Was zunächst wie ein verwunschenes Traumhaus in den Wäldern Finnlands aussieht, entpuppt sich als äußerst renovierungsbedürftiges neues Zuhause von Saga und ihrem englischen Ehemann Jon. Doch das Haus von Sagas Oma birgt auch noch so manch anderes Geheimnis. Während Saga und Jon in der Familienplanung aufgehen und bald ihr erster Sohn geboren wird, treibt das Böse schon sein Unwesen.
Die Geburt verläuft anders als gedacht und Saga kann zunächst durch immense Verletzungen körperlich nicht viel bewerkstelligen. Ihr sehr stark behaartes Baby schreit zudem ununterbrochen und raubt Saga nicht nur den Schlaf. Schon bald beginnt sie zu vermuten, dass ihr Baby anders ist und will es am liebsten wieder loswerden. Die finnische Regisseurin Hanna Bergholm realisiert mit „Yön Lapsi“ einen düsteren, märchenhaft angehauchten Horrorfilm über das Mutterwerden mit allen Facetten. Und dabei schafft sie es sehr treffend, die verschiedenen Stadien und Problematiken, die eine Schwangerschaft und Geburt mit sich bringen, abzuhandeln. Sei es die Wochenbettblutungen, welche erfrischender Weise auch gezeigt werden, die wunden Nippel nach dem Stillen und das Fremdfühlen im eigenen Körper.
Es wird nichts geschönt dargestellt, wie es gerne mal in den sozialen Medien der Fall sein mag. Viel mehr nimmt der Film diese Probleme und verwandelt sie in ein grausiges Abbild. Wunde Nippel werden hier zu fleischig blutenden Verletzungen, das Schreien des Babys zu monsterähnlichem Gebrüll, ihr Körper zu einem von Narben übersäten, wulstigen Berg mit Klauen als Fingernägeln.

Der Film schafft eine beängstigende Atmosphäre
Aber auch das Zurückziehen, sich erst in die neue Rolle einfinden müssen, das veränderte Eheleben und auch der wenige Kontakt nach außen werden hier fabelhaft wiedergegeben. Die Bindung von Mutter und Kind ist nicht immer verständlich für andere Personen und das spiegelt sich vor allem in Szenen wider, wenn die beiden in ihrer eigenen Sprache miteinander kommunizieren, eine Sprache, die nur sie sprechen und die in tierähnlichen Lauten stattfindet. Aber auch ein Moment, in dem Saga mal wieder ihre Freunde trifft, bleibt als starkes Bild hängen. Denn während Jon mit dem Baby zu Hause alleine ist, weckt für Saga das Schreien eines anderen Babys Schuldgefühle.
Die Mutterfigur im Film wird immer mehr selbst zu einer Art Monster, welches sich zunächst gegen das Kind wehrt, es als Kreatur abtut und den Abstand sucht. Immer wieder schafft es der Film durch die Augen der Mutter, diese neue Situation einzufangen. Auf einer Familienfeier sieht sie nur die abschätzigen Blicke, hört die Weisheiten und Ratschläge der anderen Mütter. Sie wird nicht mehr als Saga wahrgenommen, sondern nur noch als Mutter. Während jeder ihrer Schritte bemessen und diskutiert wird, ist es Jon, der in den Hintergrund rückt und immer unwichtiger zu werden scheint. Saga wird immer einsamer, ist immer mehr alleine mit dem Kind, das sie nicht versteht. Bis Saga beginnt, die Nahrung des Babys umzustellen.
Die beängstigende Atmosphäre, die Bergholm hierbei erschafft, ist faszinierend. Man wird hineingezogen in diese Welt aus Bäumen, die Formen von Gestalten annehmen, von mystischen Märchen und diesem Baby, das nicht aus dieser Welt zu stammen scheint. Und gerade die Art und Weise, wie der Film dieses Baby in seine Bilder integriert, ist wahrlich gelungen. Verschmilzt das Gesicht doch immer mit den Schafften. Wenn der Zuschauer dann etwas zu sehen bekommt, ist es gerade mal der behaarte Rücken oder eine Hand. Erst zum Schluss, als Saga das Kind akzeptiert, sieht der Zuschauer es als Ganzes.

