FATHER MOTHER SISTER BROTHER

Inhalt: Drei miteinander verbundene Geschichten kreisen um die Beziehungen erwachsener Kinder zu ihren oft emotional distanzierten Eltern – und um die Spannungen, Nähegesten und Bruchlinien zwischen Geschwistern. Jede Episode ist in der Gegenwart angesiedelt, jede in einem anderen Land: FATHER spielt im Nordosten der USA, MOTHER in Dublin und SISTER BROTHER in Paris.

© Weltkino Filmverleih

Drei Kapitel, drei Familien, ein zentrales Thema: Verlust

Nach dem Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig und dem prominenten Auftritt beim NYFF63 schien alles angerichtet für das ultimative Jim-Jarmusch-Werk. Father Mother Sister Brother wurde gegen Titel wie No Other Choice, The Voice of Hind Rajab und The Testament of Ann Lee ausgezeichnet. Eine Entscheidung, die nicht wenige bereits als vorhersehbar empfanden. Erwartet wurde nichts weniger als der „typischste Jarmusch aller Zeiten“. Geliefert wird ein ruhiges, trocken-witziges, dreiteiliges Familienporträt über Heimkehr, Verlust und Verdrängung – charmant, aber nicht eines der stärksten Werke des Regisseurs.

Der Film ist in drei Kapitel gegliedert: Father, Mother und Sister, Brother. Verbunden werden sie durch kaleidoskopische grüne Überblendungen, die den episodischen Charakter visuell zusammenhalten. Im ersten Teil Father besuchen die neurotischen Geschwister Jeff (Adam Driver) und Emily (Mayim Bialik) kurz nach dem Tod ihrer Mutter ihren geheimnisvollen Vater (Tom Waits) in einer abgelegenen Waldhütte. Die klaustrophobische Atmosphäre, das vorsichtige Abtasten im Dialog und der schmerzhafte Subtext einer entfremdeten Familie bestimmen den Ton.

Nahtlos folgt das Kapitel Mother. In Dublin besuchen die gegensätzlichen Schwestern Timothea (Cate Blanchett), kontrolliert und souverän, sowie Lilith (Vicky Krieps), freigeistig und ungebunden, ihre berühmte Schriftsteller-Mutter (Charlotte Rampling) zu deren jährlichem Tee. Den Abschluss bildet Sister, Brother. Die Zwillinge Skye (Indya Moore) und Billy (Luka Sabbat) kehren in die Pariser Wohnung ihrer verstorbenen Eltern zurück, um deren Besitz zu ordnen. Dabei stoßen sie auf eine kriminelle Vergangenheit der Eltern, die an Bonnie-and-Clyde-Mythologie erinnert.

FATHER MOTHER SISTER BROTHER
© Vague Notion, Foto Frederick Elmes © Weltkino Filmverleih

Minimalismus, trockenes Timing und das Unbehagen der Rückkehr

Regisseur Jim Jarmusch bleibt seinem statischen, minimalistischen Stil vollständig treu. Die Kamera beobachtet distanziert, Dialoge sind spärlich, Blicke und Pausen sprechen oft lauter als Worte. Gerade in den ersten beiden Kapiteln entsteht daraus eine präzise Studie über das emotionale Schweigen innerhalb von Familien. Die sterile Atmosphäre der Innenräume, die zögernden Gespräche und das angespannte Nebeneinander fangen die universelle Erfahrung ein, einen entfremdeten Elternteil nach einem Verlust zu besuchen.

Diese banale Wahrheit des Lebens wird hier zur subtilen Horrorform. Peinlicher Humor, Unterdrückung, Selbstschutz und Verdrängung greifen ineinander. Besonders das zweite Kapitel erweist sich als emotionaler Höhepunkt. Blanchett und Krieps liefern extrovertierte, zugleich düstere Darstellungen. Auffällig ist die zurückkehrende Jugendlichkeit im Verhalten der Töchter, sobald sie sich wieder im elterlichen Raum bewegen, während Rampling als Matriarchin die Atmosphäre bestimmt. Wiederkehrende Motive wie Rolex-Uhren oder das Anstoßen mit Tee schaffen lose Verbindungslinien zwischen den Episoden.

Tonaler Bruch im Finale und verschenktes Potenzial

Das letzte Kapitel Sister, Brother verschiebt die Tonlage deutlich. Statt trockener Beobachtung dominiert nun ein selbst ernstes Drama. Die Entdeckung der kriminellen Vergangenheit der Eltern verleiht dem Film zwar zusätzliche Gravitas, lässt ihn jedoch zugleich wie ein völlig anderes Werk wirken. Stilistisch bleibt Jarmusch seiner Reduktion treu, doch die neue Ernsthaftigkeit entfernt sich spürbar von der zuvor etablierten leisen Komik.

Gerettet wird dieser Teil vor allem durch die glaubwürdige Chemie zwischen Indya Moore und Luka Sabbat. Dennoch entsteht der Eindruck, als würde hier ein weiteres, eigenständiges Projekt beginnen. Der Bruch im Ton verhindert, dass sich das Triptychon zu einem wirklich geschlossenen Gesamtbild verdichtet.

Fazit: Father Mother Sister Brother ist über weite Strecken charmant, fein beobachtet und handwerklich präzise, kratzt jedoch nur an der Oberfläche seines großen Themas. Zwei der drei Kapitel besitzen emotionale Kraft, doch das Gesamtwerk verpasst die Chance, aus diesen Vignetten ein wirklich tiefgehendes, einheitliches Familienporträt zu formen. Das Potenzial ist deutlich spürbar, bleibt aber unausgeschöpft.

Film Bewertung 6 / 10