung, Skepsis und tiefem, unausgesprochenem Mitgefühl. Die stillen Begegnungen zwischen Agnes und Mary gehören zu den bewegenden Momenten des Films und unterstreichen dessen Blick auf weibliche Solidarität.

Verlust, Theater und die Kraft der Katharsis
Wenn die Tragödie eintritt, trifft sie mit voller Wucht. Der Tod Hamnets wird nicht sensationslüstern inszeniert, sondern als schleichende, körperlich spürbare Katastrophe. Die Darsteller vermitteln Trauer als etwas Erdrückendes, Atemraubendes. Besonders Buckley gelingt es, Schmerz greifbar zu machen, ohne ihn zu stilisieren. Jacobi Jupe spielt Hamnet als sensiblen, zutiefst liebenswerten Jungen, dessen Abwesenheit das emotionale Zentrum des Films dauerhaft prägt.
Zhaos naturalistischer Ansatz, insbesondere in der Arbeit mit den Kindern, verleiht dem Film große Authentizität, auch wenn sich gelegentlich kleine ahistorische Brüche einschleichen. Ebenso nimmt sich das Drehbuch Freiheiten im Umgang mit Shakespeares Werk, etwa wenn angedeutet wird, er habe schon früh Ideen zu Romeo und Julia entwickelt. Diese Details treten jedoch angesichts des emotionalen Finales in den Hintergrund. Der Höhepunkt des Films ist Agnes’ Reise nach London, um eine Aufführung von Hamlet zu sehen. Zhao nutzt diese Sequenz meisterhaft.
Auf der Bühne des Globe Theatre sehen wir zentrale Szenen des Stücks, mit Noah Jupe als jungem Prinzen Hamlet. Theater und Leben verschmelzen, während das Publikum Zeuge eines kollektiven Verarbeitungs-Prozesses wird. Die Verwendung von Max Richters On The Nature Of Daylight könnte in anderen Händen kalkuliert wirken, doch hier fühlt sie sich verdient an. Es ist ein Moment reiner filmischer Katharsis, in dem Trauer nicht erklärt, sondern durchlebt wird.
Fazit: Mit Hamnet gelingt Chloé Zhao ein zutiefst bewegendes Historiendrama, das den Blick weg vom Mythos und hin zum menschlichen Verlust richtet. Getragen von herausragenden Darstellungen und einer klaren, selbstbewussten Vision ist der Film eine erschütternde Auseinandersetzung mit Tod, Erinnerung und der heilenden Kraft der Kunst.
Film Bewertung 9 / 10
