DIE STIMME VON HIND RAJAB

Inhalt: Am 29. Januar 2024 erreicht die Mitarbeitenden des Palästinensischen Roten Halbmonds ein Notruf aus Gaza: Ein Auto steht unter Beschuss, in dem die sechsjährige Hind Rajab eingeschlossen ist und um Hilfe fleht. Während die Mitarbeitenden versuchen, das Mädchen in der Leitung zu halten, unternehmen sie alles, um sie zu retten. Mit einer Kombination aus gespielten Szenen und den originalen Tonaufnahmen des Notrufs rekonstruiert Regisseurin Kaouther Ben Hania den verzweifelten Rettungsversuch. Ein Film, der nicht nur dokumentiert, sondern einen mit seinem schonungslosen Blick nicht mehr loslässt.

© ARTHAUS

Minimalismus als moralische Entscheidung

Es ist schwierig, etwas so Verheerendes und Kompromissloses wie Die Stimme von Hind Rajab mit der gewohnten kritischen Distanz zu betrachten. Dieser Film entzieht sich klassischen Bewertungsmaßstäben. Es ist weniger Kino im traditionellen Sinne als vielmehr ein brandaktuelles, erschütterndes Zeugnis unserer jüngsten Geschichte. Ein Dokudrama, das reale Audioaufnahmen mit einer dramatisierten Rekonstruktion verbindet und den Zuschauer zwingt, zuzuhören.

Im Januar 2024 erhielten Freiwillige des Roten Halbmonds einen Notruf aus Gaza. Am anderen Ende der Leitung: Hind Rajab, ein fünfjähriges palästinensisches Mädchen. Gefangen in einem Auto, Schüsse im Hintergrund, panische Atemzüge. Sie flehte um Rettung. Dass diese Rettungsversuche scheiterten, ist kein Spoiler. Der Film macht das gleich zu Beginn unmissverständlich klar. Genau darin liegt seine radikale Haltung: Er erzählt nicht von Hoffnung, sondern vom Warten und Bangen in den letzten Minuten eines Kindes.

Die echte Stimme Hind Rajabs, deren Aufnahmen sich nach ihrem Tod viral verbreiteten, bildet das emotionale Zentrum des Films. Sie steht exemplarisch für Tausende ähnliche Geschichten aus Gaza seit dem Angriff der Hamas am 07. Oktober 2023 und den darauffolgenden israelischen Militäroperationen, bei denen laut internationalen Berichten Zehntausende Zivilisten, darunter unzählige Kinder, getötet wurden. Die Stimme von Hind Rajab ist eine einzelne Geschichte, doch sie trägt das Gewicht eines kollektiven Traumas.

Die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania, die bereits mit „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ für den Oscar nominiert war, trifft eine bewusste formale Entscheidung. Hind Rajab selbst wird nicht visualisiert. Stattdessen spielt der Film fast ausschließlich in den Büros des Roten Halbmonds im Westjordanland. Dort sitzen die Notfallhelfer, hören zu, beruhigen, hoffen, verzweifeln und kämpfen sich durch die Mühlen militärischer und administrativer Bürokratie.

DIE STIMME VON HIND RAJAB
DIE STIMME VON HIND RAJAB © Studiocanal / Arthaus

Kino an der Grenze des Erträglichen

Mit rund 70 Minuten realer Audioaufnahmen konfrontiert Ben Hania ihre Schauspieler mit einer Authentizität, die kaum auszuhalten ist. Die Emotionen stellen sich unmittelbar ein. Der Schrecken steigert sich, als klar wird, dass Hind allein in einem Auto festsitzt, umgeben von den Leichen ihrer Familie, die Opfer eines Angriffs wurden. Was folgt, ist eine beklemmende Pattsituation zwischen Hoffnung und Ohnmacht. Der Film wechselt dabei mühelos zwischen realem Horror und politischem Thriller. Wenn das Team fieberhaft versucht, eine sichere Route für einen Krankenwagen auszuhandeln, entwickelt sich eine Spannung, die jede Fiktion mühelos übertrifft.

Nicht jede kreative Entscheidung ist gelungen. Es gibt eine Szene, in der Bilder von echter Rettungsarbeit mit nachgestellten Szenen vermischt werden, was für kurze Verwirrung sorgt. Der Fokus verlagert sich dadurch eher auf die Inszenierung als auf die Ereignisse selbst. Aber das sind nur Nebensächlichkeiten angesichts der Wucht des Themas. Der Film ist in seinem Ton absolut schonungslos. Nuancierung wäre hier irgendwie deplatziert. Die Stimme von Hind Rajab will nicht beruhigen, nicht relativieren, nicht ausgleichen. Die emotionale Belastung ist enorm hoch. Dieser Film ist nichts für einen beiläufigen Popcorn-Kinoabend. Er fordert, überfordert und konfrontiert. Und genau das ist seine Stärke.

Ben Hanias Werk versteht sich als historisches Dokument, als Anklage und als Akt des Erinnerns. Er hält fest, was eine UN-Kommission inzwischen als Völkermord bezeichnet hat. Vor allem aber bewahrt er die Stimme eines Kindes, das gehört werden wollte. Hind Rajab hatte eine Stimme. Dieser Film stellt die entscheidende Frage: Sind wir bereit, ihr zuzuhören?

Fazit: Das Kino in seiner kraftvollsten Form. Die Kombination aus authentischen Tonmitschnitten und eindringlicher Dramatisierung ist herzzerreißend und zutiefst erschütternd. Ein Film, der nicht gefallen soll, sondern notwendig ist.

Film Bewertung 9 / 10