Zum Ende hin schafft es die Geschichte nicht mehr zu überzeugen
Doch während der erste Teil des Filmes in seiner Erzählweise funktioniert und spannend, blutig, lustig und an den richtigen Stellen überzogen daherkommt, wird es zum Ende hin immer wirrer und wirrer. Man bekommt das Gefühl, dass Bergholm selbst unsicher war, welche Reise ihre Geschichte nehmen soll. Und so schafft es der Film leider, den falschen Weg einzuschlagen, um in einem chaotischen, Albtraum haften Chaos zu enden, welches nicht nur abstoßend, sondern auch äußerst fragwürdig erscheint.
Während man immer wieder Parallelen zur Realität erkennt und einem bewusst wird, was Bergholm mit ihrer Geschichte erzählen will, schafft es das Ende leider überhaupt nicht mehr überzeugend zu sein. Schade ist auch, dass der Film immer wieder finnische Sagen anspricht, ohne diese jemals aufzugreifen. Wir erfahren etwas von Trollen, die empfindlich auf Eisen reagieren, wir sehen Fratzen in den Bäumen, mystische Gestalten, aber die ganze Geschichte bleibt uns verborgen. Somit erklärt sich uns auch nicht Sagas Vermutung, was ihr Kind sein könnte.
Denn um zu verstehen, was Saga in all den kleinen Veränderungen in ihrem Kind, dem Haus und dem Wald sieht, müsste es mehr Einblicke in ihre Gedankenwelt, Rückblicke in ihre Kindheit oder in die Fantasien ihrer Oma geben, welche scheinbar ebenfalls von den Sagen überzeugt war. Doch hier lässt der Film den Zuschauer nur mit Andeutungen zurück. Auch die Figur des Jon, die zunächst als interessanter Gegenpart zu Saga in die ihm neu auferlegte Rolle schlüpft, wird nach und nach zur Randfigur. Am Ende fällt es kaum noch auf, ob er noch Teil der Handlung ist oder nicht. Dabei hätte der Film hier auch die Möglichkeit gehabt, einen Perspektivwechsel zu machen oder ihn noch mehr als Vaterfigur zu integrieren.
So bekommt man das Gefühl, dass Jon ein sehr oberflächlicher Charakter ist, welcher die altmodische Sichtweise des hart arbeitenden Ehemannes innehat, der dann seine Frau recht schnell als psychisch labil abstempelt. Leider eine recht schwache Männerfigur, die deutlich mehr Potenzial gehabt hätte, vor allem da dem Darsteller Rupert Grint nicht einmal die Chance gegeben wird, diese Rolle auszufüllen. Dafür tut es Seidi Haarla als Saga umso mehr und schafft es, die schleichenden Veränderungen in ihrem Wesen ziemlich gelungen wiederzugeben.
Fazit: Am Ende ist Bergholms Werk ein einfach gestrickter Psychothriller mit einigen Horrorelementen, die aber recht harmlos sind. In Erinnerungen bleiben die Szenen, die mit sehr viel Liebe zum Detail und mit sehr durchdachter Kameraarbeit inszeniert sind. Dazu zählt die Geburt des Kindes, welche recht blutig dargestellt wird. Aber auch weitere drastischen Szenen, wie z.B. Amputationen und Verletzungen sind hier fast schon Tarantino-mäßig in Szene gesetzt und dürften neben den teilweise derben Dialogen für die meisten Lacher sorgen. Ein unterhaltsamer Blick auf ein Thema, dass man gerne des Öfteren kritisch beleuchten darf, inklusive seiner Vorurteile und negativen Aspekten, die üblicherweise gerne unter den Teppich gekehrt werden.
Film Bewertung 7 / 10





